Mittwoch, 20. Februar 2019
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Konturen einer neuen Bildungspolitik

Bild © CC0 Creative Commons, Pixabay (Ausschnitt)

Wenn man die öffentliche Diskussion verfolgt, so könnte man meinen, dass Österreichs Bildungspolitik nur das Problem von Herbstferien und Notenvergaben kennt.

Tatsächlich zeigt sich bei einem Gespräch mit Bildungsminister Heinz Faßmann dreierlei. Erstens, dass die Nivellierungstendenzen im Bildungswesen als Folge sozialdemokratischer Gesellschaftspolitik tiefe Spuren hinterlassen haben, mit deren Reparatur die Regierung nun begonnen hat. Zweitens, dass es dringend nötig ist, auf die Migrationswellen der letzten Jahre gerade im Schulwesen zu reagieren. Und drittens, dass es einige Bereiche gibt, wo Österreich auf echte Erfolge verweisen kann und sein Licht nicht unter den Scheffel stellen muss.

Migrantenkinder – zwei Jahre Bildungsrückstand

Faktum ist jedenfalls, dass man der Migrationsproblematik über Jahre hinweg zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Österreich ist nämlich, wie die Statistik belegt, ein Einwanderungsland geworden. In den letzten 10 Jahren sind 550.000 Menschen aus dem Ausland zugezogen, zwei der 8,5 Millionen Einwohner haben Migrationshintergrund. Und so zeigt es sich, dass Kinder, deren Muttersprache mit der Unterrichtssprache nicht ident ist, im 4. Schuljahr beim Bildungsniveau noch zwei Jahre im Rückstand sind. Das hat wiederum zu Folge, dass am Ende der neunjährigen Pflichtschulzeit 11 Prozent der Schüler (auch hier wiederum sind Migranten überdurchschnittlich stark vertreten) keinen positiven Abschluss vorweisen können beziehungsweise keine weitere Ausbildung mehr verfolgen. Daher wird nun Wert darauf gelegt, die Schul- um die Bildungspflicht zu erweitern, die über das 15te Lebensjahr hinausreicht.

Die Schnittstelle als Stressfaktor

Eine ganz entscheidende Schnittstelle bildet der Übergang von der 4. zur 5. Schulstufe. Geht es doch darum, die richtige Bildungsentscheidung zu treffen, was oft einen nicht unwesentlichen Stressfaktor darstellt. Faßmann verteidigt allerdings mit Nachdruck die Wiedereinführung des Notensystems in der Volksschule, weil dies zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit entscheidend beiträgt. Besonderer Wert ist aber auch auf das Lehrer-Eltern-Gespräch zu legen, weil dieses hilft, das Bildungspotenzial richtig abschätzen zu können. Faktum ist heute jedenfalls, dass in der ersten Klasse der AHS viele sitzen, die das Potenzial nicht haben. Die von den Sozialdemokraten forcierte gemeinsame Schule für die ersten acht Schulstufen bringt freilich keine Problemlösung. Das zeigt sich auch international.

AHS oder NMS ist keine Imagefrage

Vielmehr geht es um die richtige Weichenstellung nach Abschluss der 4ten Volksschulklasse. Der Besuch einer AHS oder NMS darf jedenfalls kein Imagefaktor sein. Die Neue Mittelschule (NMS) ist, so der Bildungsminister, eine Schule mit besonderen Herausforderungen, die noch mehr Attraktivität verdient. Sie ist wichtig für den ländlichen Raum, weil sie dort Träger einer wohnortnahen Bildung. Gleichzeitig ist sie aber keine Sackgasse, wie dies früher bei der Hauptschule oft der Fall war, sondern eine Art Wegweisung. Sei es in Richtung einer dualen Ausbildung bzw. einer allgemein- oder berufsbildenden Höheren Schule. Dass die Neue Mittelschule eine hohe Wertigkeit hat, zeigt wieder einmal die Statistik. Und dabei fällt auch auf, dass es offenbar in den Großstädten einen Verbesserungsbedarf bei den NMS gibt. Während in Oberösterreich 50 Prozent der Maturanten im Alter zwischen 10 und 14 eines NMS besucht haben, sind es in Wien bloß 20 Prozent.

Erst denken dann Internet lernen

Nachholbedarf gibt es auf dem Sektor der Digitalisierung. Und das betrifft nicht nur eine entsprechende Zahl an motivierten Lehrkräften sondern auch eine gute Lernsoftware und vor allem die Ausstattung mit der dafür notwendigen Hardware. Hier geht es, eine Frage der finanziellen Mittel sowohl seitens des Bundes als auch der Länder und Gemeinden, insbesondere um den Ausbau des Highspeed Breitband Internetnetzes. Was den Interneteinsatz in der Volksschule betrifft, bremst der Minister etwas. Hier sieht er gerade bei den heran- und in das Bildungswesen hineinwachsenden jungen Menschen die Notwendigkeit, das algorithmische, logische Denken zu fördern. Und das geschieht nicht, indem man nur zur Tastatur beim Handy, Laptop oder am Computer greift.

Österreich wurde Forschungsland

Für Aufmerksamkeit sorgte die Feststellung von Faßmann, dass Österreich nicht nur ein Kunst- und Kulturland sondern mittlerweile auch ein Forschungsland geworden ist. Mit jährlichen Forschungsausgaben in der Höhe von 11 Milliarden Euro nimmt Österreich in Europa nach Schweden den zweiten Platz ein. Weltweit rangiert man an zehnter Stelle. Ausschlaggebend dafür sei, dass Forschung nicht nur an den Universitäten sondern auch an den Fachhochschulen, privaten Forschungseinrichtungen und bei den Unternehmen betrieben wird. Notwendig sei es nun, noch für einen verbesserten Output zu sorgen, soll heißen, dass die Ergebnisse der Forschung auch in die Gesellschaft exportiert, von der Wirtschaft umgesetzt werden. Insgesamt leidet Österreichs Forschung nicht an der Finanzierung sondern an der Fragmentierung. Er werde deswegen „aber nicht mit der Machete durch den Dschungel gehen“, sondern auf Überzeugungsarbeit setzen, betonte Faßmann.

Vorrang für Zugangsmanagement bei den Unis

Verbesserungsbedarf besteht bei den Universitäten insofern noch, als dass die Prüfungsaktivitäten gesteigert werden. Es ist dies eine Art Kampfansage an die Bummler. Derzeit werden pro Semester rund 55.000 Neuzugänge bei den Studenten registriert, aber nur 35.000 schließen das Semester auch am Ende ab. Was zur Konsequenz hat, dass in Österreich die Zeit bis zum Anschluss des Master- oder Bachelor-Studiums noch verkürzt werden muss. 5,6 Semester werden hierzulande benötigt um den Master und 8 um den Bachelor abzuschließen. Im europäischen Durchschnitt liegen diese Wert bei 4 und 6 Semestern. Dass eine Reihe von Studien überlaufen sind, will Faßmann aber nicht mit einer Vergrößerung der Studienplätze beantworten. Er will vielmehr beim so genannten Zugangsmanagement muss angesetzt werden. Konkret heißt dies, dass man – was in vielen Ländern Gang und Gäbe ist – das Ausweichen auf andere, weniger überlaufene Studien ebenso fördert wie die Mobilität auch nicht wohnortnahe Universitäten zu frequentieren.

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