Sonntag, 25. September 2022
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Ibiza-Gate / Geheimer Endbericht zum Ibiza-Video: Täter sogar im Wiener Rathaus empfangen

Julian Hessenthaler, Bild: Polizei Bildbearbeitung / RA Dr. Ramin Mirfakhrai, Bild: Facebook / Heinz-Christian Strache, Bild © Parlamentsdirektion / Photo Simonis / Mag. Johann Gudenus, Bild © Parlamentsdirektion / Photo Simonis

Im Mai 2019 enthüllte EU-Infothek als erstes Medium die beiden bis dahin geheimen Produzenten des „Ibiza-Videos“ mit deren Echtnamen: Julian Hessenthaler und RA Dr. Mirfakhrai.

Zahlreiche österreichische und internationale Medien griffen diese Enthüllungen auf, Sascha Wandl bestätigte in einem Interview auf oe24.tv wenige Tage später die exklusiven EU-Infothek Berichte über die Verantwortlichen des Ibiza-Videos. Wandl erkannte Julian Hessenthaler als seinen ehemaligen Mitarbeiter.

Politik, Drogen, Erpressung – der größte Politthriller Österreichs auf 40 Seiten: Die “Soko Tape” verfasste jetzt den Endbericht zum Ibiza-Video-Krimi, der nun EU-Infothek und dem eXXpress vorliegt. Zum Kopfschütteln: Ein drogensüchtiger Haupttäter der Video-Clique wurde sogar von einem damaligen Spitzenpolitiker im Wiener Rathaus empfangen …

Eine Mitte-rechts-Regierung direkt gesprengt, den früheren Vizekanzler Heinz-Christian Strache politisch, finanziell und privat ruiniert, sowie indirekt über die im Ermittlungsverfahren entdeckten Chats auch den Rücktritt von Sebastian Kurz mitverursacht, dazu die II. Republik über Monate maßgeblich destabilisiert, den Steuerzahlern über drei Jahre Millionenkosten verursacht: Das Ergebnis der Politintrige der etwa 20-köpfigen Ibiza-Video-Clique hat Österreich innenpolitisch geprägt; italienische Regierungs-Verhältnisse, Misstrauen und offener Hass unter den politischen Playern verärgern seit dem 17. Mai 2019 die Bevölkerung.

Dem Leiter der “Soko Tape”, die seit drei Jahren im Video-Thriller ermittelt hat, gelang es jetzt, den bisher bekannten Teil des Politkrimis auf 40 Seiten zusammenzufassen. Der Aufdeckerplattform EU-Infothek und dem eXXpress wurde dieses bisher vertrauliche Dossier des Bundeskriminalamts nun zugespielt.

Beschuldigter Anwalt Mirfakhrai blockiert Handy-Auswertung

Eine Aussage in diesem Bericht der Kriminalisten wird vielleicht bei manchen einflussreichen Personen dafür sorgen, dass sie heute mit Champagner darauf anstoßen werden: “Hinweise darauf, dass Hessenthaler/Mirfakhrai (die zwei Haupttatverdächtigen, Anm.) von Dritten beauftragt worden wären, das “Ibiza-Video” zu erstellen, haben sich nicht ergeben.”

Damit können der aktuell wegen schwerer Drogenvorwürfe in St. Pölten angeklagte Julian Hessenthaler sowie dessen Bekannter, der Wiener Anwalt Ramin Mirfakhrai, ziemlich erleichtert sein – der Druck auf das Duo, mögliche Finanziers der Politikintrige endlich zu verraten, lässt damit deutlich nach. Allerdings schreiben die Kriminalisten der Soko auch in ihrer Zusammenfassung: “Die bei Mirfakhrai sichergestellten Datenbestände konnten aufgrund eines von ihm initiierten Widerspruchsverfahrens bis dato keiner Auswertung zugeführt werden.” Bei manchen anderen Handys – zum Beispiel bei jenen von Politikern – ging das absolut problemlos und rasch.

Julian Hessenthaler hatte auch Treffen im Wiener Rathaus

In dem sehr übersichtlichen Bericht der Kripo tauchen auch bisher unbekannte Fakten auf: So sagt eine Wiener Immobilienmaklerin aus, dass die Vorbereitungen für den Videodreh am 23. Juli 2017 in der Finca in Sant Rafael de Sa Creu auf Ibiza bereits “im März 2017” begonnen haben. Da sei ihr in der Kanzlei von Mirfakhrai erstmals ein (gefälschter?) Kontoauszug des Lockvogels “Alyona Makarov” vorgelegt worden. Laut ihrer Zeugenaussage befanden sich auf diesem Treuhandkonto mehrere Millionen Euro.

Am 31. März hätte dann Ramin Mirfakhrai 957,65 Euro an das Unternehmen “Beling d.o.o.” überwiesen. Diese kroatische Firma vertreibt auch Produkte von “LawMate”, also Equipment für verdeckte Videoauzeichnungen.

