Sonntag, 23. September 2018
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Was soll es am Jahr 1918 zu feiern oder gedenken geben?

Screenshot der Website der Geschäftsstelle des „Beirates für das Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018“ (05.03.2018)

 

Österreich hat wieder einmal ein „Gedenkjahr“ ausgerufen. Da ja ständig irgendetwas Historischem gedacht wird, da eine ganze Historiker-Industrie vom ununterbrochenen Gedenken an die Jahre 1938 bis 1945 lebt, fällt das den Österreichern gar nicht mehr auf. Doch was bitte ist 2018 eigentlich der Grund des Gedenkens?

Es soll um das gehen, was vor genau 100 Jahren passiert ist. Gewiss eine schöne runde Zahl. Aber was ist es genau, das wir da feiern sollen, weshalb ein Altbundespräsident sogar ein eigenes „Koordinationsbüro“ mit schönen Hofburg-Räumlichkeiten und Personal bekommen hat?

Je intensiver man nachdenkt, umso fragwürdiger wird das Jahr 1918 als Gedenkanlass; vor allem, wenn man sich bewusstmacht, an was alles in der österreichischen Geschichte überhaupt nicht erinnert wird. Was aber viel mehr des Gedenkens würdig wäre als 1918.

Natürlich: Das jedenfalls bei Ausrufung des Gedenkjahres relevante Motiv, ein üppiges Büro für Altpräsident Fischer zu schaffen, ist klar. Die alte, SPÖ-geführte Regierung wollte Fischer gut akkommodieren. Von einer Präsidentenpension allein kann man sich ja offenbar nicht ausreichend etablieren. Außerdem ist Fischer für die SPÖ so etwas wie der letzte verbliebene Fixstern, an dem man sich ausrichten will, der einer führungs- und orientierungslos dahintreibenden Partei zeigen soll, wo es eigentlich langgeht.

Gewiss, das offizielle Österreich gedenkt fast ununterbrochen des Jahres 1938. Obwohl es ja auch da bei Gott nichts zu feiern gibt, obwohl da für Hunderttausende Österreicher der Gang in den Tod, ins KZ, in die Flucht, in einen irrsinnigen Krieg begonnen hat, und für Millionen Not und Elend.

Aber im Fall 1938 ist das wahre Motiv des ständigen Gedenkens wenigstens erratbar: Die SPÖ will die Geschichte in ihrem Sinn umschreiben, Schwarz mit Braun als Reich des Bösen gleichsetzen und sich selbst zur einzigen guten Kraft der Geschichte erheben. (Was kümmert es da, dass aus der roten Arbeiterschaft damals weit höhere Prozentsätze zu den Nazis gewechselt sind als etwa aus der konservativen Bauernschaft; dass neue historische Forschungen sehr präzise zeigen, wie eng Rot und Braun schon in den Bürgerkriegen 1934 miteinander verquickt waren).

Aber zu 1918 ist nicht einmal ein solches Motiv sichtbar.

Zu 1918 fällt einem nur ein, dass damals

  • ein katastrophaler Krieg nach unermesslichen Opfern endgültig verloren gegangen ist (ich zweifle jedoch, ob Fischer von seinem Hofburgbüro auch nur zu einem einzigen der vielen deswegen österreichweit entstandenen Kriegerdenkmäler fahren wird, wo der toten Soldaten jenes Krieges gedacht wird);
  • Millionen deutschsprachige Österreicher über Nacht in fremden, ihnen alles andere als wohlgesonnenen Staaten aufgewacht sind (in Italien, in der Tschechoslowakei, in Rumänien, im SHS-Staat, dem damaligen Jugoslawien);
  • der letzte Habsburger Kaiser, der zwei Jahre lang vergeblich einen Frieden versucht hat, in unwürdiger Weise davongejagt worden ist, ohne jede Besinnung auf die Tatsache, dass praktisch alles, was Österreich, was Wien ausmacht, schönmacht, spannend macht, in mehr als 600 Habsburger Jahren entstanden ist;
  • kommunistische Horden über die Ringstraße gezogen sind, die aus rot-weiß-roten Fahnen das Weiße herausgerissen haben, damit alles rot wird;
  • fast niemand in Österreich ein Weiterbestehen Österreichs wollte, sondern alle großen Lager für einen Anschluss an Deutschland (oder im Westen an die Schweiz) eingetreten sind;
  • zum Kriegsende die mörderische Spanische Grippe ausgebrochen ist und zahllose Opfer unter der ausgehungerten Bevölkerung gefordert hat;
  • fast niemand an die Lebensfähigkeit des verbliebenen Restes, „Deutschösterreich“ genannt geglaubt hat.

Da ist absolut nichts dabei, wessen man gedenken sollte oder möchte.

