
Einführung
Um den österreichischen Widerstand gegen das EU-Mercosur–Partnerschaftsabkommen entsprechend einordnen zu können, werden anschließend in einem weiteren Artikel mit dem Mercosur-Abkommen „konkurrierende“ Freihandelsabkommen der EU mit Drittstaaten aufgelistet und dabei untersucht, warum es in den parallelen Handelsabkommen der EU mit Indien, Indonesien, Australien, den Philippinen und Mexiko, zu keinem größeren Widerstand bzw. einer definitiven Ablehnung des Mercosur-Abkommens gekommen ist, so wie dies in Österreich der Fall war.
Diese Abkommen werden deutlich weniger kontrovers diskutiert als das EU-Mercosur–Partnerschaftsabkommen, da in ihnen politisch heikle Bereiche des Agrarsektors entweder völlig ausgeklammert oder durch geringe Importquoten zum Schutz der Bauern stark entschärft wurden.
Wie eine allgemeine Übersicht zum Verhandlungsstand der künftigen Freihandelsabkommen der EU ergibt, verhandelt die EU gegenwärtig mit insgesamt zwanzig Ländern und Ländergruppen aktuell Freihandelsabkommen.[1] Neben dem südamerikanischen Raum (Mercosur) konzentriert sich die EU dabei verstärkt auf den indo-pazifischen Raum und ist dabei bemüht, nach Indien nunmehr auch mit Indonesien, Australien, den Philippinen, aber auch mit Mexiko, Freihandelsabkommen abzuschließen. Der Abschluss weiterer Handelsabkommen – mit Malaysia, Thailand und den Vereinigten Arabischen Emiraten – steht an.[2]
Die erstgenannten fünf Abkommen sollen nachstehend kurz dargestellt werden, damit sie mit den beiden Mercosur-Abkommen (mit der EU und der EFTA), die in Teil 1) und Teil 2) dargestellt wurden, verglichen werden können.
Handelsabkommen EU-Indien
Zunächst soll ein Blick auf das verwandte Handelsabkommen EU-Indien geworfen und dessen Unterschiede zum EU-Mercosur-Partnerschaftsabkommen kurz dargestellt werden. Seit dem Beginn der Verhandlungen im Jahr 2007 haben sich die EU und Indien nach fast zwei Jahrzehnten Verhandlungsdauer auf ein Handelsabkommen geeinigt, das am 27. Jänner 2026 von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indiens Premier Narendra Modi in Neu-Delhi unterzeichnet wurde.[3] Indien ist mit mehr als 1,45 Mrd. Einwohnern das weltweit bevölkerungsreichste Land und die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt.[4] Die EU ist Indiens wichtigster Handelspartner: 2024 entfielen Warenströme im Wert von 120 Mrd. Euro, was 11,5% von Indiens gesamtem Handelsvolumen entspricht, auf den bilateralen Handel: 48,8 Mrd. Euro EU-Exporte nach Indien und 71,4 Mrd. Euro Importe aus Indien in die EU.
In der EU leben rund 450 Mio. Menschen. Gemeinsam repräsentieren Indien und die EU mit zwei Mrd. Menschen nahezu ein Viertel der Weltbevölkerung und ein Viertel des weltweiten BIP.[5]
Die EU importiert Maschinen, Textilien, chemische und mineralische Produkte aus Indien, und exportiert vor allem Maschinen, Transportequipment, Industrieerzeugnisse und chemische Produkte nach Indien. Der gesamte bilaterale Warenhandel belief sich 2024 auf 120 Mrd. Euro, was 11,5% des gesamten indischen Handelsvolumens und 2,4% jenes der EU entspricht. Die EU ist Indiens größter Handelspartner und hat 2024 Waren im Wert von 71,3 Mrd. Euro (51% Maschinen und Fahrzeuge, 16% Chemische Produkte) nach Indien exportiert. Indien wiederum ist der neuntgrößte Handelspartner für die EU und hat 2024 Waren im Wert von 48,7 Mrd. Euro (27% Maschinen, Fahrzeuge, 23% Chemische Produkte) in die EU exportiert. 6.000 europäische Unternehmen sind in Indien tätig, davon 160 aus Österreich,[6] von denen 65 Produktionsunternehmen sind.
Der Handel mit Dienstleistungen belief sich im Jahr 2024 auf 59,8 Mrd. Euro, wobei die EU-Exporte 26 Mrd. Euro und die Importe 33,8 Mrd. Euro betrugen. Fügt man dem Warenhandel noch den Dienstleistungshandel hinzu, dann beträgt die Gesamtsumme des Handels 180 Mrd. Euro pro Jahr, wodurch fast 800.000 Arbeitsplätze in der EU gesichert wären.
