Samstag, 19. Oktober 2019
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Die nächste Bankenkrise kommt bestimmt

Keine Woche ohne Panik: Nachdem die allgemeine Aufregung über den Brexit  allmählich, wenn auch nur langsam, abgeflaut ist, sind nunmehr die Banken dran. Genauer gesagt: die italienischen Geldinstitute.   Sie konnten sich nach wochenlangem Vorgeplänkel nun endgültig ins Zentrum der europaweiten Aufmerksamkeit katapultieren, weil sie schwer angeschlagen und damit bestens geeignet sind, für die nächste große EU-Krise zu sorgen.

Das Risiko, auf dem Italiens Banker derzeit sitzen, lässt sich summa summarum mit etwa 360 Milliarden Euro an faulen Krediten beziffern, wovon jedoch ein beträchtlicher Teil in den Bilanzen bereits abgeschrieben ist. Nachdem Kreditinstitute bekanntlich stark vernetzt sind, sind automatisch Banken anderer Länder betroffen – Nervosität ist im Notfall extrem ansteckend: Die französischen Geldfirmen, auf die die höchsten Forderungen entfallen, zittern am meisten, deutsche Bankchefs, die um insgesamt 90 Milliarden Euro bangen müssen, spüren ebenfalls ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Dass auch Institute in den USA, Spanien, Japan oder den Niederlanden Schlimmes befürchten, muss zumindest am Rande erwähnt werden.

Am brutalsten hat es die altehrwürdige Monte dei Paschi in Siena erwischt, deren Aktienkurs jüngst dermaßen hurtig fiel, dass große Sorge angebracht ist. Die Mailänder Unicredit, die gerade mit dem Zerstückeln ihrer rot-weiß-roten Tochter Bank Austria befasst ist,  wackelt ähnlich wie ein Luster bei einem Erdbeben – eine baldige Kapitalspritze wird dringend benötigt. Da noch weitere Institute einen  alles andere als einen fitten Eindruck erwecken, ist Premier Matteo Renzi kürzlich aktiv geworden: Er dachte zunächst – wie sich das in derart prekären Situationen ziemt – laut über eine Rettung der Patienten mit frischen Staatsgeldern nach.  Im Raum stehen seither etwa 40 Milliarden Euro. Doch exakt diese Vorgangsweise ist seitens der Europäischen Union untersagt, weil es staatliche Hilfen laut der Anfang 2016 eingeführten EU-Spielregeln nur dann geben darf, wenn zuvor bereits Aktionäre und Gläubiger zur Kassa gebeten worden sind. Auf diese Weise will Brüssel verhindern, dass die Steuerzahler zwecks Rettung maroder Banker zum Handkuss kommen.

Die Ampel zeigt Rot

Am Montag haben die Finanzminister der Eurozone bei einem Treffen in Brüssel just darüber diskutiert. Und wie sich das gehört, lobte der für den Euro zuständige Vizepräsident Valdis Dombrovskis die  „guten und konstruktiven Gespräche“, ohne freilich Details preis geben zu wollen. Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem ging noch einen Schritt weiter und verabreichte der verunsicherten Öffentlichkeit eine Beruhigungsspritze: Die momentanen Troubles der Italo-Institut würden „keine akute Krise“ und „keine unmittelbare Gefahr“ für die Union darstellen. Es gebe nämlich ausreichend Zeit, „diese Dinge zu regeln“. Dabei sollen zum einen die EU-Regeln eingehalten werden und zum anderen Bankkunden nicht der Schwarze Peter zugeschoben werden.