Aber ist 1918 nicht die staatsrechtliche Grundlage entstanden, auf der Österreich heute noch steht? Was ja doch etwas zum Feiern wäre. Die Antwort ist ein klares Nein.

Denn die – in den Grundzügen bis heute gültige – österreichische Verfassung datiert erst aus 1920. Im Jahr 1918 hat man nicht einmal gewusst, ob es überhaupt noch ein weiteres eigenständiges Österreich geben wird. Und die allermeisten hier lebenden Menschen haben gar nicht gewollt, dass es ein solches geben soll. Denn erst im Herbst 1919 haben die Siegermächte bei den Pariser Vororteverträgen fixiert, dass es als Rest der Zerstückelung der Monarchie doch ein unabhängiges Österreich geben wird; und welche Gebiete dieser „Rest“ überhaupt umfassen wird. Ebenfalls erst in den Folgejahren haben sich Kärnten und das Burgenland die Zugehörigkeit zu Österreich erkämpft.

Statt jetzt künstlich 1918 zu einem Feierdatum hochzuzwirbeln, wäre es beispielsweise viel richtiger und relevanter gewesen, Ende 2017 intensiv an den 150. Jahrestag des Staatsgrundgesetzes zu erinnern. Das Jahr 1867 wäre ein würdiger und wichtiger Anlass des Feierns und Gedenkens gewesen.

Jenes Gesetz ist wirklich ein bis heute zu bejubelndes historisches Fundament. Es gilt bis heute noch, weil man sich nie mehr auf einen anderen Grundrechtskatalog einigen hat können. Und es sichert seit damals – mit Unterbrechung der Jahre 1933 bis 1945 – die Grundrechte der Österreicher, ihre Meinungsfreiheit, ihre Religionsfreiheit, die Gleichheit aller Staatsbürger, die Unverletzlichkeit des Eigentums, das Hausrecht, das Briefgeheimnis, das Versammlungsrecht,…

Jedoch keine einzige politische Instanz hat diese wichtige Grundlage auch nur versucht zu feiern. Dabei sind die Grundrechte für die Bürger viel wichtiger als all die formalen Dinge, die Kompetenzaufteilung und Verfahrensregeln, die in der Verfassung 1920/29 stehen.

Unterließ man dies am Ende gar deshalb, weil die Politik in den letzten Jahren im Gegenteil damit befasst war, die Meinungsfreiheit einzuschränken (siehe etwa die ständig ausgeweitete „Verhetzung“, mit der man Korankritiker zu bestrafen begonnen hat)? Da erinnert man nicht gerne daran, dass die Meinungsfreiheit unter dem Kaiser eingeführt worden ist, dass damals die Nationalliberalen die Mehrheit hatten.

Kaum erinnert hat man auch 1996 an den eintausendsten Jahrestag der ersten bekannten Erwähnung des Namens „Österreich“. Und ebenso wenig hat es 2004 ein organisiertes Gedenken gegeben, als sich immerhin zum 200. Mal die Gründung eines Kaisertums Österreich gejährt hat.

Auf den Punkt gebracht: Ein Land ohne klares Geschichtsbewusstsein ignoriert offensichtlich fast seine gesamte Geschichte. Dafür feiert es jetzt jenes Jahr 1918, da ganz Österreich deutschnational war, da Rot wie Schwarz wie das Dritte Lager vehement für den Anschluss an das Deutsche Reich eingetreten sind (was dann 20 Jahre später dazu geführt hat, dass die Briten und viele andere völlig verständnislos reagiert haben, als sich der Ständestaat verzweifelt gegen einen Anschluss an Hitler-Deutschland zu wehren versucht hat).

Hat wirklich niemand nachgedacht, als man das große Gedenkjahr ausgerufen hat? Oder ging es ohnedies nur um eine aufwendige Versorgung für Genossen-Altvater Heinz Fischer? Oder wissen sie einfach nicht, was sie tun, weil ein geschichtsloses Volk eine geschichtslose Regierung hat?

Über UNTERBERGER, Dr. Andreas

UNTERBERGER, Dr. Andreas
EU-Infothek-Kolumne „Bunter Ärger“ Dr. Andreas Unterberger war 14 Jahre Chefredakteur von "Presse" bzw. "Wiener Zeitung". Er betreibt heute das unabhängige Blog andreas-unterberger.at. Verfasser zahlreicher Bücher, zuletzt: „Zwischen Lügenpresse und Fake News“, Wien: Verlag Frank & Frei der Team Stronach Akademie 2017. Dr. Andreas Unterberger europäisiert exklusiv für EU-Infothek. Lesen Sie jeden Montag die Kolumne zu aktuellen Europathemen.

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