Freitag, 10. Juli 2020
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Griechenlands Banken in akuter Gefahr

Jetzt ist es passiert: Die Ratingagentur Fitch stufte die griechische Nationalbank und drei weitere Institute als teilweise zahlungsunfähig ein. Die Kreditwürdigkeit der Geldhäuser Alpha, Eurobank und Piraeus wurde von CCC bzw. C auf RD herabgestuft, was so viel heißt wie „restricted default“ (begrenzter Zahlungsausfall).

Im Mittelpunkt der griechischen Tragödie, die in diesen Tagen ein dramatisches Ausmaß erreicht hat, steht naturgemäß die Athener Nationalbank, die Bank von Griechenland. Diese seit 1927 existierende Institution, die an der dortigen Börse notiert und 19.000 Shareholders gehört, war in jüngster Zeit feuerwehrartig bei Finanzkatastrophen im Einsatz, indem sie schön brav sowie massenhaft rettende Milliarden von der Europäischen Zentralbank verteilt hat. Nunmehr pfeift sie jedoch  aus dem letzten Loch, weil kein Geld mehr vorrätig ist. Seit  die EZB kürzlich beschloss, ihre Notkredite für griechische Banken in Höhe von 90 Milliarden Euro nicht erhöhen zu wollen, ist die Gefahr gewaltig, dass sich die durchwegs maroden Geldinstitute endgültig das Genick brechen.

Besonders gefährdet sind die führenden Finanzgruppen des Landes, die noch zigtausenden Menschen Arbeit geben und die Wirtschaft eher schlecht denn recht in Schwung zu halten versuchen. Die EU-Infothek stellt sie in Kurzporträts vor:

O  Die National Bank of Greece mit Hauptsitz in Athen wurde 1841 von Georgios Stavros und dem Schweizer Bankier Jean-Gabriel Eynard gegründet, notiert seit 1880 an der Athener Börse, neuerdings auch an der New York Stock Exchange, und ist international aufgestellt, sprich: abgesehen von ihren mehr als 520 hellenischen Filialen auch in der Türkei und in Südosteuropa engagiert. Als führender Player in Griechenland – die Marktkapitalisierung beträgt vier Milliarden – wollte sie in den letzten Jahren sowohl die Alpha Bank als auch die Emporiki Bank und schlussendlich auch die Eurobank übernehmen – was allesamt nicht gelungen ist.  Die Bankengruppe, die 34.000 Mitarbeiter beschäftigt, war von der griechischen Schuldenkrise schwer betroffen und musste insgesamt 19  Milliarden Euro abschreiben und einen schmerzhaften Restrukturierungsprozess durchmachen. Im ersten Quartal 2015 häufte sie im Inland grellrote Zahlen an – 290 Millionen Euro.

O  Die schon 1879 gegründete Alpha Bank ist die mit einer Marktkapitalisierung von 3,6 Milliarden Euro und rund 600 Filialen das zweitgrößte Geldinstitut im Lande.  Ioannis Costopoulos, Enkelsohn von Firmengründer  John F. Costopoulos, fungiert als Honorary Chairman der  auch in London, Zypern und vier Balkanstaaten präsenten, großteils staatlichen Bankengruppe. Im Geschäftsjahr 2014 schrieb sie 330 Millionen Euro Verlust, im ersten Quartal des laufenden Jahres waren es 116 Millionen. Die Alpha Bank, die 2013 die Emporiki Bank erworben hatte, erhielt zwar in höchster Not eine Kapitalspritze von 1,2 Milliarden, konnte sich letztlich aber nur mit Hilfe von ELA-Notkrediten in Höhe von  22,4 Milliarden über Wasser halten. Die Gruppe beschäftigt derzeit noch fast 17.000 Mitarbeiter.

O  Die seit 1916 bestehende Piraeus Bank, als privates Institut lange auf Kreditvergabe spezialisiert, ging 1975 in staatliches Eigentum über, ehe sie 1991 wieder privatisiert wurde. Damals setzte sie zu einer Art Höhenflug an, der zum Teil auf internationalen Auftritten etwa in London oder Frankfurt beruhte. Im Heimatland mit fast 350 Zweigstellen präsent, operieren ihre Tochterfirmen obendrein in sechs Staaten – Albanien, Bulgarien, Rumänien, Serbien, Ukraine und Zypern. Mit ihrer Marktkapitalisierung von 2,3 Milliarden Euro rangiert die Piraeus Bank in Griechenland auf Rang drei der Branche, mit einem Marktanteil von etwa 29 Prozent sowohl bei Krediten als auch bei Einlagen liegt sie sogar ganz vorne. Die konkreten Zahlen  – 56 Milliarden bei Krediten, 47 Milliarden bei Kundeneinlagen (Stand: 31. März 2015) – lassen einen angesichts der aktuellen Misere geradezu erschaudern. Im Juni 2013 musste die Bank erstmals aufgefangen werden, im April 2014 folgte eine Kapitalaufstockung um 1,75 Milliarden Euro, die großteils von institutionellen Investoren und griechischen Aktionären bereitgestellt wurden. Sie alle machen sich derzeit große Sorgen, wie es weiter geht.

O  Die Eurobank Ergasias ist mit einer Marktkapitalisierung von zwei Milliarden Euro und 500 Zweigstellen das viertgrößte Geldinstitut Griechenlands. Einst zur Firmengruppe EFG von Spiro Latsis gehörig, ist sie mit ihren 19.000 Mitarbeitern in acht Ländern (Zypern, Bulgarien, Rumänien, Serbien, Ukraine, aber auch Großbritannien und Luxemburg) zu einem Eckpfeiler des griechischen Bankwesens geworden. Die Eurobank hat 2013 sowohl die New TT Hellenic Postbank S.A. Als auch die  New Proton Bank S.A. geschluckt, sich dabei jedoch offensichtlich verschluckt: Sie musste unter dem Bankenrettungsschirm Schutz suchen, wurde also in den Hellenic Financial Stability Fund eingegliedert, der nunmehr 35,4 Prozent ihrer Aktien hält. Im Vorjahr machte der Bilanzverlust 1,2 Milliarden Euro aus, womit er noch eine Spur höher war als im Jahr davor. Im Jänner 2015 ersuchte das Geldinstitut, wie andere Mitbewerber auch, die griechische Nationalbank notgedrungen um Hilfe. In den vergangenen Monaten respektive den letzten Wochen hat sich die Krise noch zugespitzt.

Fazit: Sollte es eine oder gar mehrere der genannten Banken in absehbarer Zeit erwischen, dann steht Griechenland ein finanzielles Erdbeben ersten Ranges bevor, das die gesamte Wirtschaft lähmt und die Bevölkerung in ein ungeahntes Chaos treiben wird. Folglich ist bloß zu hoffen, dass im letzten Moment, womöglich auch noch nach dem Referendum, ein Wunder geschieht. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…

Über MUZIK, Prof. Dr. Peter

MUZIK, Prof. Dr. Peter
EU-Infothek-Kolumne „EUrovisionen“ Prof. Dr. Peter Muzik ist langjähriger Wirtschaftspublizist („trend“, „WirtschaftsBlatt“, „Wiener Zeitung“) und Inhaber der auf Medienresonanzanalysen spezialisierten Agentur Public & Media.

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