Mittwoch 26. Juli 2017, 11:04

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Der IS ist bald tot - der Terrorismus aber nicht

Die irakische Armee und ihre Verbündeten wollen die Terrormiliz IS mit der aktuellen Offensive in deren Hochburg Mossul endgültig vernichten. Sie führen in der verwinkelten Altstadt einen erbitterten Häuserkampf gegen die nicht einmal mehr 500 dschihadistischen Kämpfer. Die kürzlich von den Extremisten gesprengte Al-Nuri-Moschee könnte das Symbol des Niedergangs sein.

Trotz der Erfolge im Kampf gegen den IS wird der Terrorismus seine Opfer fordern – auch in Europa.
Trotz der Erfolge im Kampf gegen den IS wird der Terrorismus seine Opfer fordern – auch in Europa.
Bild: © By Michel Abada (Own work) ) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Dort, wo die Islamisten vor ziemlich genau drei Jahren ihr Kalifat ausgerufen haben, soll die Terrororganisation endgültig besiegt werden. Der irakische Premierminister Haider al-Abadi hat den Islamischen Staat bereits - wenn auch womöglich etwas voreilig - für beendet erklärt. Er ordnete jedenfalls an, „die Schlacht zu Ende zu bringen“.

In diesen Tagen tobt auch in der nordsyrischen Stadt Al-Rakka, der letzten IS-Bastion im Bürgerkriegsland, ein vermutlich finales Gefecht. Kurdische Streitkräfte haben die Stadt komplett umzingelt und belagern mit Unterstützung der USA den letzten Rest der IS-Kämpfer, maximal 4000 Mann. Die erfolgreiche Eroberung der Stadt am Euphrat, die seit 2014 in den Händen der Islamisten war, könnte allerdings noch Wochen, möglicherweise sogar Monate dauern. Hochrangige IS-Funktionäre sollen ihre bisherige Hochburg Al-Rakka freilich längst verlassen haben. Seit Wochen machen Gerüchte die Runde, dass ihr oberster Anführer, Abu Bakr al-Baghdadi, schon Ende Mai bei einem russischen Luftangriff auf die Stadt getötet worden sei. Vor zwei Wochen berichtete die staatliche iranische Nachrichtenagentur Irna unter Berufung auf einen Vertreter von Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei, dass al-Bagdadi „definitiv tot“ sei. Andere Quellen halten es für durchaus möglich, dass sich das brutale Phantom mit schwarzgrauem Bart, schwarzem Mantel und schwarzem Turban in das irakisch-syrische Grenzgebiet um Al-Qaim am Euphrat zurückgezogen habe.

Der bereits mehrfach totgesagte Terror-Boss, der die Welt mit seiner in acht Staaten aktiven Killerorganisation in Angst und Schrecken zu versetzen trachtete, musste jedenfalls schwere Rückschläge hinnehmen: Der IS verlor laut Expertise der Londoner Firma IHS Markit mit der Zeit nicht nur die Kontrolle über zwei Drittel des von ihm gewaltsam okkupierten Gebiets in Syrien und im Irak - konkret 60.000 Quadratkilometer - , sondern er fiel auch um geschätzte 80 Prozent seiner Einnahmen um, sprich: um illegale Ölverkäufe, Steuererhebungen, Enteignungen etc. wozu noch der Umstand kommt, dass die weltweit verhasste Organisation immer brutaler verfolgt wird: Erst vor drei Wochen vertrieben afghanische Truppen die IS-Kämpfer aus dem Höhlenkomplex Tora Bora, einer strategisch wichtigen Festung an der Grenze zu Pakistan - dort, wo sich Al-Kaida-Chef Osama bin Laden nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 versteckt hatte.

Keine Entwarnung

Nahostexperten wie Columb Strack von IHS Markit sind überzeugt, dass die blutrünstige IS-Miliz bald scheitern wird und die Reste des „Kalifats“ sich bis Jahresende auflösen könnten. Sofern es sich bei derartigen Überlegungen nicht um reines Wunschdenken handelt, könnte der Islamische Staat schon 2018 endgültig von der Bildfläche verschwunden sein. Die Annahme, dass die Welt dann von diesem Übel befreit ist, wäre freilich extrem naiv: auch wenn der Islamische Staat in seinen Strukturen tatsächlich schwer erschüttert werden kann - der Terrorismus wird weiterhin ein ganz zentrales Thema bleiben.

Die zahlreichen Anschläge etwa im laufenden Jahr lassen nämlich Schlimmes befürchten: Hatte sich der IS im Vorjahr zu rund 30 Terrorakten bekannt, im Zuge derer mehr als 1.000 Menschen ihr Leben verloren - in der Türkei, in Indonesien, in Belgien, in Frankreich oder im Jemen -, so schlug diese Mörderbande heuer bereits ca. 20 Mal zu, darunter in Jerusalem, Bagdad, Kabul, Alexandria, Paris und Teheran. Machte der IS seinerzeit vor allem mit Gewaltakten in der arabischen Welt auf sich aufmerksam, was ihm den Ruf eintrug, gefährlicher als Al-Kaida oder die Taliban zu sein, so schockt er nunmehr bevorzugt die Europäer mit grauenhaften Verbrechen u.a. in Paris, Brüssel, Nizza, Berlin, Istanbul, Stockholm oder London. Die neue Strategie der unberechenbaren Gewalttäter, die in ihrem Herrschaftsgebiet nicht davor zurückschrecken, Ehebrecher zu steinigen, ihre Gegner öffentlich zu kreuzigen und Geiseln die Köpfe abzuschneiden, scheint darin zu bestehen, nicht mehr großflächig und vor allen Augen um Macht und Einfluss zu kämpfen, sondern sich lieber auf hinterhältige Weise an jenen Staaten zu „rächen“, die bislang den IS militärisch bekämpft haben, beispielsweise Frankreich.

Die zahlreichen Anhänger und Sympathisanten der Terrororganisation, die etwa via Social Media angeworben werden, stellen weiterhin eine ebenso latente wie extreme Gefahr dar, weil sie in etlichen Ländern - z.B. Pakistan, Saudi Arabien, Jemen, Ägypten, Libyen, Algerien und Nigeria - im Underground weitgehend unbehelligt und unkontrollierbar ihre nächsten blutigen Anschläge planen können - und in der Regel äußerst schwer zu bekämpfen sein werden. Dieses Netzwerk wirksam zu zerschlagen, wird weiterhin eine vorrangige Aufgabe der internationalen Staatengemeinschaft sein - der G20-Gipfel in Hamburg ist als Erster gefordert…




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