Samstag, 20. Juli 2019
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Warum es arme und reiche Länder gibt

Neben der Mentalität spielen auch Religion, Bildung, Geschichte und Politik eine Rolle. Die Verfügbarkeit von Rohstoffen ist nett, aber unwichtig.

Wirtschaftshistorisch betrachtet gibt es seit jeher Regionen, die über lange Zeiträume hinweg produktiver waren als andere. Warum erzeugen Bürger in der einen Gegend mehr Produkte und Dienstleistungen (und können damit komfortabler, sicherer und gesünder leben) als in der anderen? 

1. Tüftler- und Unternehmergeist

Wie oft wurde Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble in der Griechenland-Krise für seine „Schwaben-Mentalität“ lächerlich gemacht: Er wolle nicht mehr ausgeben als er hätte. Und er wäre einseitig auf Industrie und Produktion fixiert.
Dabei sind genau diese beiden Tugenden die Kardinalsvoraussetzungen für Wohlstand: Technikbegeisterte und –begabte Menschen, gepaart mit Mut und Unternehmergeist (bei solider Finanzgebarung). Bringt eine Kultur solche Menschen nicht hervor, schafft sie nicht einmal die erste Stufe der Industrialisierung: Innovatives Handwerk in gewerblichem Umfang.
Afrika kannte in den letzten Eintausend Jahren weder Erfinder noch Erfindungen noch Firmen oder irgendeinen Hauch von Industrie. Das war vor der Kolonialisierung nicht anders und ebenso in Gegenden ohne Sklaverei. Wer aber keine Produkte hat, kann am Freihandel nicht teilnehmen und bleibt auf Almosen Erfolgreicherer angewiesen.

2. Eigennutz-Orientierung

Am ärmsten sind Kulturen, die das Spirituelle wie das Gemeinwohl über das Streben des Individuums nach persönlicher Verbesserung stellen. Tibets Kultur ist chancenlos gegen China.
Materiell orientierte Kulturen brauchen keine Entwicklungshilfe, ihre Bürger streben mit individuellem Ehrgeiz nach persönlicher Entwicklung – und entwickeln damit ihr ganzes Land („Invisible Hand“). Als nach schweren Kolonialkriegen noch der Kommunismus in den 1980iger Jahren Vietnam den Rest gegeben hatte, produzierte jeder Vietnamese gerade einmal Güter von 200 US-Dollar – im Jahr! In der afrikanischen Elfenbeinküste waren es zur gleichen Zeit 1.300 Dollar, die Kakao- und  Kaffeeplantagen ehemaliger Kolonialherren warfen entsprechend ab.
Heute beträgt das BIP der Elfenbeinküste noch immer 1.300 Dollar – in 50 Jahren Selbstständigkeit waren keine neuen Produkte dazugekommen. Vietnam hingegen hat sein BIP von 200 auf 2.000 Dollar verzehnfacht: Die Doi -Moi-Reformen 1986 erlaubten die Gründung privater Betriebe und das Streben nach Eigennutz – und Millionen Vietnamesen haben sich auf den Weg nach Profit gemacht.
In Hinterhöfen und Fabriksruinen wurden Fahrrad-Rahmen, T-Shirts und Betonringe für Windräder gefertigt. In den 1990igern begannen Vietnams Kleinbauern sogar Kaffee anzupflanzen – heute ist man zweitgrößter Kaffeeexporteur hinter Brasilien.

3. Rohstoffe

Wo lebt es sich besser: In Rohstoff-armen Ländern wie der Schweiz, Holland oder Deutschland – oder in Rohstoff-reichen Ländern wie Nigeria, Algerien oder Venezuela? Die Flüchtlinge haben mit ihren Wanderrouten längst darüber abgestimmt.
Wenn Rohstoffe nachhaltigen Wohlstand bringen sollten, warum waren Öl-Staaten wie Saudi-Arabien, Nigeria oder Kuweit vor 100 Jahren bettelarm? Weil ihre Rohstoffe erst dann einen Wert bekommen hatten, als (im Norden) Verbrennungsmotoren erfunden und Geld für Sprit verdient worden war.
Kurzfristig bringen Bodenschätze Geld – langfristig sorgen sie oft für Bürgerkriege. Und ökonomische Passivität, weil Güter leicht importiert werden können.