Indien wird der EU Zollsenkungen gewähren, wie keinem seiner bisherigen Handelspartner: So werden zB die Zölle auf Einfuhren von Pkw – mit einem Kontingent von 250.000 Fahrzeugen pro Jahr – schrittweise von 110% auf 10% abgesenkt. Weitere hohe Zölle von bis zu 44% auf Maschinen, 22% auf Chemikalien und 11% auf Arzneimittel werden größtenteils auf 0% reduziert.[7]
Ebenso werden die Zölle auf EU-Einfuhren von Agrar- und Lebensmittelerzeugnissen – die durchschnittlich über 36% betragen und bis auf 150% steigen können[8] – ganz abgeschafft oder stark abgesenkt und sensible europäische Agrarprodukte, wie zB Rindfleisch und Geflügel, Zucker und Ethanol, Reis und Weichweizen, Milchpulver, Bananen und Honig, werden überhaupt nicht liberalisiert. Gut abgestimmte Quoten werden die Einfuhr von Tafeltrauben und Gurken begrenzen.[9] Damit sind ähnliche politische Konflikte wie beim EU-Mercosur-Abkommen nicht zu erwarten.[10]
In Summe werden Zölle auf mehr als 90% der EU-Warenausfuhren abgeschafft oder stark gesenkt, sodass sich daraus Einsparungen von bis zu 4 Mrd. Euro pro Jahr an Zöllen auf europäische Produkte ergeben. Dazu kommt noch ein privilegierter Zugang zu Indien für EU-Dienstleistungserbringer in Schlüsselbereichen wie Finanzdienstleistungen und Seeverkehrsdienstleistungen. Ein eigenes Kapitel beschäftigt sich auch mit der Begünstigung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU).[11]
Beide Parteien verpflichten sich, auf die Umsetzung der multilateralen Umweltabkommen hinzuarbeiten, wie zB: das Pariser Abkommen, das Übereinkommen über die biologische Vielfalt und das Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen. Daneben enthält das Handelsabkommen EU-Indien spezielle Bestimmungen zum Schutz und zur Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen und legt Verpflichtungen in Bezug auf Folgendes fest: Waldschutz, Erhaltung und nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt, Bekämpfung des illegalen Wildtierhandels, Bekämpfung des illegalen Holzeinschlags und des damit verbundenen Handels, Bekämpfung der illegalen und unregulierten Fischerei uam.
Die Einigung auf dieses Abkommen ist einer pragmatischen Grundsatzentscheidung zu verdanken. Da 40% der Erwerbstätigen in Indien im Agrarsektor beschäftigt sind, wurde das Kapitel „Landwirtschaftliche Produkte“ aus dem Vertrag weitgehend ausgeklammert,[12] ebenso wie auch der Klimaschutz. Damit unterscheiden sich auch die Verhandlungen mit Indien maßgeblich vom heftig umstrittenen Abkommen der EU mit den vier Mercosur-Staaten. Diesbezüglich stellt die Einigung auf das Freihandelsabkommen mit Indien „wohl auch eine gewisse Genugtuung für die EU-Kommission nach dem Rückschlag durch die vom EU-Parlament verlangte Prüfung des Vertrags mit den Mercosur-Staaten dar“.[13]
Handelsabkommen EU-Indonesien
Indonesien ist die größte Volkswirtschaft Südostasiens und mit einer Bevölkerung von 288 Mio. Menschen das viertbevölkerungsreichste Land der Welt. Die EU und Indonesien verhandeln seit 18. Juli 2016 sowohl über ein umfassendes Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (CEPA), als auch über ein Investitionsschutzabkommen (IPA). Am 13. Juli 2025 konnte zwischen der Präsidentin von der Leyen und Präsident Prabowo Subianto eine politische Einigung erzielt und damit die Verhandlungen in der Folge am 23. September 2025 abgeschlossen werden.
2024 belief sich der Warenhandel auf über 27 Mrd. Euro und der Dienstleistungshandel auf 8,8 Mrd. Euro. 98,5% der indonesischen Zölle auf Waren aus der EU werden abgeschafft, was für die EU-Exporteure eine Ersparnis von mehr als 600 Mio. Euro darstellen wird.[14] Ebenso wurden die Verfahren für Warenausfuhren aus der EU nach Indonesien vereinfacht, und zwar auch für Schlüsselexporte, wie Autos, Agrarerzeugnisse und Lebensmittel.
