Dienstag, 22. Oktober 2019
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Wien am Balkan

Von Brüssel, Paris, London aus gesehen liegt Wien weit im Osten und nur einen Katzensprung von Belgrad, Sofia und Bukarest entfernt. Dass die Leute da unten in Mittel-, Osteuropa alle eine ähnliche Kultur haben, vor allem, was die Korrution betrifft, ist doch klar – oder? Als Österreicher mag man sich über so eine Sichtweise natürlich aufregen, aber nicht anders gehen wir beipielsweise mit den Deutschen um: alles Piefkes ausser die Bayern. Die Wirklichkeit ist  natürlich vielschichtiger und lässt sich nicht so vereinfachen.

Von Brüssel, Paris, London aus gesehen liegt Wien weit im Osten und nur einen Katzensprung von Belgrad, Sofia und Bukarest entfernt. Dass die Leute da unten in Mittel-, Osteuropa alle eine ähnliche Kultur haben, vor allem, was die Korrution betrifft, ist doch klar – oder? Als Österreicher mag man sich über so eine Sichtweise natürlich aufregen, aber nicht anders gehen wir beipielsweise mit den Deutschen um: alles Piefkes ausser die Bayern. Die Wirklichkeit ist  natürlich vielschichtiger und lässt sich nicht so vereinfachen. Trotzdem machen wir es immer wieder und hier spielt wohl die Psychologie eine Rolle. Um die Welt in seiner Vielfalt erfassen zu können, muss man die Einzelteile in Gruppen zusammen fassen. Wenn man dann einen Schritt aus seiner Selbstbezogenheit heraus macht, dann kann man auch verstehen, dass Österreich in seinem regionalen Umfeld mit allen seinen Stärken und Schwächen gesehen wird. Nostalgikern mag das sogar gefallen, aber in der Realität versteht diese Mittel-, Osteuropäischen Gruppe niemand mehr als habsburgisches k&k.

Nun, in diesen Ländern gibt es eben viel Korruption. Im CPI Index 2011 (Corruption Perceptions Index der Universität Passau) welcher von Transparency International jährlich veröffentlicht wird, rangieren Österreichs Nachbarländer auf den Plätzen: Slowenien 35, Ungarn 54, Tschechische Republik 57, Slowakei und Kroatien gemeinsam auf 66, Rumänien 75, und Serbien und Bulgarien auf Platz 86. Österreich liegt mit einer seit einigen Jahren abnehmender Tendenz auf Rang 16. Auch wenn Österreichs Rang vergleichsweise gut ist, wird dies aus der Entfernung durch das Umfeld nicht mehr so wahr genommen. Das gilt auch für die Brüsseler Sichtweise.

Die derzeitigen Skandale und Gerichtsverfahren verstärken und bestätigen diesen Eindruck. Die englische Zeitung The Guardian schreibt Ende März dieses Jahres „Central Europe’s centre-right teeters under corruption claims. Austria, Slovakia, Croatia and Czech Republic gripped by sleaze allegations involving senior politicians and governing parties”. Auch hier gilt: Österreich wird mit und durch sein Umfeld rezipiert. Bei der Berichterstattung in den deutschen Medien ist zusätzlich noch eine gewisse Häme zu bemerken. Als Finanzminister Grasser und Konsorten das erste Mal vor den parlamentarischen Untersuchungsausschuss mussten, gab es in der ARD-Tagesschau einen Bericht beginnend mit einem Bild von der österreichischen Flagge mit Bundesadler, daraufhin Bilder von Fiakern und den Wiener Sehensürdigkeiten. Der gesprochene Text war eine korrekte Berichterstattung zum Skandal und nur am Schluss des Berichts gab es Bildmaterial vom Saal des Untersuchungsausschusses. Diese Kontrapunktion von Bildmaterial und Text zeigt, dass sich die Ersteller des Berichts über Österreich lustig machen wollten.

Bei deutschen Medien fällt auf, dass gerne österreichische Medien als Quellen zitiert werden. Und da gibt es ausreichend Material. Die österreichischen Medien liefern damit frei Haus das, was das oben beschriebene Bild der korrupten Mittel-, und Osteuropäischen Staaten bestätigt. Das Faktum, des  immer noch guten 16. Platzes des CPI-Index, geht dabei vollkommen unter. Warum gibt es nun diese ausgiebige Berichterstattung innerhalb Österreichs?

In England, Belgien, den Niederlanden und auch Deutschland gibt es ebenfalls Skandale. Es ist in allen Fällen gut, dass Skandale an die Öffentlichkeit kommen. Schlimmer als der öffentliche Skandal ist nur jener, der verdeckt bleibt. In jenen Ländern herrscht politische Streitkultur, die durchaus hart geführt werden kann. Am Schluss gibt es aber Entscheidungen und Konsequenzen. Ex-Bundespräsident Wulff kann ein Lied davon singen. Österreichs traditionelle Konsenskultur tut sich schwer mit dem Streit. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss ist dann so etwas, wie ein Ersatzstreit. Das dient zur Ablenkung, um keinen wirklichen Streit führen und um keine Konsequenzen fürchten zu müssen. Damit wird es Theater und nachdem der Vorhang fällt, bleibt alles, wie es ist. Dann braucht es nicht zu verwundern, dass Österreich im Ausland als Theaterrepublik dargestellt wird.
Auch das dramaturgische Konzept der Theaterrepublik ist genial, weil sich damit die Rolle der Medien ändert. Der Politikjournalist wird zum Theaterkritiker und die lustvollen Theaterkritiken werden zum willkommenen Futter für internationale Journalisten. Damit werden Klischees bedient und Wien bleibt am Balkan.

Trotz dieses verzerrten Bildes steht Österreich gut da. Noch. Die Wirtschaft hat das regionale Umland längst entdeckt und zu einer positiven Entwicklung beigetragen. Die im regionalen Umfeld, sagen wir Donauraum, gewonnene Kompetenz trägt zum Erfolg auch in anderen Wirtschaftsräumen bei. Was fehlt, ist die politische Rückendeckung. Österreichs Ruf in der Welt kann nur besser werden, wenn es hilft, die Korruption in den Nachbarstaaten zu verringern. Österreich kann nur nachhaltig Erfolg in Europa haben, wenn es anerkennt, dass Wien eben „am Balkan“ liegt.

 

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