Dienstag 22. August 2017, 07:23

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Brisante EU-Umfrage schockt Europas Medien

Dieser Befund ist alles andere als erfreulich - diesmal für Europas Medien: Eine in der zweiten September-Hälfte von TNS Political & Social durchgeführte Umfrage in den 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union liefert den Nachweis, dass das Vertrauen der EU-Bürgerinnen und -Bürger in die mediale Berichterstattung einzubrechen droht. Das habe vor allem mit dem zunehmenden Zweifel an der Unabhängigkeit von Zeitungen, TV-Anstalten und Radiosendern zu tun, die in den Augen des Publikums immer stärker wirtschaftlichen und politischen Einflüssen von außen ausgesetzt wären.

Zwei Drittel der Befragten sind der Ansicht, dass ihre nationalen Medien vielfältige Ansichten und Meinungen bieten.
Zwei Drittel der Befragten sind der Ansicht, dass ihre nationalen Medien vielfältige Ansichten und Meinungen bieten.
Bild: EU-Infothek

Die wichtigsten Ergebnisse

Erstens wurde die Vielfalt des medialen Informationsangebots untersucht - Fazit:

Zwei Drittel der Befragten sind der Ansicht, dass ihre nationalen Medien vielfältige Ansichten und Meinungen bieten. In Österreich zeigen sich diesbezüglich nicht weniger als drei von vier Befragten zufrieden - auch wenn es hierzulande nur noch 14 Tageszeitungen gibt, weniger als in fast allen anderen EU-Staaten. Europa-weit  glauben drei von vier Befragten, dass die Ansichten und Meinungen in ihren Medien im Vergleich zum Jahr 2011 genauso vielfältig oder sogar vielfältiger sind. Die mediale Vielfalt ist also nicht das Problem.

Zweitens wurde die Frage nach der Unabhängigkeit der Medien gestellt - Resümé: Nur eine Minderheit der befragten EU-Bürgerinnen und -Bürger ist der Meinung, dass ihre nationalen Medien bei der Berichterstattung frei von politischem und/oder wirtschaftlichem Druck sind. Im Schnitt nehmen fast vier von zehn Befragten - exakt 38 % - an, dass ihre nationalen Medien Informationen bieten, die frei von politischem oder wirtschaftlichem Druck sind.  Österreich schneidet mit einem Anteil von 54 % klar besser als die meisten anderen Mitgliedsländer ab.  Alles in allem vermutet die Mehrheit der Medienkonsumenten  - nämlich 57 % - , dass Einflussnahmen von außen an der Tagesordnung sind,  vier von hundert Befragten  haben dazu keine Meinung. Dieses sehr kritische Meinungsklima muss jedenfalls den Printmedien ebenso Sorgen bereiten wie den elektronischen.

Drittens ging es um die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien - Ergebnis:  Nur 35 % der Befragten  - in Österreich immerhin 48 % - stimmen zu, dass ihre nationalen öffentlich-rechtlichen Medien frei von politischem Druck agieren können. Die Mehrheit indes - durchschnittlich 60 % - ist gegenteiliger Auffassung, etwas weniger als jeder Zwanzigste will sich dazu nicht äußern. Lediglich in sieben Mitgliedstaaten überwiegt die Überzeugung, dass auf die  dortigen öffentlich-rechtlichen Medien kein politischer Druck ausgeübt wird - nämlich in Finnland, Schweden, Niederlande, Dänemark, Deutschland, Slowakei und Portugal. In Österreich ist der Anteil der Skeptiker mit 48 Prozent exakt so groß wie jener, die an einen unabhängigen ORF glauben. Am allerwenigsten glauben die Befragten in Griechenland (9%), Frankreich (16%) und Spanien (20%), dass ihre TV-Anstalten unabhängig sind.

Viertens wurde das Vertrauen der EU-Bürgerinnen und -Bürger in die Medien gemessen - Resultat: Eine knappe Mehrheit - 53 % - stimmt zu, dass ihre  nationalen Medien vertrauenswürdige Informationen liefern, 44 % der Befragten glauben das allerdings nicht. Das Meinungsklima ist immerhin in 19 Mitgliedstaaten mehrheitlich positiv, insbesondere in Finnland mit dem Spitzenwert von 88 %, Dänemark, Schweden und den Niederlanden. Österreich, wo immerhin noch 72 % den Medien vertrauen, rangiert knapp hinter Portugal und gleichauf mit Deutschland auf dem sechsten Rang.   Die geringste Vertrauen hingegen wird - siehe oben - den Medien in Griechenland (nur 26 %!), Frankreich und Spanien  entgegengebracht (alle Details in der Tabelle unten). 