Fast zur selben Zeit schlug allerdings der offensichtlich eher pessimistisch veranlagte Ex-Boss der Schweizer Zentralbank, Philipp Hildebrand, Alarm: Er sprach von „einer Katastrophe“, auf die Europas Finanzsektor zusteuere. Weil es in den vergangenen Jahren verabsäumt wurde, das Bankensystem nachhaltig zu sanieren, mehren sich seines Erachtens die Indizien, dass es neun Jahre nach der großen Krise zu einem Da Capo kommen könnte. Damit liegt der nunmehrige Vize-Chef des US-Vermögensverwalters Blackrock allerdings nicht hundertprozentig richtig: In Italien beispielsweise wurde die krisengebeutelte Monte dei Paschi immerhin  bereits in zwei Tranchen vom Staat aufgepäppelt und mit frischem Kapital ausgestattet; obendrein wurden mehrere kleinere Regionalbanken wie die Banca Etruria in Konkurs geschickt und liquidiert, bei denen Kleinanleger ihr in Bankobligationen investiertes Geld verloren haben; zu guter Letzt erhielten etliche angeschlagene Institute staatliche Sicherheiten, um für Anleger attraktiver werden zu können – was leider nicht passiert ist. Diese Maßnahmen reichten freilich nicht aus, um das System stabilieren und die aktuellen Probleme vermeiden zu können.

Um die kleinen Sparer vor weiterem Schaden zu bewahren, braucht die italienische Regierung von Brüssel dringend grünes Licht, um die EU-Richtlinien ausnahmsweise umgehen zu dürfen. Bei vielen Top-Politikern der Union, allen voran bei Deutschlands Finanzminister  Wolfgang Schäuble, steht die Ampel freilich auf Rot. In die ohnedies aufgeheizte Atmösphäre platzte ausgerechnet der Chefökonom der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, mit einem zweidimensionalen Vorschlag: Zum einen empfahl er, für Italien eine Ausnahme zu machen; und zum anderen riet er der EU zu einem neuen milliardenschweren Banken-Rettungsprogramm im Ausmaß von 150 Milliarden Euro, um die europäischen Banken zu rekapitalisieren. Der Deutsche löste damit einen Sturm der Entrüstung aus: Seine Idee, unfähige Bankenbosse erneut mit Steuergeldern zu füttern, wurde unter anderem als „schamlos“ bezeichnet – noch eine der freundlichsten Repliken.

Stichtag 29. Juli

Österreichs Finanzminister Hans Jörg Schelling, der hier zu Lande gerade die Bankenabgabe zusammenstutzt, hält – wie Schäuble – von einer Renaissance von Bankenrettungsaktionen auf Kosten der Steuerzahler gar nichts: „Zurufe von außen“, kommentiert er die Wortmeldung des Chefvolkswirts der Deutschen Bank, „sind völlig entbehrlich“. Für Schelling wäre es falsch, würde sich die EU im Interesse notleidender Banken über ihre neue Richtlinie hinwegsetzen, was etwa Italiens Notenbankgouverneur Ignazio Visco fordert. Letzterer wird übrigens intern gerade  heftig kritisiert, weil er bei der Beaufsichtigung maroder Geldinstitute eine recht unglückliche Rolle gespielt und äußerst merkwürdige Bankengeschäfte geduldet habe – so etwa waren massenhaft an kleine Sparer verhökerte Risiko-Anleihen eigentlich bloß für institutionelle Anleger bestimmt.

Die große Frage wird nun sein, ob sich die Bankenkrise in Italien zu einem Flächenbrand auswächst, der andere europäische Kreditinstitute in der momentan Brexit-bedingt äußerst sensiblen Situation mitreißen könnte. Derzeit soll die Branche, für die die Eigenkapitalbeschaffung zusehends schwieriger wird, laut „Neuer Zürcher Zeitung“ europaweit immerhin auf faulen Krediten im Ausmaß von mehr als einer Billion Euro sitzen. Wie groß die Gefahr einer neuerlichen europaweiten Bankenkrise wirklich ist, wird man schon am 29. Juli wissen: An diesem Tag veröffentlicht die Europäische Bankenaufsicht (EBA) die Ergebnisse der Belastungprobe von 51 europäischen Banken. Es ist zu  befürchten, dass etliche Institute bei diesem Stress-Test nur eine alarmierende Eigenkapitallücke aufzuweisen haben.

Über MUZIK, Prof. Dr. Peter

MUZIK, Prof. Dr. Peter
EU-Infothek-Kolumne „EUrovisionen“ Prof. Dr. Peter Muzik ist langjähriger Wirtschaftspublizist („trend“, „WirtschaftsBlatt“, „Wiener Zeitung“) und Inhaber der auf Medienresonanzanalysen spezialisierten Agentur Public & Media.

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