Samstag, 19. Oktober 2019
Startseite / Allgemein / Gordan Bakota: „Kroatien ist Vorreiter des weiteren Erweiterungsprozesses“

Gordan Bakota: „Kroatien ist Vorreiter des weiteren Erweiterungsprozesses“

Während die Europäische Union mit dem jüngsten Sorgenkind Zypern vollauf beschäftigt ist, nähert sich mit riesen Schritten der Betritt von Kroatien als 28. Mitgliedsland. Gordan Bakota,  Botschafter des südosteuropäischen Landes in Wien , erklärt im Gespräch mit der EU-Infothek, wie sich sein Land in der EU positionieren will.

[[image1]]Kroatien hat nunmehr alle Kriterien zum EU-Beitritt mit 1. Juli 2013 erfüllt. Welche Erwartungen werden mit diesem Schritt in Kroatien verknüpft?

Die EU war für unser Land ein Motor für innere Reformen, weil wir in erster Linie der Wertegemeinschaft beitreten wollten und das hat uns beflügelt. Seitdem hat sich viel verändert. In Zukunft werden wir die Gelegenheit haben,  die europäische Politik mitzugestalten und mitzutragen. Kroatien wird sich gut vorbereiten und sich gut in Europa präsentieren und positionieren. Vor allem bereitet sich Kroatien für die Inanspruchnahme von EU-Fonds vor. Auch mit den Reformen, die wir innerhalb Kroatiens angefangen haben,  werden wir  fortfahren.  Deshalb betrachten wir unsere Mitgliedschaft in der EU als eine Möglichkeit, unsere Probleme zu überwinden. Dabei ist Europa für uns nicht nur wegen seiner Fonds wichtig, sondern auch als Markt, Gemeinschaft, als ein potenzieller Investor.

Brauchen nicht weniger, sondern mehr Europa

Ist der Zeitpunkt des EU-Beitritts günstig, schließlich sind die Auswirkungen der europäischen Schuldenkrise nach wie vor zu spüren?

Wie ich schon gesagt habe, die EU ist für uns vor allem eine Wertegemeinschaft und in dem Sinne treten wir der EU aus keinem Kalkül bei.  Wenn man die Ursachen der EU-Krise betrachtet, glaube ich nicht, dass die EU selbst die Probleme hervorruft.  Im Gegenteil, ich denke, dass die Krise durch die Schwächen einzelner Mitgliedsländer verursacht wurde.   Die EU soll innere Schwierigkeiten überwinden, denn  nur so kann sie im globalen Wettbewerb mit  Nord- und Südamerika, mit den asiatischen Staaten und künftig auch Afrika konkurrenzfähig sein.  Die einzige Möglichkeit für uns alle ist,  gemeinsame Kompetenzen zu entwickeln. Deswegen brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Europa.

Sind Sie erleichtert, dass der Streit mit Slowenien um Deviseneinlagen von kroatischen Sparern bei der in die Pleite geschlitterten Ljubljanska banka kürzlich beigelegt werden konnte?

Die offene Frage mit  Slowenien wegen der „Ljubljanska banka“ haben wir erfolgreich gelöst. Damit haben wir die letze Hürde auf dem Weg nach Brüssel beseitigt. Das zeigt, wie wichtig die nachbarschaftlichen Beziehungen und die Politik sind. Es freut mich sehr, dass zwei Staaten bereit sind, auf friedliche Art und Weise alle offenen Fragen zu lösen. Das ist auch ein wichtiges Signal für die anderen Staaten in unserer Region.

Ende 2012 wurde Kroatiens Rating durch Standard & Poors auf Ramsch-Niveau herabgestuft. Hat dies zu  Konsequenzen in der Wirtschaftspolitik Kroatiens geführt?

Es ist uns bewusst, dass unsere Wirtschaft mit gewissen Schwierigkeiten  kämpfen muss. Diese Herabstufung ist eigentlich ein positiver Anstoß dafür, die Finanzen und den Haushalt in Ordnung zu bringen. Es ist jedoch wichtig, mit den Ratingagenturen, unter denen es ja auch Konkurrenz gibt, zusammenzuarbeiten. Es würde uns freuen, wenn es zur Gründung einer neuen europäischen Agentur käme, welche die Konkurrenz weiter vertiefen würde.

Reformprozess ist unumkehrbar

Welche Schwachstellen im Vergleich mit den anderen EU-Ländern sollen noch beseitigt werden?