EU-Unternehmen können in Schlüsselsektoren, wie etwa bei Computern oder in der Telekommunikation, völlig eigenständig Dienstleistungen erbringen. Des Weiteren werden neue Möglichkeiten für Investitionen in Indonesien eröffnet, vor allem in strategischen Sektoren wie Elektrofahrzeuge, Elektronik und Arzneimittel uam. Ebenso wird Geistiges Eigentum, zB Handelsmarken, geschützt, sodass EU-Unternehmen so ihre Markenidentität und ihren Ruf wahren und Verstöße geahndet werden können. Außerdem werden 221 europäische und 72 indonesische geografische Angaben für landwirtschaftliche Erzeugnisse und Lebensmittel geschützt.[15] Schließlich werden sensible Agrarprodukte und Lebensmittel – wie Reis, Zucker und frische Bananen – geschützt, für die die Zölle bestehen bleiben, während für andere sensible Erzeugnisse der Zugang zum Binnenmarkt durch sorgfältig justierte Quoten beschränkt wird.[16] Interessanterweise exportiert die EU bereits mehr landwirtschaftliche Erzeugnisse und Lebensmittel nach Indonesien, als sie von dort einführt. Der Wert ihrer Ausfuhren beläuft sich auf 1 Mrd. Euro pro Jahr.
Seit 2004 verhandelte die EU mit Indonesien aber auch ein Rahmenabkommen über umfassende Partnerschaft und Zusammenarbeit, das am 9. November 2009 unterzeichnet werden konnte und seit 1. Mai 2014 in Kraft ist.[17] Durch das Rahmenabkommen wurde ein Gemischter Ausschuss und eine Reihe sektoraler Arbeitsgruppen eingerichtet, die die Zusammenarbeit im Rahmen von CEPA und IPA steuern sollen.
Handelsabkommen EU-Australien
Für die EU ist Australien vor allem deswegen interessant, da das Land über reichhaltige Rohstoffvorkommen verfügt, wie zB Lithium, Kobalt, Mangan, Wasserstoff, Seltene Erden usw. In diesem Sinn haben die EU und Australien bereits am 28. Mai 2024 eine Partnerschaft zu nachhaltigen kritischen und strategischen Mineralien unterzeichnet.[18]
Wie eine aktuelle Studie des KONTEXT-Instituts für Klimafragen und des Forschungsinstituts Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII)[19] vom Mai 2026 nachweist, ist bei 8 von den 17 – von der EU als „strategische Rohstoffe“ bezeichneten – Rohstoffen das Versorgungsrisiko für die EU besonders hoch, etwa bei Lithium, Magnesium, Nickel oder Seltenen Erden. Daneben hat die EU noch 34 „kritische Rohstoffe“ für die Industrie definiert.[20] Dem soll durch die Zusammenarbeit, nicht nur mit Australien, sondern auch mit anderen Staaten, wie zB mit Indien, Indonesien und den Philippinen uam, entgegengewirkt werden. Es wird aber auch festgestellt, dass das Potenzial Europas, unabhängiger von Rohstoffimporten zu werden, groß ist. Europa könnte allerdings über die Hälfte seines Bedarfs durch Rückgewinnung decken.[21]
Für die EU ist Australien der zwanzigstgrößte Handelspartner – mit einem Warenhandelsvolumen in Höhe von 50 Mrd. Euro (2023).[22] Für Australien war die EU 2024 drittgrößter Handelspartner, viertgrößter Exportmarkt für Dienstleistungen und zweitgrößte Quelle ausländischer Direktinvestitionen. Konkret betrug der Warenhandel 2024 insgesamt 49,4 Mrd. Euro und der Dienstleistungshandel 2023 38,1 Mrd. Euro. Damit betrug der Handelsaustausch mit Waren und Dienstleistungen im Jahr 2024 zwischen Australien und der EU über 87,5 Mrd. Euro. Langfristig würde zB das reale BIP in Österreich um 142,8 Mio. Euro und in der EU insgesamt um 6,8 Mrd. Euro steigen.[23]
Die Verhandlungen über ein umfassendes und vertieftes Freihandelsabkommen begannen am 15. November 2015, wobei die Europäische Kommission als ersten Schritt Anfang 2016 mit einer Folgenabschätzung („Impact Assessment“) begonnen und eine öffentliche Konsultation bis zum 3. Juni 2016 durchgeführt hat. Am 13. September 2017 wurde das Mandat für die Verhandlungen der EU mit Australien über ein Freihandelsabkommen veröffentlicht und am 8. Mai 2018 wurden die Verhandlungsrichtlinien dafür festgelegt.[24]
