Sonntag 24. September 2017, 08:52

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Und wann kommt jetzt der Börsencrash?

 

Obwohl kein einziges der großen ökonomischen Probleme seit der Finanzkrise von 2007 gelöst wurde – aber viele weitere dazugekommen sind - kennen die Indices dieser Welt nur eine Richtung; die nach Oben. Doch über der bunten Welt der Aktienrekorde brauen sich düstere Wolken zusammen.

Steht der Untergang der Wall Street bevor?
Steht der Untergang der Wall Street bevor?
Bild: © EU-Infothek

Grund 1: Aktien historisch teuer

Der Börsenboom hat die Anteilsscheine dieser Welt sehr teuer werden lassen. Der von Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller entwickelte Index zeigt das durchschnittlich KGV („Kurs-Gewinn-Verhältnis“) aller im S&P gelisteten US-Aktien im historischen Kontext [1]. Von 1881 bis 1989 betrug es im Durchschnitt 14,6. Am Vorabend des „Schwarzen Freitags“ (1929) betrug es 32,6 – um während der Weltwirtschaftskrise wieder auf 5 zurückzusinken. Am „Schwarzen Montag“ 1987 war es auf 17,7 geklettert. Am Höhepunkt der Immobilien-Krise 2007 waren es 27,5, heute steht der „Robert-Shiller“-Index schon bei 29,6 [2].

Grund 2: Soros setzt auf Crash

840 Millionen Dollar wettete der ehemalige „Bezwinger des britischen Pfunds“ (1992) 2017, dass die Kurse an der Wall Street fallen würden [3]. 2016 hatte er mit einer ähnlichen Wette allerdings schon eine halbe Milliarde in den Sand gesetzt.

Warum George Soros so hartnäckig auf das Scheitern von „Corporate America“ setzt, kann auch politische Hintergründe haben. Der links stehende Milliarden-Spekulant hat sich zum Feind von US Präsident Donald Trump erklärt; ein negatives Börsenumfeld könnte Amerikaner umdenken lassen.

Grund 3: Notenbanken blasen Börsen auf

Als ob die Welt nicht lernen wollte – aber alle Börsenkatastrophen der letzten 100 Jahre hatten mit Übertreibungen in der staatlichen Geldpolitik begonnen. So raunt nicht nur IWF-Starökonom Thomas Mayer: „Die Geldpolitik Europas wird böse enden“. Als Anhänger der (markt-liberalen) „Österreichischen Schule“ stellt er besorgt fest, „dass die Niedrigzinspolitik zwar viele Fusionen und Übernahmen ausgelöst hat, aber kaum neue Investments“ [4].

Die Notenbanken wären in ihrer Niedrigzinspolitik gefangen, schon die geringste Zinserhöhung könnte eine große Zahl von Staaten, Unternehmen und Privatpersonen in die Insolvenz treiben. Möglicherweise werde es wieder einmal eine Währungsreform geben.

Grund 4: Halb Europa pleite

Der Euro – und die damit verbundene Niedrigzinspolitik (inkl. mehrerer Billionen gedruckter Euro-Noten) - haben Europa nicht moderner gemacht (weil der Zinsspielraum zum Sanieren der Haushalte genutzt worden wäre), sondern bis über beide Ohren verschuldet. Beispiel Griechenland, Italien und Frankreich. Sie alle sind alleine deshalb noch nicht pleite, weil die Geldpressen der EU (und in Wahrheit: die Wirtschafts-Power Deutschlands) ihre Zahlungsfähigkeit garantieren. Geht den Deutschen aber einmal ihre Puste aus, dann fallen sehr schnell viele Dominosteine.

Grund 5: Weltweiter Immobilienrausch

So wie die Billigkredite der US-Zentralbank Amerika 2007 in einen Immobilienrausch getrieben hatten, so ergeht es aktuell den Wohnungsmärkten in Australien, Kanada, England, Deutschland und Neuseeland. Sie alle enteilen in lichte Höhen – und lassen die Kaufkraft der Menschen stagnieren. Allein im Land der Kiwis haben sich die Immobilienpreise seit 1980 real verfünffacht [5].

Aber auch in den Metropolen Europas lässt die Kombination aus billigem Notenbankgeld und historischen Migrationswellen (die im Unterschied zu früher hoch subventioniert sind) die Preise für die eigenen Vier Wände (und die Verschuldung der Privathaushalte) explodieren.

