Montag 26. September 2016, 22:58

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Italien will die Spielsucht einbremsen

In Italien entfällt auf 143 Einwohner ein Spielautomat. In Deutschland sind es 261. (C) EU-InfothekDie italienische Regierung hatte sich im vergangenen Jahr vorgenommen, Maßnahmen zu treffen, um die Spielsucht einzubremsen. Die Zahl der Automaten soll demnach innerhalb von vier Jahren um fast ein Drittel reduziert werden. Nun wurde der Vorsatz wieder einmal verschoben - auf den Beginn des kommenden Jahres.

Der Aufschub ist vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftslage zu sehen. Vor dem „Brexit“ bildeten Deutschland, Großbritannien und Frankreich die Gruppe der drei größten EU-Staaten. Nach „Brexit“ ist nun Italien an die Stelle der Briten getreten. Ministerpräsident Matteo Renzi nützte die Aufnahme in den 3-er Club gleich, um die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und den französischen Präsidenten Francois Hollande zu einem medienwirksamen Gipfeltreffen auf den Flugzeugträger „Garibaldi“ einzuladen. Auch um damit von den innen- und vor allem wirtschaftspolitischen Problemen abzulenken:

• So muss das vorhergesagte Wachstum für das laufende Jahr nach unten korrigiert werden, was sich wiederum negativ auf die Neuverschuldung auswirkt.
• Obwohl der Tourismus in diesem Jahr einen Boom erlebt, liegt die Binnennachfrage (eine Folge der hohen Preise und niedrigen Einkommen) darnieder.
• Zudem verhindert der kriselnde Bankensektor (360 Milliarden Euro faule Krediten und jahrzehntelanges Missmanagement) Investitionen.

Alles zusammen bereitet dem Ministerpräsidenten große Sorgen, um bis Mitte Oktober einen Haushaltsplan für 2017 zustande zu bringen. Das dürfte wohl auch den eigentlichen Ausschlag gegeben haben, dass die Regierung ihren Plan, die Zahl der Automaten massiv zu reduzieren, um die Spielsucht einzudämmen, wieder einmal aufgeschoben hat.

Auf 143 Einwohner entfällt ein Spielautomat

Tatsächlich gehört Italien mit seinen 60,6 Millionen Einwohnern zu den Ländern mit der höchsten Spieldichte. Nach Angaben der italienischen Monopolbehörde AAMS gibt es derzeit vom Brenner bis nach Sizilien ca. 418.000 Slots. Das heißt, auf 143 Einwohner entfällt eine Spielmaschine. Nur zum Vergleich, in Deutschland kommt ein Gerät auf 261 Einwohner. Umgelegt auf Spielstätten heißt dies, dass in etwa 83.000 Geschäftslokalen (Tabakläden, Bars, Restaurants) Terminals beziehungsweise Geräte stehen, die zum Spielen und damit zur Herausforderung des Glücks animieren.

Die Qualität der Spielgeräte ist allerdings ziemlich unterschiedlich. Und daher auch der Zuspruch der Spieler. Zur Top-Klasse zählen die VLT-Terminals. Sie finden die beste Akzeptanz und gewährleisten optimale Sicherheit für die Spieler. Aktuell nennt AAMS bei der erst 2009 zugelassenen Videolotterie 52.000 Geräte, die in dafür vorgesehenen Mini-Casinos aufgestellt sind. Die österreichische Novomatic-Gruppe hält übrigens bei den VLTs einen Anteil von bereits gut 50 Prozent und betreibt etwas mehr als 130 Spiellokale. Die Geräte des österreichischen Unternehmens, so heißt es beim Finanzministerium, würden dem höchsten Qualitätsstandard entsprechen und daher entsprechend nachfrageintensiv sein.

71,5 Milliarden Euro lukriert der Staat an Spielsteuern

An sich hat die Regierung schon vor Jahren ein sehr strenges Kontrollsystem aufgezogen, indem alle Geräte an das AAMS angeschlossen werden und sich die Spieler selbst registrieren lassen müssen. Das hat zur Folge, dass die Finanzbehörden einen sehr genauen Überblick über die tatsächlichen Spielergebnisse und somit auch den entsprechenden Zugriff auf die Steuereinnahmen haben. Im vergangenen Jahr war dies insgesamt der stolze Betrag von 71,5 Milliarden Euro.

