Dienstag 28. März 2017, 06:18

Interviews


Heberle-Bors: „Glaubenskrieg um Gentechnik endete mit vorläufigem Sieg der Reaktion“

Während die Gentechnik in der Medizin weitgehend anerkannt ist, wollen hierzulande sowohl Bauern als auch Konsumenten von gentechnisch veränderten Lebensmitteln nichts wissen. Im Gespräch mit der EU-Infothek geht Prof. Erwin Heberle-Bors, Experte für Pflanzengenetik an der Universität Wien, auf die Gründe für die massive Ablehnung ein.

Prof. Erwin Heberle-Bors, Experte für Pflanzengenetik an der Universität Wien
Prof. Erwin Heberle-Bors, Experte für Pflanzengenetik an der Universität Wien
Bild: Uni Wien
In Europa und speziell in Österreich stehen Konsumenten und Bauern gentechnisch veränderten Pflanzen (GVO) im Gegensatz zu den USA ablehnend gegenüber, obwohl es keine wissenschaftlichen Untersuchungen gibt, die Nachteile für Umwelt und Gesundheit belegen. Wo sehen Sie die Ursachen für das schlechte Image von GVO?

Der Rektor einer österreichischen Universität unterbrach mich einmal, als ich mit einer langatmigen Antwort auf diese Frage beginnen wollte, mit der Behauptung, das Thema GVO-Pflanzen sei in Österreich eine Art Freiwild, das zum Abschuss frei gegeben worden sei. Da ist was dran. Gegen GVOs zu sein, gehört inzwischen sozusagen zur DNA der Österreicher. Davon abgesehen habe ich erfahren, dass um das Thema ein Glaubenskrieg geführt wurde, der in österreichischer Tradition mit dem – vorläufigen – Sieg der Reaktion endete. Die einfachste Erklärung ist, dass die Österreicher glauben, sie bräuchten die Gentechnik nicht. Die zweiteinfachste Erklärung ist, dass die Österreicher glauben, was die Kronenzeitung schreibt und andere Zeitungen nachbeten. Eine ökonomische Erklärung ist, dass österreichische Nahrungsmittelkonzerne das Bio-Label entdeckt haben und unter diesem Deckmantel ihre nicht ganz so naturbelassenen Nahrungsmittel an Mann, Frau und Kinder bringen. Mir dreht sich umgekehrt jedes Mal der Magen um, wenn ich auf einem Milchpackerl lesen muss, dass die Milch gentechnikfrei sei. Eine soziologische Erklärung ist, dass GVO-Pflanzen als fremd gelten und dies bei der weit verbreiteten Fremdenfeindlichkeit auf fruchtbaren Boden fällt. Hinzu kommen Vorstellungen und Ängste dahingehend, dass wir Gentechniker Gott spielen, dass Österreich autark sein muss, und dass das Land durch die Globalisierung, sprich Saatgutkonzerne, überrollt wird. Rational ist das alles nicht.

Die Ankündigung der EU-Kommission im Vorjahr, eine gentechnisch veränderte Maissorte zulassen zu wollen, hat für große Empörung gesorgt. Wie beurteilen Sie als Wissenschafter die Vorgangsweise der EU?

Die Vorgangsweise der EU gründet auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der EFSA, der zuständigen EU-Behörde in Parma, Italien. Ihr Direktor ist Dr. Bernhard Url, ein Österreicher. Im Gegensatz dazu werden nationale Behörden stark von Regierungsvorgaben und diese von Stimmungen in der Bevölkerung beeinflusst. Mehrheit vor Wahrheit: Damit muss man als Wissenschaftler und Bürger leben lernen – und nicht aufgeben.

Österreichische Felder und das heimische Saatgut sind gentechnikfrei, zudem gibt es ein GVO-Importverbot. Ist diese Strategie Österreichs sinnvoll?