Am 22. Mai 2018 gab der Rat der EU grünes Licht für den Start der Gespräche,[25] die am 18. Juni 2018 offiziell eröffnet wurden, im Jahr 2023 aber spektakulär zusammenbrachen. Hauptstreitpunkt war die Festsetzung einer Obergrenze für australische Rindfleischimporte in die EU.[26] Australien fordert eine Quote von 50.000 t pro Jahr für die zollfreie Einfuhr in die EU, die EU zieht nach derzeitigem Stand eine rote Linie bei 30.600 t.[27] Der Großteil dieser Menge (55%, was 16.830 t entspricht) wird zollfrei eingeführt und unterliegt einer Konditionalität von „Grasfütterung“, der kleinere Teil (45%, was 13.770 t entspricht), kann mit einem ermäßigten Zollsatz von 7,5% eingeführt werden. Diese Mengen, die rund 0,5% des EU-Inlandverbrauchs an Rindfleisch entsprechen, werden schrittweise eingeführt.[28] Zum Vergleich: den Mercosur-Staaten wurde von der EU eine Jahresquote an Rindfleischexporten von 99.000 t zugesagt.[29]
In der Folge trafen am 13. Februar 2026 die beiden EU-Kommissare Maroš Šefčovič und Christophe Hansen in Brüssel mit dem australischen Minister für Handel und Tourismus, Don Farrell, zusammen, um diesen Problembereich zu besprechen und eine weitere Vertiefung des Freihandelsabkommens auszuloten.[30] In einer Gemeinsamen Erklärung bezeichneten beide Seiten die Gespräche als „konstruktiv und positiv“ und rechneten mit einem baldigen Abschluss des Freihandelsabkommens.[31] Am 24. März 2026 war es dann soweit und die Kommission und Australien veröffentlichten die Texte des Freihandelsabkommens.[32]
Das Freihandelsabkommen könnte auch eine weitere Annäherung an das „Transpazifische Handelsabkommen“ (CPTPP) öffnen, dem bislang 12 Länder, die für bis zu 15% der weltweiten Wirtschaftsleistung stehen, angehören.[33]
Die Verhandlungen zwischen der EU und Australien über ein umfassendes Rahmenabkommen wurden am 31. Oktober 2011 eröffnet. Das Rahmenabkommen soll es beiden Vertragspartnern ermöglichen, die Zusammenarbeit in einem breiten Spektrum von Politikbereichen, wie Außen- und Sicherheitspolitik, nachhaltige Entwicklung, Klimawandel, Umwelt, Energie, Verkehr, Beschäftigung, Sicherheit uam. gemeinsam zu meistern. Am 22. April 2015 konnten die Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen werden und am 7. August 2017 wurde in Manila das Rahmenabkommen zwischen der EU und ihren Mitgliedstaaten einerseits und Australien andererseits[34] von der Hohen Vertreterin für Außen- und Sicherheitspolitik der EU, Federica Mogherini, und der australischen Ministerin für auswärtige Angelegenheiten, Julie Bishop, unterzeichnet. Hauptkonfliktpunkte in den Verhandlungen waren dabei die Quoten für australische Rind- und Lammfleisch-Exporte, die die Gespräche einigermaßen belastet hatten. Seit 4. Oktober 2018 werden jene Teile des Abkommens, die in den Zuständigkeitsbereich der EU fallen,[35] vorläufig angewendet.[36] Am 21. Oktober 2022 trat das Rahmenabkommen der EU mit Australien in Kraft.[37] Nach Aussage der Kommissionspräsidentin von der Leyen sind EU und Australien: „A true mateship“.[38]
Aktuell wollen beide Parteien ihre Zusammenarbeit in Forschung und Innovation deutlich ausbauen und starteten deswegen Verhandlungen über eine Beteiligung Australiens an Horizon-Europe.[39]
Daneben gründeten die EU und Australien auch noch eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft (SDP), die am 18. März 2026 virtuell von der Hohen Vertreterin der EU, Kaja Kallas, und dem australischen Vizepremier und Verteidigungsminister Richard Marles und der Außenministerin Penny Wong unterzeichnet wurde.[40] Damit soll eine stärkere Kooperation gegen Cyber-Risiken, hybride Bedrohungen sowie ausländische Informationsmanipulation und Einmischung geschaffen werden.