Der 7. April 2017 war für einen der Haupttäter, den angeblichen Sicherheits-Experten Julian Hessenthaler, dann ein großer Tag: Er wurde vom FPÖ-Politiker Johann Gudenus sogar in dessen Büro im Wiener Rathaus empfangen.

Der “Soko Tape” vorliegende Chats zwischen Hessenthaler und einer jungen Unternehmerin belegen diesen Besuch des jetzt wegen massiver Drogen-Vorwürfe angeklagten Mittäters im Politikerbüro – den Besuch im Rathaus soll die schöne Firmenchefin eingefädelt haben, die vor dem Jahr 2015 auch mit Heinz-Christian Strache eine Affäre gehabt haben soll und danach mit einem Multimillionär verheiratet war.

Am 13. April 2017 treffen sich Gudenus, die Unternehmerin und Hessenthaler erneut zur Absprache von Vertragsdetails für einen angeblichen Grundstückskauf durch “Alyona Makarov”.

Irrtümlich Mitschnitte aus dem Video an Finca-Vermieter geschickt

Am 26. April 2017 wird beim nächsten Treffen von Gudenus und dessen Gattin mit Hessenthaler und der Wiener Unternehmerin im Hotel Sofitel der FPÖ-Politiker mit versteckter Kamera gefilmt. Die Kosten des Aufenthalts (2500 €) bezahlt laut Kripo Ramin Mirfakhrai.

Von 23. auf 24. Juli 2017 läuft dann der Coup in der Finca auf Ibiza ab – der eXXpress hat bekanntlich die gesamten siebeneinhalb Stunden des geheimen Drehs und nicht nur die wenigen Videoschnipsel, die dann am 17. Mai 2019 veröffentlicht worden sind.

Der Vermieter dieser Finca überrascht die Kriminalisten bei seiner Einvernahme mit einer Anekdote: Hessenthaler hätte ihm am 24. Juli unabsichtlich Gesprächsauszüge der Abhöraktion per WhatsApp geschickt – diese waren offensichtlich für einen anderen Mittäter bestimmt. . .

Soko lässt wichtige Fragen ungeklärt

Hoch interessant im Bericht der Kripo sind auch die hohen Zahlungen des Wiener Anwalts an Julian Hessenthaler: Insgesamt 81.504 Euro flossen in den Jahren 2017, 2018, und 2019 auf das Konto des “Ibiza-Detektivs”. Meistens als “Privatdarlehen” oder “Darlehen” bezeichnet.

Und: 2019 schrieb Hessenthaler an einen weiteren Finanzier, dass er die geliehenen 70.000 Euro bald zurückzahlen könne – wenn “die Zeitungsleute” überweisen würden. Die Kriminalisten notieren dazu: “Bei lebensnaher Betrachtung des Sachverhalts wird anzunehmen sein, dass die von Hessenthaler avisierte Zahlung mit einer Veräußerung des Ibiza-Videos in Verbindung zu bringen sein wird.”

Fazit aus dem Endbericht: Viele Fragen bleiben ungeklärt. Der Spur des Geldes wurde etwa nicht nachgegangen: Wer hat die ganze Aktion bezahlt?

Wer finanziert noch immer die Klagen und die hohen Prozesskosten der Ibiza-Clique?

Die falsche Oligarchin – eine mutmaßliche Hauptbelastungszeugin der Ibiza-Bande – wird nicht mehr offiziell gesucht.

Welche Rolle spielten gewisse österreichische und deutsche Medien, wer bezahlte wann was?

Und was ist tatsächlich auf dem Handy des Ibiza-Anwalts zu finden – warum verweigert Österreichs Justiz die Auswertung dieses so wichtigen Beweismaterials?

Nur noch eine Gefahr: Dass irgendwann ein Mitwisser alles erzählt

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass diese Fragen, diese Punkte nie mehr geklärt werden. Das Ziel der Ibiza-Clique wurde mit einem für einen Regierungs-Change geringen finanziellen Aufwand – auch wenn es sechs Millionen Euro waren – absolut erreicht: HC Strache ist weg, Sebastian Kurz ist weg, die FPÖ nicht mehr regierungstauglich.

Julian Hessenthaler könnte trotz Drogenanklage mit einer geringen Haftstrafe davonkommen, dem Anwalt drohen bedingte Haftstrafen, allen anderen acht Beschuldigten ebenfalls nicht wirklich lange Gefängnisaufenthalte. Und die schönen jungen Frauen im Umfeld der Clique dürfen sich freuen, dass ihre mutmaßliche Mittäterschaft (fast) niemanden mehr interessiert.

Eine Gefahr werden aber alle Mittäter und Mitwisser des Politkrimis für immer fürchten müssen: Dass einer ihrer Freunde oder Komplizen aus irgendeinem Grund nicht mehr schweigen will – und wirklich alles erzählt.

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