Freitag, 14. Dezember 2018
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Kurz und der „Enkel-Effekt“

Sebastian Kurz und Team haben die meisten Sympathisanten in der Generation 60plus / Bild: @flickr Sebastian_Kurz by Jakob Glaser, © ÖVP

Der jüngste Regierungschef hat seine größte Anhängerschaft in der älteren Generation.

Gerade 32 Jahre alt wird Österreichs Bundeskanzler am 27. August und ist nach wie vor Europas jüngster Regierungschef. Jungsein ist auch das Charakteristikum vieler neuer Abgeordneter im Parlament, ja selbst vieler Regierungsmitglieder. Und sieht man sich die Mitarbeiter in den Ministerbüros an, so ist nicht mehr die Zugehörigkeit zu den sogenannten Bünden (also Arbeitnehmer, Wirtschaft und Bauern) entscheidend, sondern der Stallgeruch der Jungen Volkspartei. Bei einer genauen Analyse der Wahlergebnisse und laufenden Meinungsumfragen fällt jedoch etwas auf, das bisher kaum Aufmerksamkeit fand. Nämlich, dass das junge Kurz-Team die größten Sympathisanten bei der Generation 60plus hat.

Renten-Klau hat Wirkung verloren

Und das ist genau genommen die eigentliche Trendwende, die sich im Wahlverhalten der österreichischen Bevölkerung vollzogen hat. Seitdem Kurz an der Spitze der Volkspartei steht, gibt es nämlich einen Rollentausch. Waren es in früheren Zeiten, die Senioren, die ihr Vertrauen mehrheitlich der SPÖ schenkten, was auch zur Folge hatte, dass sozialdemokratische Wahlkämpfer gern zum „Renten-Klau“ griffen, so ist es nun die Generation der über 60-jährigen, die mit ihrer Stimmenabgabe der Volkspartei den Handlungsauftrag gibt.

Generation 60plus liegt über dem Durchschnitt

Belegt wird diese Feststellung bereits durch die Wahlergebnisse. So erhielt die ÖVP von den über 60-jährigen bei den Nationalratswahlen nicht 31,5, sondern 34 Prozent. Ähnlich sieht es bei den Landtagswahlen aus, so erreichte in Niederösterreich die ÖVP bei den Senioren nicht 49,6, sondern 60 Prozent, in Tirol nicht 44,3, sondern 68 und in Salzburg nicht 37,8, sondern 52 Prozent. Daran hat sich auch bei den jüngsten bundesweiten Meinungsumfragen nichts verändert. Die Volkspartei liegt insgesamt mit 33 Prozent sogar leicht über dem Wahlergebnis vom vergangenen Herbst, bei der älteren Generation erreicht sie Werte, die zum Teil bis zur 50-Prozent.Marke reichen.

Schwachstellen bei der jüngeren Generation

Der bekannte Politikwissenschaftler Fritz Plasser spricht gegenüber EU-Infothek von einem so genannten „Enkel-Effekt“. Soll heißen, dass für die Senioren Sebastian Kurz ein Wunschbild ist. Oder auf den einfachen Nenner gebracht, so würde man sich selbst gerne seine Enkel wünschen. Für sie sind der junge Bundeskanzler und seine politischen Weggefährten in der Regierung und in den Bundesländern zur Zukunftshoffnung geworden. Nicht nur jedes Ding, sondern auch jede Umfrage hat zwei Seiten. Erstaunlich ist nämlich, dass die junge Generation offenbar etwas anders tickt. Bei ihr liegen nämlich die Werte sowohl der Volkspartei als auch ihres Parteiführers merkbar unter dem Durchschnitt, und zwar deutlich unter der 30-Prozent-Marke.

Zwei Minister stechen hervor

Bei den jüngeren Wählern zeigt sich eine doch beträchtliche Präferenz für die FPÖ und die Grünen. Kurzum, hier haben die Kurz-Strategen noch Überlegungen anzustellen, wie ein Aufholbedarf aussehen sollte. Wie überhaupt es in einigen Bereichen durchaus Problemzonen gibt, die nur durch die Person Kurz überdeckt wird, der die zentrale Figur im Regierungsspiel darstellt. Und hier besteht zum Beispiel das Problem, dass von den Regierungsmitgliedern der Volkspartei eigentlich nur Finanzminister Hartwig Löger und Bildungsminister Heinz Faßmann öffentlich stark präsent sind und auch als Politiker wahrgenommen werden. Selbst bei Gernot Blümel, obwohl die rechte Hand des Kanzlers, gibt es Wahrnehmungsschwächen, vor allem in Hinblick auf die sensible Kulturpolitik, die zu seinem Ressort gehört.

Politische Leichtgewichte

Umweltministerin Elisabeth Köstinger ist zwar bedingt durch die Geburt ihres Sohnes abgetaucht, wurde aber auch schon vor ihrer Karenz nicht mehr als politisches Schwergewicht wahrgenommen. Dieses Manko gilt auch für die Wirtschafts- und Digitalisierungsministerin Margarete Schramböck, die zwar als Fachfrau aber noch nicht als Politikerin wahrgenommen wird. Bei Juliane Bogner-Strauß schließlich zeigt sich, dass das Familienressort alleine eigentlich nicht programmfüllend ist.

Fehler beim Verkauf der Arbeitszeit-Flexibilisierung

Für den Politikwissenschaftler Plasser ist klar, dass die Popularität von Kurz bis zum Jahresende von den unzähligen Auftritten im Zuge der EU-Ratspräsidentschaft gehalten und durchgetragen werden kann. Das Europa-Thema wird auch so manche Schwächen zudecken. Dazu gehört der trotz Message-Controlling unerwartet schlechte Verkauf der Arbeitszeitflexibilisierung, die immer schon ein Anliegen auch auf SPÖ-Seite war. Anstatt von der Möglichkeit einer 4-Tage-Woche zu sprechen, ließ man sich auf die Diskussion eines 12-Stunden-Arbeitstages und einer 60-Stunden-Woche ein.

Manko auf Arbeitnehmerseite

So sehr offenbar der Einfluss der Teilorganisationen in der Partei und der Regierung zurückgedrängt werden konnte, macht sich aber jetzt auch ein Manko auf Arbeitnehmerseite bemerkbar. So sind vor allem dem ÖAAB-Obmann August Wöginger die Hände gebunden, zumal er gleichzeitig Klubobmann der Gesamtpartei ist und daher vor allem deren Interessen zu vertreten hat. Hier macht sich aber auch das Fehlen von so genannten Think Tanks bemerkbar, die früher einmal dafür sorgten, dass der Arbeitnehmerflügel gewissermaßen die Denkwerkstatt der ÖVP bildete. Demoskopen sehen durchaus die Gefahr, dass die Volkspartei Gefahr laufen könnte, Arbeitnehmer zu verlieren. An die FPÖ und an die SPÖ. Daher besteht hier bald Handlungsbedarf, immerhin – so Plasser – bilden sie gut 25 Prozent des Wählerpotentials.

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