Handelsabkommen EU-Philippinen und EFTA-Philippinen
Grundlage für die Beziehungen der Europäischen Union (EU) mit den Philippinen bildet das Kooperationsabkommen zwischen der EWG und den Mitgliedsstaaten des Verbandes Südostasiatischer Nationen (ASEAN) von 1980.[41] 2007 nahm die Europäische Kommission mit ASEAN Verhandlungen über ein regionales Handels- und Investitionsabkommen auf, die allerdings im Dezember 2009 im gegenseitigen Einvernehmen unterbrochen wurden, um einem bilateralen Verhandlungsformat Platz zu machen. Diesbezüglich kam es in der Folge zu Verhandlungen zwischen der EU und den Philippinen über zwei bilaterale Abkommen, nämlich über ein Rahmenabkommen über Partnerschaft und Zusammenarbeit und ein Freihandelsabkommen.
Was das Rahmenabkommen über Partnerschaft und Zusammenarbeit betraf, so wurden die Verhandlungen darüber im Juni 2010 erfolgreich abgeschlossen und in der Folge am 11. Juli 2012 unterzeichnet. Nachdem die erforderlichen Verfahren am 26. Februar 2018 abgeschlossen wurden, trat das Rahmenabkommen am 1. März 2018 in Kraft.[42] Darin verpflichten sich die EU und ihre Mitgliedstaaten einerseits und die Republik der Philippinen andererseits zu einer intensiven Zusammenarbeit sowohl im Allgemeinen als auch in regionalen und internationalen Organisationen.
Was hingegen das Freihandelsabkommen betraf, so nahm die EU bereits 2007 Verhandlungen mit allen Ländern der ASEAN-Gruppe (außer Myanmar, Kambodscha und Laos) auf, setzte diese aber im März 2009 vorerst wieder aus. Im Dezember 2009 gaben in der Folge die EU-Mitgliedstaaten der Kommission ein Mandat für Verhandlungen über Freihandelsabkommen mit einzelnen ASEAN-Staaten (Brunei, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, den Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam)[43] und im Oktober 2013 wurde das Mandat der Kommission vom Rat um das Thema „Investitionsschutz“ erweitert.
Zwei Jahre später, im Oktober 2015, kündigte die Europäische Kommission in ihrer Mitteilung „Handel für alle“, die Aufnahme von Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit den Philippinen an und am 16. November 2015 gab der Rat der EU grünes Licht für die Aufnahme von Verhandlungen, die in der Folge am 22. Dezember 2015 auch aufgenommen wurden. Die Verhandlungen wurden allerdings bereits nach der zweiten Verhandlungsrunde im Februar 2017 wieder abgebrochen und erst im März 2024 neuerlich aufgenommen. Die mittlerweile dritte Verhandlungsrunde fand vom 16. bis 20. Juni 2025 in Brüssel statt, die vierte im Oktober 2025 auf den Philippinen und die fünfte hat in der ersten Märzwoche 2026 in Brüssel stattgefunden.[44]
Obwohl die Verhandlungen erfolgreich verlaufen, rechnet die philippinische Regierung mit deren positiven Abschluss erst Ende des Jahres 2026. Dies liegt auch daran, dass die Handelsvorteile, die die Philippinen im Rahmen des Allgemeinen Präferenzsystems der EU (APS+) genießen, im Jahr 2027 auslaufen und die Regierung diesbezüglich hofft, dass im Anschluss an das APS+ ein neues Freihandelsabkommen in Kraft treten wird.
Im Jahr 2024 belief sich der bilaterale Warenhandel zwischen der EU und den Philippinen auf 16,8 Mrd. Euro. Die EU war der viertgrößte Handelspartner der Philippinen und machte 7% des gesamten Warenhandels des Landes aus. Die ausländischen Direktinvestitionen der EU auf den Philippinen beliefen sich im Jahr 2024 auf 14,2 Mrd. Euro.[45]
Das Abkommen soll über die Liberalisierung des reinen Warenhandels hinausgehen und folgende zusätzliche Elemente umfassen: Was den Marktzugang betrifft, so soll es einen zollfreien Zugang für über 6.000 philippinische Produkte sowie einen verbesserten Zugang für EU-Waren geben. An neuen Bereichen ist an die Integration von Kapiteln zum digitalen Handel, zu Energie und Rohstoffen gedacht. Was die Nachhaltigkeit betrifft, so sind für die EU strenge Standards für den Schutz von Menschenrechten, im Arbeitsrecht und im Umweltschutz grundlegende Bedingungen. Was das wirtschaftliche Potential betrifft, so schätzen Experten, dass ein Exportpotential von 12 Mrd. US-Dollar für die Philippinen möglich wäre.