Die fünfte Erkenntnis dieser von der EU-Generaldirektion Justiz und Verbraucher in Auftrag gegebenen Umfrage ist ziemlich überraschend: Das Radio gilt - mit den beiden Ausnahmen Kroatien und Griechenland - überall als  zuverlässigste Mediengattung, gefolgt vom Fernsehen und den Zeitungen, denen im EU-Schnitt  jeweils von  55 % der Befragten vertraut wird. Schlusslicht sind in der Regel die Sozialen Medien, die in 22 EU-Mitgliedsstaaten  mehrheitlich für nicht zuverlässig gehalten werden. Am stärksten sind Zweifel bzw. Ablehnung in Schweden (80 %), den Niederlanden und Finnland ausgeprägt.  In exakt diesen Ländern sowie in Dänemark schneiden Printmedien - egal, ob gedruckt oder online - am besten ab, was das ihnen entgegen gebrachte Vertrauen anlangt. Die rot-weiß-roten Zeitungen werden von 66 % der Befragten positiv bewertet, von 27 % allerdings als nicht zuverlässig eingestuft. Alles in allem werden klassische Printprodukte in 21 EU-Ländern mehrheitlich positiv beurteilt - in Griechenland, Kroatien, Ungarn, Großbritannien und Italien hingegen haben sie punkto Vertrauen seitens der Leserschaft den schwersten Stand.

Die Gründe der Krise

Die jüngste Spezial Eurobarometer-Umfrage, die den Titel „Medienpluralismus und Demokratie“ trägt, dürfte freilich branchenweit für ein derartiges Schockerlebnis gesorgt haben, dass kaum ein Medium darüber berichtet hat - zu den spärlichen Ausnahmen zählte „Die Presse“.  Speziell die Verlagshäuser, aber auch TV-Anstalten und Radiosender, sollten nun schleunigst die Alarmsignale analysieren: Warum, wäre beispielsweise zu klären, haben 28 Prozent aller Befragten den Eindruck, dass ihre Medien heute weniger frei und unabhängig sind als vor fünf Jahren? Und wie kommt es, müsste hinterfragt werden, dass lediglich in Malta eine relative Mehrheit der Befragten überzeugt ist, dass die dortigen Medien freier und unabhängiger sind als zum Zeitpunkt der letzten Umfrage - während die Befragten etwa in Frankreich (38 %), Griechenland und Ungarn (jeweils 37 %) meinen, dass ihre Medien weniger frei und unabhängig sind. Schließlich muss es allseits zu denken geben, dass es einen klaren Zusammenhang gibt zwischen der stark angezweifelten medialen Unabhängigkeit und dem sinkenden Vertrauen, das den von den Medien vermittelten Informationen geschenkt wird.

Die Ursachen des Dilemmas sind vielfältig, was an Hand der Printmedien am einfachsten zu argumentieren ist: Laut einer Studie der „World Association of Newspapers“ sind 2015  beispielsweise die Auflagen der europäischen Tageszeitungen um 4,7 Prozent gesunken und ihre Werbeeinnahmen um 6,2 Prozent geschrumpft. Diese negative Tendenz ist seit Jahren in allen EU-Ländern spürbar und führte dazu, dass etliche Titel vom Markt verschwunden sind und die Verlage mangels anderer Ideen fast durchwegs auf Sparprogramme gesetzt, also redaktionelles Personal abgebaut haben, was im Hinblick auf die redaktionelle Qualität nicht ohne Konsequenzen geblieben ist. Dieser Teufelskreis aus verlässlich sinkenden Anzeigenerlösen, Ausdünnung der personellen Ressourcen, Verlust an journalistischer Qualität, rückläufigen Auflagen und Leserzahlen und schließlich noch weniger Inseratenerlösen prägt längst den tristen Alltag der Tageszeitungen. Und zwar überall: In Österreich, wo die 14 noch verbliebenen Tageszeitungen immerhin das Wunder schaffen, rund 69 Prozent der Bevölkerung täglich mit Informationen zu versorgen - das ist die höchste Reichweite aller EU-Staaten - ebenso wie in Deutschland, das so wie das Vereinigte Königreich immer noch zu den sieben weltgrößten Zeitungsmärkten zählt.

Der Abwärtstrend im Nachbarland ist an vielen Details festzumachen: Zum einen an der schrumpfenden medialen Vielfalt - vor 60 Jahren hatte es in der „alten“ Bundesrepublik  noch 624 Zeitungen gegeben, heute existieren im vereinten Deutschland nicht einmal mehr 350. Dem dramatischen Zeitungssterben sind so prominente Titel wie zum Beispiel die „Financial Times Deutschland“, die „Frankfurter Rundschau“ oder die „Westfälischen Nachrichten“ zum Opfer gefallen. Zum anderen ging die Gesamtauflage in den vergangenen 25 Jahren von 27 auf etwa 17 Millionen Exemplare zurück - allein im Jahr 2015 um zwei Prozent. Drittens sackten die Gesamteinnahmen der Zeitungen im Vorjahr erneut um  1,5 Prozent auf  7,65 Milliarden Euro ab. Drama Nummer Vier ist die verlegerische Sparwut, insbesondere beim redaktionellen Personal: Hatten die Verlage im Jahr 2014 noch 13.000 Journalisten beschäftigt, waren es im vergangenen Jahr nur noch 10.600. Während sich immer mehr Verlage auf das Angebot von Nachrichtenagenturen und damit auf redaktionelle Konfektionsinhalte stützen, leisten sich nur noch  130 Häuser eine so genannte Vollredaktion, womit der geradezu beunruhigende Qualitätsabfall etwa bei Recherchen ebenso erklärbar wird wie der rapide Rückgang bei der Leserschaft.

