Mittwoch 22. Mai 2013, 19:32

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Die Öffentlichkeit ist sein Schlachtfeld

Was in Pariser Bistros von Intellektuellen von sich gegeben wird, scheint für das deutsche Feuilleton eo ipso Selbstwert zu haben. Wenn darüber hinaus der „Philosoph“ Bernhard-Henri Lévy der Feuilleton-Redaktion einer bekannten deutschen Tageszeitung(1) ein Interview gewährt, ist dies für alle, die sich in Deutschland zur Intelligentsia zählen, für sich genommen bereits eine Benchmark.

Bernhard-Henri Lévy plädiert für noch mehr politischen  Voluntarismus, um Europa zu retten
Bernhard-Henri Lévy plädiert für noch mehr politischen Voluntarismus, um Europa zu retten
Bild: Utenriksdept/flickr.com
Bernhard-Henri Lévy, mit selbstgewähltem Kürzel BHL, Sohn eines Industriellen, der es vorgezogen hat, als philosophierender Gutmensch durch die Öffentlichkeit zu wandern und in den Brennpunkten des politischen Geschehens seine ideologischen Duftmarken zu hinterlassen, weiß, woran die Europa krankt, und was auf dem Spiel steht: Es gehe um die europäische Seele. Wer in der gegenwärtigen Krise die „lahmen Enten“ – wie er sagt - Griechenland und Italien fallen lasse, der würde wie einst bei der Judenverfolgung Europa von seinen seelischen Wurzeln abschneiden. Denn zu Europa gehören neben den Juden auch die Griechen, gehören römischer Geist und griechische Kunst. Und wer in der gegenwärtigen Situation für eine Verkleinerung der Eurozone eintrete, der sei sich des enjeu, also dessen, was auf dem Spiel stehe, nicht wirklich bewusst.

Seine politischen Ratschläge unter Hinweis auf das große Buch von Renan über die geistige und moralische Reform sind wirtschafts- und finanzpolitisch nicht fundiert. Das macht BHL nichts, denn er ist für sich genommen bereits eine Instanz. 1981 plädierte er für Mitterand, 2012 meint er, dem neuen Präsidenten Hollande müsse man noch ein wenig Zeit geben, um seinen großen Wurf zu landen. Zwischendurch hält es der seit 20 Jahren Vorsitzende des Aufsichtsrats von ARTE mit Belehrungen über die europäische Finanz- und Währungskrise, die daneben liegen, aber dennoch in Deutschland die These nähren, dass von der französischen Intelligentsia eine Ausstrahlung ausgehe, die auch für Deutschland von Relevanz sei.

BHL

BHL, stets wohlfrisiert und immer im gleichen Look seit 30 Jahren auftretend, eilt von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz – einmal Libyen, dann wieder Bosnien – um, stets auf der Seite des Guten, gegen die Achse des Bösen in der Welt zu wettern.
Nein, im Umgang mit den Deutschen unterscheidet er sich wohlweislich von seinem germanophoben Glaubensbruder Jacques Attali. Indessen sind seine Hinweise auf die 68er-Bewegung und die angeblich solidaritätsspendende Deklaration von Cohn-Bendit – „Wir sind alle deutsche Juden“ – ein deutliches Zeichen. Deutschland möge doch bitte weiter zahlen und, auch wenn man es nicht so deutlich sagt, so ist der Hintergedanke klar. Garniert wird das Ganze mit Hinweisen auf die Entstehung des Dollars als Leitwährung aus dem Ungeist des amerikanischen Bürgerkrieges. Das wollen wir uns – meint BHL – doch in Europa ersparen.

Kurzum, BHL scheint mit seinem Latein auch am Ende zu sein, denn von der eigentlichen Causa der Währungskrise versteht er herzlich wenig. Ein metapolitisches Projekt der Föderation ist genau das Gegenteil von dem, was gegenwärtig möglich und wünschbar erscheint.
Aber das macht nichts. Das Ziel von BHL ist es nicht, Analysen abzugeben und Lösungen der Öffentlichkeit zu suggerieren. Ihm reicht es, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Solange dies geschieht und Deutschland dazu einen wesentlichen Beitrag leistet, schert er sich wenig um die Kritik an seinem ohnehin sehr umstrittenen philosophischen Werk.

(1) Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.11.2012, S. 25.


 




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