Samstag, 4. Juli 2020
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Sprachenlernen hinter Gittern: reduziert Kommunikationsbarrieren und emotionalen Stress

Das Leben hinter Gittern müssen auch Gefangene erst einmal verstehen lernen: Tagesabläufe, Regeln und Strukturen müssen vermittelt und Formulare ausgefüllt werden. Gefangene und WärterInnen sprechen immer seltener dieselbe Sprache, Kommunikationsschwierigkeiten sind damit unvermeidbar.

[[image1]]Das EU-Projekt Languages Behind Bars (LBB) greift Situationen aus dem Alltagsleben in Gefängnissen auf und entwickelt daraus Comics und andere Lehrunterlagen zum Sprachenlernen für Gefangene und Gefängnispersonal.

Warum überhaupt Sprachenlernen im Gefängnis?

Ein beträchtlicher Teil der InsassInnen europäischer Gefängnisse sind MigrantInnen, die nicht die ortsübliche Sprache sprechen. In österreichischen Gefängnissen sind beispielsweise über 100 Nationen vertreten. Daraus ergeben sich Sprachbarrieren, die im Gefängnis dazu führen, dass Grundbedürfnisse, Rechte, Abläufe und Strukturen nicht vermittelt und verstanden werden. Das ist nicht nur für InsassInnen, sondern auch für das Gefängnispersonal eine große Herausforderung. Das Aus- und Weiterbildungsunternehmen die Berater® reagiert auf diese Herausforderung mit dem EU-Projekt „Languages Behind Bars“, bei dem Sprachenlernen auf den Kontext der Gefängnisse abgestimmt ist. Wie kommuniziere ich mit der Außenwelt? Was passiert, wenn ich krank werde? Und welche Rechte habe ich als InsassIn überhaupt? Fragen wie diese werden in den LBB Sprachlehrmaterialien auf insgesamt 6 europäische Sprachen aufgegriffen, um explizites Vokabular und Dialoge zu diesen Situationen vermitteln zu können. 

Lernen im Gefängnis – anders als sonst, aber wie?

Mehr als die Hälfte der InsassInnen hat keinen Schulabschluss, nicht selten sind sie AnalphabetInnen. Damit ist der Bedarf an Bildung in Gefängnissen enorm. Durch die steigenden Sprachbarrieren können oft nicht einmal essentielle Bedürfnisse und Rechte kommuniziert werden. Um Gefangenen und Gefängnispersonal die relevanten Inhalte in unterschiedlichen europäischen Sprachen vermitteln zu können, entwickelt LBB einzelne Comiceinheiten, die konkrete Alltagssituationen in Gefängnissen widerspiegeln. Die Dialoge in den Lehrcomics finden zwischen Gefangenen und Gefängnispersonal statt. Die Comics und andere Materialien werden seit einigen Wochen von SprachtrainerInnen in unterschiedlichen Gefängnissen Europas getestet. Im Gefängnis von Bordeaux-Gradignan in Frankreich lernt das Gefängnispersonal Bulgarisch. Nicht nur WärterInnen nehmen Teil, sondern auch ÄrztInnen und SozialarbeiterInnen, die im Gefängnis tätig sind. “Das Gefängnispersonal hat zum ersten Mal Sprachmaterialien, die Situationen aus ihrer tagtäglichen Arbeit im Gefängnis zeigen. Damit lernen sie schnell die notwendigen Phrasen und Vokabeln“, so Jean Marie Dubile, LBB-Projektmanager der französischen Partnerorganisation INSUP.

Welche Informationen müssen vermittelt werden?

Relevant sind für Gefangene Informationen rund um den Tagesablauf und Strukturen im Gefängnis sowie im Kontakt zur Familie und zur Außenwelt. Essentiell sind für Gefangene auch Informationen zur medizinischen und psychiatrischen Versorgung in Gefängnissen, zur Teilnahme an Bildung sowie zur Möglichkeit einer erfolgreichen Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Zu diesen Informationen zu kommen, wird durch Sprachbarrieren maßgeblich erschwert. Das führt nicht selten auch zu einem erheblichen emotionalen Stress unter den Gefangenen. Beim Sprachenlernen im Gefängnis geht es deshalb um viel mehr, als Kommunikationsschwierigkeiten zwischen dem Gefängnispersonal und den InsassInnen zu überwinden.

LBB ist ein Projekt des Programmes für Lebenslanges Lernen, das mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert wurde.

Weitere Informationen zum Projekt LBB:
Paul Talbot, BA
LBB Projektmanager bei die Berater®
Tel: +43 1 532 45 45 – 1129
E-Mail: p.talbot@dieberater.com
www.lbb-project.eu

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