Samstag, 19. Oktober 2019
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Die dramatischen Folgen des VW-Skandals

Ja, ja, es ist schon richtig, dass große Autokonzerne in der Vergangenheit immer wieder negativ aufgefallen sind. Toyota, Nissan, General Motors oder BMW beispielsweise mussten Millionen Fahrzeuge wegen fehlerhafter Airbags, defekter Zündschlösser und einer Reihe anderer Kalamitäten in die Werkstätten zurückbeordern – so etwas war beinahe schon an der Tagesordnung.

Das allerdings, was sich der deutsche VW-Konzern geleistet hat, übertrifft alles bisher Dagewesene bei weitem: Die Affäre um manipulierte Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen, die am 18. September in den USA geplatzt ist, trifft den Wolfsburger Pkw-Giganten mit voller Wucht.

Die Rückrufaktion für neun Millionen Fahrzeuge der Marken VW, Audi, Skoda und Seat in rund 25 Ländern könnte bis zu 20 Milliarden Euro kosten und dazu führen, dass VW heuer höchstwahrscheinlich rote Zahlen schreibt.  Der Aktienkurs – heuriger Höchststand: 254 Euro – ist prompt auf 95 Euro abgestürzt, hat sich aber mittlerweile wieder auf etwa 116 Euro derrappelt. Der seit kurzem weltgrößte Autoproduzent hat obendrein schlagartig sein großartiges Image verspielt: Laut einer repräsentativen  Studie des Verbandes der Kommunikationsagenturen GPRA vertrauen ihm nur noch 43 Prozent der befragten Deutschen – zuletzt waren es stolze 84 Prozent gewesen.

Die aufgedeckten Software-Manipulationen haben gewiss auch den Nimbus von Ferdinand Piech als Auto-Titan heftig angekratzt: Er ist das Synonym für eine exzellente Erfolgsstory gewesen und nunmehr als VW-Großaktionär massiv in die Bredouille geraten. Der bisherige VW-CEO Martin Winterkorn, der samt tröstlicher Abfindung in Höhe von rund 30 Millionen Euro das Weite suchen musste, beendete seine glanzvolle Karriere ebenfalls mit einem ramponierten Ruf – denn wer mag schon daran glauben, dass er von den Macheloikes nichts mitbekommen hat. Die weltweit fast 600.000 Arbeitnehmer – allein in Wolfsburg sind 70.000 beschäftigt – müssen sich auf harte Zeiten gefasst machen, weil eiskalte Sparprogramme zu erwarten und naturgemäß auch Arbeitsplätze gefährdet sind.

Ein Mix aus Gier & Dummheit

Die maßgeblichen Politiker in vielen Ländern sind auf den bisherigen deutschen Parade-Konzern ebenso stinksauer wie frustrierte Behörden, die den VW-Skandal total verschlafen haben. Es ist anzunehmen, dass den Wolfsburgern eine Prozesslawine sondergleichen droht, weil beispielsweise ge- und enttäuschte Kunden ihre Wut bei Gericht deponieren könnten. Daher muss die schleunige Schadensbegrenzung  für den neuen VW-Boss Matthias Müller oberste Priorität haben – obzwar der bereits entstandene Schaden schon zu groß ist, um den Konzern souverän aus dem Schlamassel heraus zu manövrieren.

Die momentane Misere betrifft nämlich nicht bloß den deutschen Autohersteller, sondern hat automatisch auf die gesamte Autobranche abgefärbt – frei nach dem Motto: Wenn VW aus purer Gier und schlichter Dummheit jahrelang getrickst hat, werden das wohl auch die Rivalen getan haben. Viele Konsumenten sind vermutlich misstrauischer geworden, weil die Annahme nahe liegt, dass sie angesichts des knallharten Wettbewerbs in der Autobranche letztlich für dumm verkauft bzw. übers Ohr gehauen werden.

Nicht zuletzt haben die Schummler aus Wolfsburg, deren Marken engstens mit dem Standort Deutschland und dem Prädikat „Made in Germany“ verbunden sind, das Image der deutschen Industrie beträchtlich beschädigt. Als einer der wichtigsten Arbeitgeber der Wirtschafts-großmacht könnte Volkswagen mit seinen Tricksereien auch andere in Misskredit gebracht haben – nämlich jene bundesrepublikanischen Multis, die so gerne auf traditionelle Vorzüge wie Seriosität, Präzision, Verlässlichkeit und Qualitätsarbeit pochen. Jetzt sitzt der Schock allen in den Gliedern – wie lange, wird primär vom Krisenmanagement des Herrn Müller und seines Teams abhängen. Wichtige Parameter bei der Bewältigung dieser „historischen Krise“ (Müller) werden die Verkaufszahlen in den nächsten Monaten, die Entwicklung des Aktienkurses sowie der Geschäftsbericht 2015 sein.

Der Worst Case – dass Volkswagen komplett absandeln und zum Sanierungsfall wird, der vom Staat aufgefangen werden muss – ist jedenfalls ebenso unwahrscheinlich wie die von einer Überdosis Optimismus getragene Meinung diverser Branchenexperten, dass sich bei VW alles bald wieder zum Guten wenden werde. Am ehesten dürfte es auf den mühsamen Mittelweg hinauslaufen, der enorme Kraftanstrengungen, Überzeugungsarbeit und die nötige Geduld erfordert. Es wird aus heutiger Sicht einige Jahre dauern, ehe Volkswagen die selbstverschuldete Katastrophe namens „Dieselgate“ verdaut hat und wieder auf dem gewohnten Erfolgskurs angelangt sein wird.

 

VW IN ZAHLEN

– Der Konzern unterhält in 20 Ländern Europas und in 11 Ländern Amerikas, Asiens und Afrikas insgesamt 118 Fertigungsstätten.

– Rund 593.000 Beschäftigte produzieren an jedem Arbeitstag rund um den Globus nahezu 41.000 Fahrzeuge.

– Seine Pkw bietet der Volkswagen-Konzern in 153 Ländern an.

– 2014 wurden weltweit 10,2 Millionen Autos verkauft. Der weltweite Marktanteil liegt bei 13 Prozent.

– Der VW-Konzern erzielte im vergangenen Jahr einen Gesamtumsatz von 202 Milliarden Euro – um 2,8 Prozent mehr als im Jahr davor. Das Ergebnis nach Steuern betrug 11 Milliarden Euro.

– Zwölf Marken aus sieben europäischen Ländern gehören zum VW-Konzern: Volkswagen Pkw, Audi, Seat, Škoda, Bentley, Bugatti, Lamborghini, Porsche, Ducati, Volkswagen Nutzfahrzeuge, Scania und MAN.

– Neue Bestwerte bei den Auslieferungen schafften 2014 vor allem Lamborghini (+19,3%), Porsche (+17,1%) und Skoda (12,7 %), aber auch Audi (10,5 %) und Bentley (8,9%) konnten deutlich zulegen. Die Marke VW brachte es auf ein Plus von 1,6 Prozent.

 

Über MUZIK, Prof. Dr. Peter

MUZIK, Prof. Dr. Peter
EU-Infothek-Kolumne „EUrovisionen“ Prof. Dr. Peter Muzik ist langjähriger Wirtschaftspublizist („trend“, „WirtschaftsBlatt“, „Wiener Zeitung“) und Inhaber der auf Medienresonanzanalysen spezialisierten Agentur Public & Media.

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