Bauern sagen mir etwas anderes. Sie würden gerne mal GVO-Saatgut ausprobieren. Anwendungen gibt es auch in Österreich. Aber nüchtern betrachtet ist die Strategie der österreichischen Regierungen der letzten Jahre stringent. Sie baut auf der gefühlten Gefährlichkeit von GVOs und den Interessen der Nahrungsmittelindustrie auf, und sie integriert diese in ein volkswirtschaftliches Konzept, das im Tourismus die Haupteinnahmequelle des Landes sieht. Tourismus in Österreich ist vorwiegend „bio“, und da passen Felder mit demonstrierenden Greenpeace-Aktivisten nicht in die Landschaft. Diese Strategie wird vom „Lebensministerium“ beinhart durchgezogen und in die EU getragen. Dass dies im Widerspruch zur Politik des freien Warenverkehrs und internationaler Verträge (EU, GATT) steht, wird trotz angedrohter Strafverfahren mit moralischem und patriotischem Getöse weggebügelt.

Wie groß ist die Gefahr einer Pollenverschleppung?

Die natürliche Funktion des Pollenflugs ist, Gene zu übertragen, gleichgültig welcher Herkunft diese sind. Ob von diesen Genen eine Gefahr ausgeht, hängt davon ab, ob die übertragenen Gene mit gefährlichen Merkmalen assoziiert sind. Da solche Gefährdungen nicht existieren, ist auch der Pollenflug ungefährlich. Eine Gefahr wäre die Pollenverschleppung aber für Bauern, die GVO-Pflanzen anbauen. Sie wären aufgrund des österreichischen Gentechnikgesetzes haftbar für etwas, das gar nicht gefährlich ist.

US-Bauern schätzen die Vorteile der Gentechnik

Greenpeace etwa argumentiert, die die Bauern in den USA aus wirtschaftlichen Gründen gar keine Alternative dazu haben, als gentechnisch verändertes Saatgut anzubauen. Wie sind Ihrer Kenntnis nach die Erfahrungen mit GVO in den USA?

Der Grund für die häufige Verwendung von GVO-Saatgut in den USA sind dessen unbestreitbare Vorteile. Wenn diese nicht vorhanden wären, würden US-Bauern sofort anderes Saatgut verwenden, auch wenn sie es im Ausland kaufen müssten. Sie haben das schon früher getan. Alles andere ist Quatsch. Wie wirtschaftlich unvernünftig und unmündig hält Greenpeace US-Bauern?

Konnte durch den Einsatz von GVO die Verwendung von Pestiziden verringert werden?

Kommt darauf an, was man darunter versteht. Die Verwendung von GVO-Saatgut mit dem Bt-Toxin (z. B. Mon810) führte zu einem stark erhöhten Einsatz des Pestizids, das allerdings nicht gespritzt wird, sondern als natürliches Pestizid schon in der GVO-Pflanze ist und sie immun gegen den Schädling macht. Der Einsatz dieses natürlichen, transgenen Immunstoffs reduzierte in der Tat den Einsatz chemischer Pestizide, was zum Beispiel in Indien zu einer enormen Steigerung des Anbaus an GVO-Baumwolle führte. Was aber nicht heißt, dass diese Pflanzen nun gegen alle Schädlinge resistent seien und dass es keine Probleme gäbe. Resistenz gegen das Bt-Toxin hat sich bei manchen Bt-Pflanzen an einzelnen Orten entwickelt. Solche Resistenzentwicklungen kommen auch bei konventionell gezüchteten Nutzpflanzen und in der Natur vor. Man nennt dies Evolution. Es gibt aber Lösungen. Wie im Fall von Antibiotika-resistenten, humanpathogenen Bakterien kann ein besseres Management der Bt-Pflanzen im Feld – analog einem aufgeklärteren Antibiotika-Management bei Menschen und in der Massentierhaltung –die Resistenzentwicklung auf dem Acker verhindern oder verlangsamen. Neue biologisch-gentechische Verfahren wie die RNA-Interferenz (siehe unten) können existierende Resistenzen unwirksam machen.

Welche Vorteile bzw. Nachteile haben gentechnisch veränderte Pflanzen gegenüber herkömmlichen Pflanzen?

Gentechnik ist in der Pflanzenzüchtung eine Methode unter anderen. Sie ist eine durch und durch rationale Methode, natürlich abhängig vom jeweiligen Stand von Wissenschaft und Technik. Die genetische Veränderung kann gezielt vorgenommen werden, ohne weitere Veränderungen der Pflanze. Der Eingriff ist minimal. Die Anti-Matsch-Tomate zum Beispiel war ein Paradeiser, kein Frankenfood. Auf dem Markt gibt es inzwischen normal gezüchtete Anti-Matsch-Paradeiser. Wir alle essen sie. Eine gesundheitsschädliche Wirkung der GVO-Pflanzen, die derzeit auf dem Markt sind, auf Menschen oder eine Schädigung der Umwelt konnte trotz vieler Behauptungen nicht nachgewiesen werden.