  2013 2014 2015
Slot 25.428 25.396 25.963
Vlt 21.963 21.348 22.198
Scratch Games 9.612 9.442 9.063
Lotto 6.332 6.629 7.077
Wetten 3.822 4.250 5.592
Bingo 1.663 1.624 1.598

 


 

 

 

 

 

 

Kein Wunder also, dass man sich in Rom angesichts des noch immer nicht auf Touren gekommenen Wirtschaftswachstums und der hohen Schuldenlast, Zeit lässt, auf die Bremse beim Glückspiel zu steigen. Dabei hatte die italienische Regierung bereits im Haushaltsgesetz 2015 eine Reduzierung im Ausmaß von ca. 30 Prozent der Slot-Maschinen in den nächsten vier Jahren beschlossen. Als Ausgangsbasis hatte man übrigens die Zahl der registrierten Geräte zum 31. Juli 2015 genommen. Damals waren es übrigens „nur“ 378.109. Bis 2020 wollte man die Zahl der zugelassen Spielmaschinen auf 265.000 reduzieren. Statt weniger sind es aber mittlerweile wieder mehr Geräte geworden, denn innerhalb von bloß einem Jahr erhöhte sich diese Zahl auf 418.210.Quelle: AAMS

Was dabei vergessen wird, ist die Tatsache, dass es trotz dieses schon enormen Angebots und der strengen Kontrollen durch die Finanzbehörden auch zusätzlich noch einen beträchtlichen Schwarzmarkt gibt. Quer durchs Land findet man in Bars Terminals auf denen „schwarz“ gespielt werden kann, wo also die Finanz keinen Zugriff auf die Einnahmen hat und auch Spieler ihr Unglück versuchen dürfen, die bei der AAMS gesperrt sind.

Keine Erhöhung der Zahl der Voll-Casinos

Auch auf einem weiteren Gebiet am italienischen Glücksspielmarkt ist es ruhig geworden. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Überlegungen, die Zahl der Casinos (derzeit sind vier Standorte und alle nur in Norditalien in Betrieb, nämlich in Venedig, San Remo, Saint Vincent und Campione) zu erhöhen. So dachte man noch im Jahr 2015 auf politischer Ebene über die Eröffnung von neuen Spielsalons in Italien nach. Zur Diskussion stand – auch eine Ursache der damals rückläufigen Tourismustendenz – die Steuereinnahmen einem besseren Tourismusmarketing zukommen zu lassen. Als ein Knackpunkt stellte sich aber die Frage nach möglichen Standorten dar. Wollte doch faktisch jede Provinz eine Lizenz erhalten, was wiederum nicht wirklich im Sinn der Regierung lag.

Angesichts der erheblichen Verluste der vier italienischen Casinos (eine Folge der vielen Automatenspielsalons im ganzen Land, dem Internet-Boom und nicht zuletzt der ausländischen Konkurrenz in den Nachbarstaaten Frankreich, Schweiz, Österreich, Slowenien und Kroatien) ist dieses Thema aber nun nicht mehr aktuell, wie es offiziell heißt.

Und auch San Marino wartet vergeblich auf ein grünes Licht aus Rom. Der souveräne Kleinstaat, zwischen Bologna und Rom gelegen, träumt schon seit Jahrzehnten davon, im italienischen Zentralraum das am südlichsten gelegene Vollcasino betreiben zu dürfen. Bloß ein seit den 1950ern bestehender Staatsvertrag zwischen San Marino und Rom untersagt dies dem ansässigen Betrieb Giochi del Titano, der sich daher mit Bingo, Keno, Slots, Sportwetten und Poker begnügen muss. Die nächste Regierung – im November stehen Neuwahlen an – wird wohl wieder einen Anlauf unternehmen, um eine Aufhebung dieses sektoralen Verbots zu erreichen.
 




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