Kroatien braucht Investitionen.  Kroatien hat ein großes Potenzial im Energiesektor sowie in den Bereichen Verkehr und Tourismus.  Sehr positiv ist, dass wir eine niedrige Inflation haben. Nach dem Beitritt ist mit einem weiteren Aufschwung zu rechnen. Mit den Reformen geht es weiter – das ist ein unumkehrbarer  Prozess, den wir in Kroatien nicht als eine Hausaufgabe von Brüssel betrachten, sondern den wir in der ersten Linie zum Wohl unserer Bürger durchlaufen müssen.

Österreich ist einer der größten Investoren in Kroatien. Wie würden Sie das Verhältnis der beiden Länder definieren?

Als der größte Investor im Land ist Österreich unser wichtigster Partner. Beide Staaten definieren ihre Verhältnisse als ausgezeichnet und sehr freundlich, beide betrachten sich gegenseitig als Nachbarstaaten. Nach dem EU-Beitritt Kroatiens wird dieses Verhältnis eine neue, noch intensiviere Dimension bekommen, was für österreichische  Investoren in Kroatien sehr nützlich sein wird. Ich erwarte auch weiterhin ein positives Klima bezüglich der Wirtschaftsbeziehungen zwischen unseren beiden Ländern.

In der Vergangenheit gab es Probleme mit der Rechtssicherheit in Kroatien, was manche Investoren verärgert hat. Sind diese Probleme beseitigt?

Die Reformen sind ein Prozess, der in unserem  Fall eine klare Richtlinie darstellt. Die Europaische Kommission hat ihre ganz klare Bewertung abgegeben. Ich bin überzeugt,  dass Kroatien diesbezüglich  ein ganz anderes  Land geworden ist. Vor allem dadurch, dass auch die  Bürger Kroatiens im Kampf gegen die  Korruption voll engagiert sind.  Dieser Prozess ist unumkehrbar und wird  von größter Bedeutung für alle wirtschaftlichen Prozesse und Geschäfte in Kroatien sein.

Wie will sich Kroatien in der EU positionieren?

In geografischer, politischer und kultureller Hinsicht verbindet Kroatien verschiedene Europaische Regionen: den zentraleuropäischen Raum, die Donauregion, Südosteuropa und den Mittelmeerraum. Durch die geografische Lage Kroatiens am Schnittpunkt zwischen Mittel- und Südosteuropa kann die Europäische Union sehr profitieren.

Befürwortet Ihr Land eine Erweiterung der EU etwa um Serbien oder die Türkei?

Kroatien ist Vorreiter des weiteren Erweiterungsprozesses.  Das EU-Projekt kann ohne Integration der Staaten Südosteuropas in die EU-Familie nicht  abgeschlossen werden. Selbstverständlich sollten alle Kandidaten die nötigen Voraussetzungen für den EU Beitritt erfüllen und somit die Reformprozesse im eigenen Land  umzusetzen.  Die Idee der EU- Erweiterung soll jedenfalls zur Festigung der europäischen Stabilität, von Wohlstand und Wachstum weiter entwickelt werden.

Ein großes Plus von Kroatien ist der Tourismus, wie will man noch mehr Touristen ins Land locken?

Der Tourismus in Kroatien ist seit Jahren eine Erfolgsgeschichte, die auch  die kroatisch-österreichische Beziehungen  allgemein beeinflusst. Im Vorjahr wurde hinsichtlich der Zahl der  österreichischen Touristen  eine Steigerung von zehn Prozent registriert.  Mit mehr als einer Million Besuchern im Jahr 2012 ist Kroatien das  drittgrößte Urlaubsland für die Österreicher. Mit dem baldigen Schengen-Beitritt wird Kroatien für die österreichischen Gäste noch attraktiver.  Ich erwarte weitere Investitionen im Tourismussektor, besonders in neue Hotelkapazitäten,  die Kroatien  auf dem  österreichischen Tourismusmarkt noch attraktiver machen werden.

Über WERNITZNIG, Heinz

WERNITZNIG, Heinz
EU-Infothek: Interviews Heinz Wernitznig studierte Kommunikationswissenschaft und ist heute Redakteur beim Neuen Volksblatt in Linz, Ressort Chronik.

Das könnte Sie auch interessieren

Agrarsubventionen: Die kleinen Bauern sind die Tescheks

Es gibt ein uralte  Klischeevorstellung, die da lautet: Österreichs Bauern - nein, sogar Europas  Landwirte, werden von der Europäischen Union und sonst wo großzügig mit Subventionen überhäuft, was im Vergleich zu anderen Berufsgruppen ungerecht sei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.