GVO-Befürworter meinen, mit diesen Pflanzen könnte man den Hunger auf der Welt effizient bekämpfen. Ist diese Ansicht zulässig?

Natürlich ist diese Ansicht zulässig. Aber GVO-Pflanzen sind nicht die einzige Lösung. In einem solch komplexen Bereich wie der menschlichen Ernährung muss es auch ähnlich komplexe Lösungen geben. Sie reichen von der richtigen Bodenbearbeitung, lokal angepasstem Wasser- und Düngereinsatz über die Kontrolle des globalen Bevölkerungswachstums und dem Schutz von Umwelt und Natur, einer gerechten Verteilung des Reichtums, national wie international, bis hin zur Züchtung besser angepasster Nutzpflanzen, einschließlich durch Gentechnik. Ich kenne diese Problematik aus meiner Tätigkeit als Berater für ein Projekt der Bill-and-Melinda-Gates Foundation in Afrika und Lateinamerika zur Züchtung von Cassava (Maniok, Yuca), einem Grundnahrungsmittel vieler, meist armer Menschen in tropischen Ländern.

Beitrag gegen das Bienensterben

Wie ist der Forschungsstand bei GVO, woran arbeiten die Wissenschafter derzeit und welche Ziele werden angepeilt?

Die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet lassen einige der GVOs, die derzeit auf dem Markt sind, alt aussehen. Zu GVOs der zweiten oder dritten Generation gehören GVOs, die nicht nur dem Bauern nutzen (wie die derzeitigen Produkte), sondern auch dem Konsumenten und der Umwelt, gerade auch in Bezug auf den sich beschleunigenden Klimawandel. Ein Gebiet ist die Verbesserung der Gentransfertechnologie, um Gene noch gezielter transferieren bzw. ausschalten zu können. Das Letztere, RNA-Interferenz genannt, soll in GVOs eingesetzt werden, um Allergien zu verhindern, Schädlinge abzutöten und Resistenzmechanismen auszuschalten, während mit einem RNA-Interferenz-Pestizid in einer Zuckerlösung Verroa-Milben, die gefährlichsten Schädlinge von Bienen, abgetötet werden sollen, ohne dass ein GVO entsteht. Dies wäre ein Beitrag im Kampf gegen das Bienensterben. Ein anderes Gebiet ist die Stressforschung mit dem Ziel, Pflanzen besser an Hitze und Trockenheit anpassen zu können. Die Forschung auf diesen Gebieten macht große Fortschritte, auch in Österreich. Verbesserung der Nahrungsqualität, zum Beispiel Anreicherung mit Vitamin A wie im Golden Rice, ist ein weiteres Ziel. Damit kann der Tod von Millionen armer Menschen, die oft nur eine Schale Reis am Tag als Nahrung zur Verfügung haben, verhindert und der Erblindung von Menschen vorgebeugt werden.

Wie hoch sind die Forschungsmittel im Vergleich zu jenen, die im medizinischen Bereich eingesetzt werden?

Genaue Zahlen habe ich nicht. Die Forschungsmittel für die Pflanzenzüchtung sind im Vergleich zu denen, die im medizinischen Bereich eingesetzt werden, jedenfalls wesentlich geringer. Sie sind sogar skandalös gering, wenn man sich den anhaltenden Hunger auf der Welt, die weitere Zunahme der Weltbevölkerung und den Klimawandel vor Augen führt. Vor der Hysterie gegen die Gentechnik gab es Ansätze, mittelständische Betriebe am Fortschritt in der Gentechnik teilhaben zu lassen. Mit der rigorosen Regulierungswut, die sich u. a. auch im österreichischen Gentechnikgesetz äußerte, wurden alle Bemühungen solcher mittelständischen Betriebe zunichte gemacht. Die derzeitige Marktdominanz von großen Firmen wie Monsanto ist das Produkt dieser Regulierungswut.




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