Vertrauen ist das höchste Gut

Die deutsche Zeitungsbranche kann freilich auf relativ hohem Niveau jammern, weil der Abwärtstrend anderswo noch wesentlich dramatischere Ausmaße angenommen hat: In Großbritannien etwa sank die Gesamtauflage von kostenpflichtigen und kostenlosen Zeitungen allein im Vorjahr gleich um 8,2 Prozent. Das Phänomen, dass reißerische Massenblätter mit Millionenauflagen immer noch ungleich besser dastehen als Qualitätszeitungen für eine vergleichsweise bescheidene Zielgruppen, ist im gesamten EU-Raum zu orten. An schlimmsten sind freilich Zeitungsverlage in jenen Staaten dran, wo die Reichweite der Tagespresse am geringsten ist: In Kroatien etwa lesen nicht einmal 30 Prozent der Bevölkerung eine Zeitung, desto in Spanien, in Litauen sind es 25 Prozent, und  Lettland ist mit rund 14 Prozent Schlusslicht (siehe Tabelle unten).

Die  Printmedien im EU-Raum haben letztlich an einer doppelten Misere zu leiden: Während sie sich überall mit geringeren Anteile am Werbekuchen begnügen müssen als zum Beispiel die TV-Sender, die nicht nur Information, sondern mehrheitlich Unterhaltung offerieren, setzt ihnen zugleich das Internet zu, das immer mehr Medienkonsumenten auf Distanz zum gedruckten Papier gehen lässt - immer weniger Menschen lesen also eine Zeitung. Die meisten Verleger hoffen zwar, mit wachsenden Auflagen ihrer e-Paper-Ausgaben und der zunehmenden Verbreitung von Paid-Content-Modellen die Verluste bei Print halbwegs kompensieren zu können, aber das wird mit Sicherheit noch ein mühevoller Weg. Im Augenblick ist die zunehmende Masse an Unique Visitors auf ihren Online-Plattformen zwar ebenso erfreulich wie die steigende Zahl an Info-Websites mit Bezahlinhalten - doch unter dem Strich sind die Ausfälle beim traditionellen Nachrichtengeschäft längst nicht verkraftet. Und genau das macht unzählige Verlage zusehends abhängig - zum einen von guten Inseratenkunden, sprich Unternehmen, die im Gegenzug nicht Gegenstand kritischer Berichterstattung sein möchten, zum andern von der Politik, die aus zahlreichen Quellen ebenfalls sprudelnde Werbegelder zu verteilen hat, sofern - siehe Österreich - die bevorzugten Redaktionen sich wohl verhalten.

Wenn allerdings bei den Rezipienten zunehmend der Eindruck entsteht, dass die Berichterstattung eines Mediums sozusagen von außen beeinflusst wird, dann entsteht automatisch ein massives Imageproblem - Vertrauen seitens der Leserschaft muss für jede Zeitung das höchste Gut sein. Und wenn dann obendrein die Medien generell als „Lügenpresse“ beschimpft werden, was in Deutschland etwa speziell seit den Pegida-Demonstrationen an der Tagesordnung ist, dann ist ihre Glaubwürdigkeit in akuter Gefahr. Diese an sich uralte Polemik - das dümmliche Schlagwort hat es bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegeben - wird freilich neuerdings bevorzugt in rechtsextremen bzw. rechtspopulistischen Kreisen verwendet, die den Journalisten generell mangelnde Fremdenfeindlichkeit sowie gezielte Manipulationen anlasten, pauschal  an der gängigen Berichterstattung zweifeln und damit eine riesige Medienverdrossenheit an die Wand malen möchten. Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck bezeichnete derartige verschwörungstheoretische  Vorwürfe als „Freude an der Dummheit“. Das Faktum, dass bereits jeder fünfte Deutsche den Begriff „Lügenpresse“ in seinen Wortschatz aufnahm, ist trotzdem alarmierend und so wie Eurobarometer-Umfrage ein Beleg, dass den  Medien im EU-Raum ähnlich schwierige Zeiten bevorstehen wie den Politikern der Union. 

 

DIE VERTRAUENSFRAGE

In Finnland wird den Medien am meisten vertraut, in Griechenland hingegen am stärksten misstraut. Die Ergebnisse der neusten Eurobarometer-Umfrage im Detail:
 

Quelle:  Spezial-Eurobarometer-Umfrage Nr. 452 „Medienpluralismus und Demokratie“, 27.768 persönliche Interviews im Zeitraum 24.09. - 03.10.2016

PRINT: DIE REICHWEITEN IM LÄNDER-VERGLEICH

Wie viel Prozent der Bevölkerung von  Tageszeitungen erreicht werden.

Quelle: World Association of Newspapers, Angaben
für 2015




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