Neben der EU bemühte sich aber auch die EFTA um die Ausarbeitung eines Freihandelsabkommens mit den Philippinen, das am 28. April 2016 in Bern unterzeichnet wurde und am 1. Juni 2018 in Kraft getreten ist.[46] Dabei kam es zunächst zu Umsetzungsproblemen, da die philippinischen Zollbehörden aufgrund organisatorischer Probleme vorerst nicht in der Lage waren, die Zollpräferenzen zu gewähren.[47] Das bilaterale Handelsvolumen ist in der Folge stetig gewachsen und der Handel zwischen den Philippinen und den EFTA-Staaten beträgt 2026 mehr als 700 Mio. Euro jährlich.[48]
Handelsabkommen EU-Mexiko
1997 unterzeichneten die EU und Mexiko ein Abkommen über wirtschaftliche Partnerschaft, politische Koordinierung und Zusammenarbeit, das im Jahr 2000 in Kraft trat. Der Teil des Abkommens über den Handel mit Dienstleistungen trat 2001 in Kraft. In der Folge begannen die EU und Mexiko 2016 mit den Verhandlungen über ein modernisiertes globales Abkommen – im digitalen Handel, bei der öffentlichen Beschaffung, den Rechten des geistigen Eigentums und in weiteren Aspekten der Zusammenarbeit. Die Verhandlungen wurden im Jänner 2025 erfolgreich abgeschlossen und am 22. Mai 2026 unterzeichneten auf dem 8. Gipfeltreffen EU-Mexiko die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum in Mexiko-Stadt sowohl das Modernisierte Globale Abkommen (MGA), als auch das Interims-Handelsabkommen (ITA).[49] Neben der Kommissionspräsidentin wurde die EU dabei auch noch durch den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa, die Hohe Vertreterin für Außen- und Sicherheitspolitik, Kaja Kallas, und das für Handel und wirtschaftliche Sicherheit zuständige Kommissionsmitglied Maroš Šefčovič vertreten.
Mexiko ist weltweit eines der Länder mit den meisten Freihandelsabkommen. Mit 52 Partnern sind Handelspräferenzen in insgesamt 14 Abkommen vereinbart. Die EU ist, nach den USA und China, Mexikos drittgrößter Handelspartner und sein zweitgrößter Exportmarkt, während Mexiko wiederum der elftgrößte Handelspartner der EU ist. Der Warenhandel zwischen der EU und Mexiko betrug 2025 86,8 Mrd. € und der Dienstleistungshandel 29,7 Mrd. €. Der Warenhandel EU–Mexiko machte damit aber gerade einmal rund 10% des Handelsvolumens aus, über das Mexiko mit den USA verfügt (874 Mrd. $ Import-Export-Volumen).
Mexiko ist damit der zweitgrößte Handelspartner der EU in Lateinamerika: Die EU investierte in Mexiko bis 2024 207 Mrd. Euro, dh 28% der mexikanischen Auslandsinvestitionen. In Mexiko sind über 11.000 EU-Unternehmen niedergelassen, die 5,5 Mio. Arbeitsplätze schaffen und über 45.000 EU-Unternehmen exportieren nach Mexiko.[50]
Mexiko ist Nettoimporteur von Agrar- und Lebensmittelerzeugnissen aus der EU, und immer mehr mexikanische Verbraucher – in Summe rund 131 Mio. Konsumenten – fragen hochwertige europäische Produkte, wie Käse, Olivenöl, Geflügel, Schweinefleisch, verarbeitete Lebensmittel und Schokolade, nach. Dabei ist der Schutz von 568 europäischen Herkunftsbezeichnungen – 232 Spirituosen und 336 europäische geografische Angaben für Weine, Biere und Lebensmittel[51] – ein wichtiges Verhandlungsergebnis.
In der Endphase der Umsetzung des Modernisierten Globalen Abkommens (MGA) wird Mexiko seine hohen Zölle vollständig aufheben, um den zollfreien Zugang für Agrar- und Lebensmittelausfuhren aus der EU zu ermöglichen, wie Pasta (derzeit mit Zöllen von bis zu 20%), Schokolade und Süßwaren (mit Zöllen von mehr als 20%), Blauschimmelkäse (bis zu 20%), Kartoffeln (bis zu 20%), Äpfel und Pfirsichkonserven (bis zu 20%), Eier (mit 45%), Schweinefleischerzeugnisse (bis zu 45%) und Geflügelerzeugnisse (bis zu 100%).[52]
Obwohl das MGA rund 95% des Agrarhandels zwischen der EU und Mexiko liberalisiert, war der Widerstand der europäischen Bauernverbände geringer als beim Mercosur-Abkommen. Zum einen konkurrieren die Agrarstrukturen Mexikos nur teilweise direkt mit europäischen Produzenten und zum anderen ist der Agrarhandel stärker komplementär: Die EU exportiert vor allem verarbeitete Lebensmittel, wie Wein, Käse, Olivenöl und andere höherwertige Agrarprodukte nach Mexiko.