Grund 6: Spekulation auf Pump historisch hoch

Wie am Vorabend des „Schwarzen Freitags“ von 1929 stehen die schwärzesten Gewitterwolken auch heute wieder über den jenen Investoren, die Aktien und Anleihen mit gepumptem Geld finanzieren. Dies verdeutlicht die Kennzahl „Margin Debt im Verhältnis zum S&P 500“ [6]. Sie drückt aus, um wieviel die Aktienkäufe auf Pump stärker gestiegen waren als der Anstieg des Aktienindex „Standard & Poor 500“ [7].

Beispiel 1929: Am Vorabend des „Schwarzen Freitags“ waren inflationsbereinigt um 81% mehr Wertpapiere auf Kredit gekauft worden, als die Börsen gestiegen waren. Im Mai 2017 waren 93% [8].

Besorgniserregend auch das Verhältnis der Aktienkredite zum BIP. In den 1960ern und 19702ern lag dieses nie über 0,65%. Beim 1987er-Crash waren es plötzlich 0,8% gewesen (um dann wieder auf 0,6% abzusinken). Am Vorabend zur „Dot.com“-Blase waren es bereits 2,45% gewesen, bei der Finanzkrise von 2007 2,1%. Und heute? Heute sind es 2,8% [9]. Historisch einmalig.

Alle Parameter verdeutlichen: Die weltweite Politik der Zentralbanken, die Wirtschaft über die Verbilligung des Geldes anzukurbeln, läuft seit über 100 Jahren schief. Schon in den 1920ern trugen die Amerikaner das billige Staatsgeld (welches für den Aufbau Europas gedacht und gedruckt worden war), nicht ins Warenhaus, sondern an die Wall Street. Und so ist es heute wieder.

Es gibt nur zwei Wege, dem Crash zu entkommen: Entweder ändern die Notenbanken ihr Paradigma des billigen Geldes (was nicht passieren wird) – oder Trump gelingt das Wunder: ein hohes BIP-Wachstum (das nicht auf höheren Schulden baut) und damit höhere Firmengewinne. Es würde die hohen Bewertungsniveaus an den Börsen plötzlich rechtfertigen und uns Zeit verschaffen.

Gelingt Trump das Meisterstück allerdings nicht (die Märkte haben das Wunder aber schon eingepreist), dann könnte dies jener Auslöser sein, der den Stein ins Rollen bringt.




[1] Die Kennzahl errechnet sich, indem man den Kurswert einer Aktie durch den Gewinn pro Papier dividiert. Beispiel: Kurs der Aktie 96 Euro, Gewinn 12 Euro ergibt ein KGV von 8. Würde die Aktiengesellschaft jedes Jahr den vollen Gewinn von 8 Euro ausschütten (in der Regel sind es ca. 40%), dann hätte sich der Aktienkauf in 8 Jahren amortisiert. Die Kennzahl zeigt an, wie „teuer“ ein Markt ist.

[2] „Zeigt diese Kennzahl den nächsten Börsencrash an?“, www.fondsprofessionell.at, 17.2.2017

[3] „Starinvestor Soros wettet auf fallende US-Kurse“, www.spiegel.de, 22.5.2017

[4] „Die Geldpolitik Europas wird böse enden“, Neue Zürcher Zeitung, 26.10.2016

[5] „Entwicklung der Immobilienpreise und Nettoeinkommen in Neuseeland“, OECD; www.kreditvergleich.net,

[6] Wenn Amerikaner auf Pump spekulieren wollen, dann vereinbaren sie mir ihrer Bank eine Margin (Grenze), bis zu der die Kurse fallen können, ohne dass Kredite zurückbezahlt werden müssen. Sinken aber – wie 1929 –viele Aktien-Depots unter diese Grenzen, müssen viele Aktionäre ihre Kredite glattstellen und Aktien verkaufen. Der Crash gewinnt dann erst richtig an Fahrt. 

[7] Er umfasst die 500 wichtigsten Aktien an den New Yorker Börsen „Wall Street“ und „Nasdaq“.

[8] „S&P Historical Composite: 1871-Present Inflation Adjusted to Trend“, wwwdshort.com, abgerufen am 12.6.2017

[9] „Margin Debt as a Percentage of the Economy“, www.realinvestmentadvice.com, 4.4.2014

 




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