Donnerstag, 23. Mai 2019
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Das „schwarze Loch“ in der europäischen Erinnerungskultur

Bild © CC0 Creative Commons, Pixabay (Ausschnitt)

Mitunter hat man den Eindruck, als würde die Zeitrechnung erst mit dem Jahr 2000a, also dem dritten Jahrtausend, beginnen und auf alles, was vorher geschah, weitgehend vergessen.

Das betrifft ganz konkret ein Ereignis, das vor 30 Jahren stattfand und dieses betraf den Abbau des Eisernen Vorhangs. Ein Ereignis, das Europas Gesicht nachhaltig veränderte. Die Politik hat darauf vor allem in Mitteleuropa, wiewohl es gerade hier erlebbar war, weitgehend vergessen. Die Politik steht derzeit fast ausschließlich im Zeichen des Wahlkampfs für die Wahlen zum Europäischen Parlament und so mancher Ungewissheiten. Das beginnt mit dem Brexit, von dem niemand weiß, ob er überhaupt beziehungsweise wann stattfindet. Und reicht bis hin zur Frage, welche Koalition zustande kommt, um die EU in den nächsten Jahren zu führen und vor allem, in welche Richtung.

Ungarn löste eine Kettenreaktion aus

So gut wie keine Aufmerksamkeit fand, dass vor 30 Jahren am 2. Mai Ungarn mit dem Abbau des Eisernen Vorhangs begann und damit letztlich eine Kettenreaktion auslöste. Innerhalb nur eines halben Jahres brach der so genannte kommunistische Ostblock, der 44 Jahre zuvor nach dem Zweiten Weltkrieg entstand und Moskau die Hegemonie über die östliche Hälfte Europas sicherte, zusammen. Was wiederum zur Folge hatte, dass am 1. Mai 2004, also vor 15 Jahren die acht einstigen Ostblockstaaten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn sowie auch noch Malta und Zypern der Europäischen Union beitraten und damit zum größten Erweiterungsschritt führten.

Der Kalte Krieg dauerte 44 Jahre

Mit der Trennung Europas in einen freien Westen und einen unterdrückten Osten begann letztlich auch das Zeitalter des Kalten Krieges, das vor allem zu einer Konfrontation der Machtblöcke führte, die unter der Führung Washingtons und Moskaus standen. Die Folge war unter anderem ein Wettrüsten der Supermächte, das vom Meer bis in die Weltraum reichte. Was dabei nie vergessen werden darf, in Europa waren die Sowjets zu Boden immer überlegen. Wirklichen Schutz gewährte nur der amerikanische Nuklearschirm. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor 30 Jahren endete der Kalte Krieg und damit auch dieses Bedrohungsszenario. Bloß Europa hat daraus noch nicht gelernt und bis dato zur keiner echten Verteidigungskraft und Sicherheitspolitik gefunden.

Die spezielle österreichische Option

Für Österreich stellte übrigens das Ende der Teilung Europas in zwei unterschiedlich ideologisch geprägte Hemisphären ein besonderes Ereignis dar. Rückte doch damit Österreich vom Rand in die Mitte Europas. Was zu diesem Zeitpunkt besonders wichtig war. Hatte doch Österreich damals gerade den Antrag auf den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft gestellt. Und mit Veränderung der politischen Landschaft erhielt eben dieser Antrag eine völlig neue Dimension. Das Land wurde nämlich für Brüssel zum Brückenbauer zu den ehemaligen kommunistischen Volksdemokratien und nunmehrigen so genannten „neuen Demokratien“. Ein Faktum, das auch im Avis vom 31. Juli 1991, mit dem grünes Licht für Beitrittsverhandlungen gegeben wurde, expressis verbis zum Ausdruck kam: „Der Gemeinschaft werden ferner die Erfahrungen eines Landes zum Vorteil gereichen, das wie Österreich aufgrund seiner geographischen Lage, seiner Vergangenheit und der ererbten und neu hinzugewonnenen Verbindungen genau im Mittelpunkt des Geschehen liegt, aus dem das neue Europa entsteht.“

Die wahre Geschichte vom Ende des Eisernen Vorhangs

Bereits mit Kriegsende 1945 begannen jene Staaten, die von sowjetischen Truppen besetzt worden waren, mit der sukzessiven hermetischen Abriegelung ihrer Grenzen zu Westeuropas

Am 2. Mai 1989 kündigte die damalige und noch kommunistisch geführte ungarische Regierung an, mit dem Abbau des Eisernen Vorhangs zu beginnen. Der eigentliche Grund dafür war, dass man sich die Erhaltungskosten für den mittlerweile in die Jahre gekommenen Grenzschutz ersparen wollte. Von einem freien Grenzverkehr war damals noch nicht die Rede. Der Reporter Bernhard Holzner fuhr daraufhin sofort zur österreichisch-ungarischen Grenze bei Hegyeshalom und fotografierte, wie Arbeiter mit der Demontage des Stacheldrahtverhaus begannen. Für die Fotos von diesem „Ereignis“ – immerhin trennte 44 Jahre lang der Eiserne Vorhang Europa in einen West- und Ostblock, ein Zeitabschnitt der auch „Kalter Krieg“ genannt wurde – aber daraufhin gab es weltweit keine Resonanz.

Politische Inszenierung

Und nun zeigte sich wieder einmal, wie sehr es in der Politik auf Inszenierungen ankommt. Holzner fuhr in das Außenministerium und beklagte beim Pressesprecher, dass sich offenbar niemand für seine Fotos von der Zeitenwende interessiere. Dieser ließ sich das nicht zweimal sagen und ging damit zu seinem Minister, Alois Mock. Während die Diplomaten eigentlich kein Aufsehen machen wollten, entschied sich  Mock seinen ungarischen Amtskollegen Gyula Horn anzurufen und ihm vorzuschlagen, doch gemeinsam einen historischen Akt zu setzen und den Grenzzaun zwischen Österreich und Ungarn öffentlichkeitswirksam durchzuschneiden. Genau dieses geschah dann auch vor einer Hundertschaft von Kameraleuten am 27. Juni an den Grenze zu Sopron. Die Bilder davon gingen weltweit durch die Medien und werden bis heute mit dem Beginn vom Ende des Kalten Kriegs identifiziert. Und tatsächlich fiel innerhalb weniger Wochen der kommunistische Ostblock in sich zusammen.

Die Schlüsselrolle von Gorbatschow

Begonnen hatte der Zusammenbruch Mitte der 1980er Jahre, als Mihail Gorbatschow die Macht im Kreml übernahm und aufgrund der katastrophalen wirtschaftlichen Lage Russland zu Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) aufrief. Tatsächlich standen Moskau und die Satellitenstaaten vor dem finanziellen Ruin. Eine Tatsache, der sich die zahlreichen westlichen Geheimdienste, gar nicht bewusst waren. Sie wussten zwar, so der Kabinettschef von BRD-Außenminister Hans-Dietrich Genscher, darüber Bescheid wer mit wem in der Staatsführung ein Verhältnis hatte, nicht aber über den tatsächlichen Zustand des Ostblocks. Am Deutlichsten zeigte sich der Ernst der Situation bei der DDR. Nach dem Fall der Mauer bezifferte der damalige letzte Vorsitzende des ostdeutschen Ministerrates, Hans Modrow, bei seinem Besuch in Bonn, den Wert der DDR mit 500 Mrd. D-Mark. Bei der Wiedervereinigung waren es nur noch 50 Mrd. D-Mark, als die Zahlen am Tisch lagen, waren es „minus“ 500 Mrd. D-Mark.

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