Schlussfolgerung
Wie die vorstehenden Ausführungen zeigen, ist es beim Abschluss der fünf parallelen Freihandelsabkommen der EU mit Indien, Indonesien, Australien, den Philippinen und Mexiko, zu keinem größeren Widerstand bzw. einer definitiven Ablehnung derselben gekommen, wie dies im Falle des EU-Mercosur-Partnerschaftsabkommen der Fall war. Zum einen wurden in einigen von ihnen große Bereiche des jeweiligen Landwirtschaftssektors völlig ausgeklammert und zum anderen die Liberalisierungen einzelner Agrarprodukte nur sehr selektiv vorgenommen. Dadurch war es möglich, die Abkommen konsensual zu verhandeln und abzuschließen, ohne auf großen Widerstand zu stoßen.
Dort wo es aber zu einem Einbezug des Landwirtschaftssektors kam, wie zB im Abkommen zwischen der EU und Mexiko, konkurrierten, wie vorstehend erwähnt, die Agrarstrukturen Mexikos nur teilweise direkt mit europäischen Produzenten und zum anderen war der Agrarhandel auch stärker komplementär strukturiert, uam.
[1] IHK Düsseldorf, EU-Freihandelsabkommen – Übersicht, Nr. 4063080, Stand Oktober 2025.
[2] Sahin, S. Die EU bastelt an neuen Allianzen im Freihandel, TT vom 1. April 2026, S. 3 f.
[3] EU und Indien schließen wegweisendes Freihandelsabkommen, Europäische Kommission, Pressemitteilung vom 27. 01. 2026.
[4] Faktenblatt – Freihandelsabkommen EU-Indien: Wichtigste Vorteile – Handels- und Wirtschaftssicherheit, Europäische Kommission.
[5] „Mutter aller Deals“ zwischen EU und Indien, TT, vom 28. Jänner 2026, S. 11.
[6] EU-Indien-Abkommen, Der Standard, vom 27. Jänner 2026, S. 13; vgl. allgemein Bank Austria, EU-Indien-Abkommen. Auswirkungen auf die österreichische Industrie, Jänner 2026.
[7] Fragen und Antworten zum Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, Europäische Kommission, vom 27. 01. 2026, S. 2.
[8] Faktenblatt – Freihandelsabkommen EU-Indien: EU-Agrar- und Lebensmittelexporte – Handel und wirtschaftliche Sicherheit, S. 2.
[9] MEMO: Freihandelsabkommen EU-Indien: Zusammenfassung der einzelnen Kapitel – Handel und wirtschaftliche Sicherheit, S. 3.
[10] EU-Indien-Abkommen: Auswirkungen auf die österreichische Industrie, Bank Austria, Analysen Jänner 2026, S. 4.
[11] Kommission, Fragen und Antworten zum Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, vom 27. 01. 2026; https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/qanda_26_185
[12] Freudenthaler, D. Handelsdeal mit Indien freut europäische Exporteure, Die Presse, vom 28. Jänner 2026, S. 18.
[13] wie, EU und Indien auf den letzten Metern, Salzburger Nachrichten, vom 24. Jänner 2026, S. 19.
[14] Europäischer Rat/Rat, Handel EU-Indonesien: Fakten und Zahlen, vom 3. Oktober 2025.
[15] EU und Indonesien schließen Verhandlungen über Freihandelsabkommen ab, Kommission/Pressemitteilung vom 23. 09. 2025.
[16] Handelsabkommen EU-Indonesien steht, Vertretung der EU in Deutschland, Presseartikel vom 23. September 2025.
[17] ABl. 2014, L 125, S. 19 ff.
[18] Kommission, EU und Australien unterzeichnen Partnerschaft zu nachhaltigen kritischen und strategischen Mineralien, Pressemitteilung, vom 28. Mai 2024, IP/24/2904.
[19] [KON]TEXTANALYSE #8 Mai 2026.
[20] Kotrba, D. Wie abhängig Europa bei Rohstoffen ist, Kurier, vom 13. Mai 2026, S. 17.
[21] Heronymus, N. Kritische Rohstoffe: Europa könnte über die Hälfte seines Bedarfs durch Rückgewinnung decken, Table.Briefings, vom 28. Mai 2026.
[22] Laczynski, M. Nächster Halt Canberra: Nach Indien ist Australien an der Reihe, Die Presse, vom 10. Februar 2026, S. 5.