4. Religion

Islamische Kulturen sind traditionell weniger produktiv als westliche. Das schürt den Hass – hat aber ganz banale Gründe. Die Diskriminierung der einen Hälfte der Bevölkerung vermindert den Ehrgeiz der anderen Hälfte.
Außerdem braucht es für erfolgreiches Unternehmertum stabile Familienverhältnisse. Ehen, die das evolutionäre Grundgesetz durchbrechen – die Frau (und nicht der Mann) sucht den (genetisch) optimalen Partner aus – sind nur nach außen hin stabil. Nach innen wird eine geschlagene und vergewaltigte Frau ihren Partner, den sie persönlich ablehnt, in seinem Firmenaufbau) nicht gerade aktiv unterstützen.

5. Bildung

Der zweite große Klumpen, den die islamische Kultur mit sich herumträgt, ist die Geringschätzung technischer und ökonomischer Bildung. In vielen islamischen Ländern endet die Schule beim Lesen-Können des Korans.
Länder wie die Türkei, die an Europa grenzen oder Golfstaaten, die von modernen Herrschern gelenkt werden, haben westliche Bildung zugelassen und Bürger an echte Schulen nach London oder Boston geschickt. Der Erfolg gibt recht: In beiden Regionen entstehen nach 500 Jahren Dornröschenschlaf die ersten Produkte und Fabriken mit islamischem Hintergrund.

6. Der Status des Unternehmers

Englands Wirtschaftswachstum begann ab 1750 stark anzusteigen (und Millionen hungernder, arbeitsloser Landarbeiter zu versorgen). Jenes von Deutschland tat dies mit 100 Jahre Verspätung. Denn im puritanischen Großbritannien hatte derjenige das größte gesellschaftliche Ansehen, der es durch seiner eigener Hände Arbeit zu Wohlstand brachte.
In Preußen oder Österreich-Ungarn galt nur ererbter Wohlstand als lobenswert (also jener von Kirche und Adel) – und so waren die Helden dieser Zeit (ökonomisch meist passive) Barone und Leutnants. Als mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 der Militarismus nachließ und Vorbilder wie Erfinder und Gründer aufkamen, explodierte Deutschlands Wohlstand so stark, dass es sich bis 1914 an die Spitze Europas katapultierte.

7. Geschichtliche Entwicklung

Jede Industrialisierung ist mit politischen Reformen verbunden. In Deutschland hat die Zerteilung in viele Kleinstaaten (mit eigenen Währungen, Zöllen und Zeitzonen) bis 1871 Arbeitsteilung und Massenproduktion verhindert. Entsprechend wohlstandsstiftend funktionieren heute Wirtschaftsräume wie NAFTA oder EU.

Auch haben die Agrarreformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer Intensivierung der Landwirtschaft geführt. Die Allmende (gemeinschaftlich, aber extensiv bewirtschaftete) Dorfäcker wurden aufgelöst, die Mechanisierung der Landwirtschaft steigerte langsam die Agrarproduktion. Das Ende der Leibeigenschaft ermöglichte es einfachen Leuten, persönlich Land und Eigentum (und damit) Kreditfähigkeit zu erwerben. Gleichzeitig senkten Eisenbahnen die Transportkosten um 80%.

Was lernen wir daraus? Gemeinsame Märkte sind wichtig, die Förderung technischer und ökonomischer Kompetenzen (statt pseudoakademischer Schmetterlingsfächer) noch viel mehr. Aber am wichtigsten ist der Stopp der Hetze gegen „reiche Unternehmer“. Wer Erfinder und Enterpreneure als Spekulanten, Ausbeuter und Profitsüchtige hinstellt, wird schon morgen wieder den Weg von Industrialisierung und Wohlstand beschreiten – aber rückwärts.

Über HÖRL, MMag. Michael

HÖRL, MMag. Michael
EU-Infothek-Kolumne „nEUrotisch MMag. Michael Hörl, Betriebswirt, Wirtschaftspädagoge und Wirtschaftspublizist in Salzburg. Hörl hat Europas erstes "Globalisierungskritik-kritisches" Buch geschrieben: "Die Finanzkrise und die Gier der kleinen Leute". Zuletzt erschienen: „Die Armutsindustrie. Wie mit falschen Zahlen Politik gemacht wird“, Wien: Verlag Frank & Frei der Team Stronach Akademie 2017. www.michaelhoerl.at

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