[23] Bachner, M. – Sharma, J. Handelsdeal mit Australien steht bevor, Kurier, vom 25. Februar 2026, S. 19.
[24] Rat der EU, Dok. 7663/18 ADD 1 DCL 1, vom 25. Juni 2018.
[25] Rat gibt grünes Licht für Handelsverhandlungen mit Australien und Neuseeland, Rat/Pressemitteilung 265/18.
[26] Dahm, J. – Zimmermann, A. EU-Australien-Abkommen: Warum die Mercosur-Debatte die Verhandlungen schwieriger macht, Table.Briefings, vom 20. Februar 2026.
[27] Sanchez Manzanaro, S. EU und Australien erzielen nach achtjährigen Verhandlungen Handelsabkommen, Euractiv, S. 2; EU und Australien sollen sich auf Verteidigungspakt geeinigt haben, FAZ, vom 11. 02. 2026.
[28] Europäische Kommission, Fragen und Antworten zum Handelsabkommen zwischen der EU und Australien, vom 24. März 2026, S. 2.
[29] Laczynski, M. Deal in Down Under: EU handelt mit Australien, Die Presse, vom 25. März 2026, S. 5.
[30] Europäische Kommission, STATEMENT/26/398, vom 13. Februar 2026.
[31] Barkhausen, B. EU forciert historisches Abkommen mit Down Under, Die Presse, vom 19. Februar 2026, S. 5.
[32] Erklärung von Präsidentin von der Leyen auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem australischen Premierminister Albanese, STATEMENT/26/693; Barkhausen, B. Freihandel in unsicheren Zeiten: EU und Australien besiegeln ihren Mega-Deal, nzz.ch, vom 24. März 2026.
[33] Weber, K. Neuer Deal mit Australien für eine unabhängigere EU?, zdfheute, vom 21. 03. 2026, S. 3.
[34] ABl. L 237 vom 15. 9. 2017, S. 7 ff.
[35] Art. 2 des Beschlusses (EU) 2017/1546 des Rates vom 29. September 2016 über die Unterzeichnung des Rahmenabkommens im Namen der Europäischen Union und über dessen vorläufige Anwendung (ABl. 2017, L 237, S. 5 ff.).
[36] ABl. L 313 vom 10. 12. 2018, S. 1.
[37] ABl. L 272 vom 20. 10. 2022, S. 1.
[38] Von der Leyen, U. EU und Australien: „A true mateship“, Die Presse, vom 24. März 2026, S. 22.
[39] Visser, C. Forschungspolitik: EU und Australien starten Verhandlungen zu Horizon-Europe-Assoziierung, Table.Briefings, vom 1. April 2026.
[40] Vertretung der EU in Deutschland, EU und Australien schließen Freihandelsabkommen und gründen Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft, Pressemitteilung vom 24. März 2026; Kommission, EU und Australien festigen ihre Beziehungen mit Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft und Handelsabkommen, Pressemitteilung vom 24. 03. 2026
[41] ABl. 1980, L 144, S. 2 ff.
[42] ABl. 2018, L 78, S. 1.
[43] Handelsabkommen der EU mit ASEAN, wko.at.
[44] Zimmermann, A. Freihandelsabkommen: Schlüsseljahr für FTA mit den Philippinen, Table.Briefings vom 18. Februar 2026.
[45] Meinung des Inquirer, Freihandelsabkommen EU-Philippinen; https://opinion.inquirer.net/186845/eu-philippines-free-trade-agreement.
[46] Für Island trat das Freihandelsabkommen erst am 1. Jänner 2020 in Kraft.
[47] Freihandelsabkommen Philippinen – EFTA: Rückerstattung der Zollabgaben, swissmem.ch, vom 14. 06. 2019.
[48] Pascual, J. Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Philippinen geht in die nächste Runde, ABS-CBN News, vom 22. Januar 2026, S. 1.
[49] Ehringfeld, K. – Hanke Vela, J. Neue Nähe. Europa und Mexiko rücken wirtschaftlich enger zusammen und schließen ein Abkommen, Handelsblatt vom 22./23./24./25. Mai 2026, S. 24.
[50] Die Handelsabkommen zwischen der EU und Mexiko; https://commission.europa.eu/topics/trade/eu-mexico-trade-agreements_en
[51] EU und Mexiko vertiefen langfristige Beziehungen auf historischem Gipfel, Kommission-Pressemitteilung vom 22. 05. 2026; https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_26_1136.
[52] Fragen und Antworten zum Globalen Abkommen der EU mit Mexiko; https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/qanda_25_249, S. 4 f.
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