Samstag, 19. Oktober 2019
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Zypern-Krise: Ende mit Schrecken?

Wenn die Zypern-Krise eines bewiesen hat, dann ist es die Irrationalität der Finanzmärkte. So ist mit der ursprünglich vereinbarten Beteiligung der von einer Einlagensicherung geschützten kleinen Sparer zwar tatsächlich ein Tabubruch erfolgt, der noch enorme negative Auswirkungen haben dürfte, den Märkten war dies bisher aber weitgehend egal.

[[image1]]Zwar waren europäische Bankaktien deutlich eingebrochen, die jüngste Versteigerung italienischer Staatsanleihen hätte durchaus besser laufen können und auch der Euro zeigte sich nicht unbedingt von seiner stärksten Seite, allerdings bewerten sich die Kurse im normalen Rahmen und keinesfalls war irgendwo auch nur annähernd von Panik die Rede.

Laiki Bank wird abgewickelt

Dabei wird nun die zweitgrößten Bank Zyperns (Laiki Bank) tatsächlich abgewickelt, so dass Aktionäre, Bankanleihengläubiger und Spareinlagen über 100 Tsd. Euro aus der Restmasse bedient werden und hohe Verluste zu erwarten haben, die bei den Bankguthaben durchaus bei der Hälfte liegen können. Die Spareinlagen bis 100 Tsd. Euro werden auf die größte zypriotische Bank, die Bank of Cyprus übertragen, die ebenfalls durch Zugriff auf Aktionäre, Bankanleihen und Einlagen über EUR 100 Tsd. rekapitalisiert und restrukturiert wird (z.B. Umwandlung der Einlagen über EUR 100 Tsd. in Aktien).

Die Gläubiger der Staatsanleihen bleiben hingegen ungeschoren, obwohl Zypern zuletzt tatsächlich nicht viel Glück gehabt hat: Zuerst ging ein großes Kraftwerk in die Luft und mit ihm die halbe Stromversorgung der Insel. Dann löschen allein die direkten Abschreibungen auf Staatsanleihen Griechenlands, wo zypriotische Geldinstitute mit 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts engagiert sind, das gesamte Eigenkapital der zwei führenden Banken, das mindestens benötigt worden wäre, um die stark steigenden faulen Privatkredite zu verdauen, die zu nicht unbeträchtlichen Teilen aus der Zeit resultierten, als die zweitgrößte zypriotische Bank in die Hände eines griechischen Geschäftsmannes gefallen war, der bei befreundeten Großschuldnern kaum auf die Bonität geachtet hatte.

Bank-run könnte ausbleiben

Die beiden größten Institute werden nun also tatsächlich zusammengefasst und abgewickelt, was Einleger ab 100.000 voll zu tragen haben werden. Die kleineren Institute scheinen indes weitgehend intakt zu sein und sollen am Mittwoch von der EZB auch noch 2,5 Milliarden Cash bekommen haben, um für den absehbaren Ansturm gewappnet zu sein. Sollten die zypriotischen Kunden sich an den internationalen Finanzmärkten ein Beispiel nehmen, dann könnte auch nach dem Auslaufen der mit einer Woche limitierten Transaktionsbeschränkungen die befürchtete rapide Eskalation ausbleiben.

Schließlich ist für die Großanleger, die es nicht geschafft haben, zu den Besitzern der angeblich mehr als 2,5 Milliarden Euro  zu gehören, die Zypern in der letzten Woche verlassen konnten, das Kind bereits im Brunnen. Ebenso dürfte aus Sicht der Kleinanleger vorerst sichergestellt sein, dass ihre Gelder doch nicht angegriffen werden. Diese Sicherheit könnte die EU-weite Aufregung durchaus vermittelt haben, so dass ein Abzug der Gelder für die meisten Sparer nicht mehr so dringend erscheinen sollte, insbesondere da sich dann die Frage nach bequemen und sicheren Alternativen stellt.

Finanzplatz weiterhin attraktiv?

Anders sieht es mit den internationalen Geldern und den rund 225.000 registrierten Unternehmen aus. Hier haben russische Kunden, die laut deutschem Bundesnachrichtendienst (BND) rund 26 Milliarden Dollar bei zypriotischen Banken deponiert haben, zwar weit vor den Briten die Nase klar vorne, das professionelle Dienstleistungsangebot der Banken, Anwälte und Steuerexperten erfreut sich aber auch in Kontinentaleuropa und nicht zuletzt in Österreich einiger Beliebtheit. So ist eine Firma innerhalb von 14 Tagen gegründet, wobei die Besitzverhältnisse mit einem Treuhand-Shareholder verschleiert werden können. Abgesehen von den Steuervorteilen und einer Nervenschonenden Bürokratie lockt zudem ein hoher Lebensstandard bei eher niedrigen Lebenshaltungskosten. Zwar wird die Körperschaftsteuer nun von zehn auf zwölf Prozent erhöht, der Vermögenszuwachs bleibt aber steuerfrei, während Zypern im Wettbewerb der Steuerparadiese weiterhin mit dem Vorteil der EU-Mitgliedschaft und den günstigen Doppelbesteuerungsabkommen mit Russland und etlichen Nachfolgestaaten der Sowjetunion punkten kann.

Österreich auf dem Rückzug

Ob diese Vorteile den Schock der aktuellen – im Extremfall anscheinend bis zu 50prozentigen – Vermögenskonfiskation wieder gutmachen können, sei dahin gestellt. Laut KSV kontrollieren jedenfalls rund 250 österreichische Unternehmen wenigstens eine zypriotische Tochtergesellschaft und laut Peter Linnert, Präsident der Österreich-Zypern-Gesellschaft, würden mehr als 1000 Unternehmen dort „finanzielle Transaktionen abwickeln“. Allerdings beteuern die großen Banken und die ATX-Unternehmen, so gut wie keinem Zypern-Risiko ausgesetzt zu sein. Raiffeisen Bank und Bank Austria hätten ihre Aktivitäten auf Zypern mittlerweile beendet und die Erste Bank nie welche gehabt, so dass sich letztlich nur noch bei den Immobilienkonzernen zypriotische Beteiligungen finden. So halten Immofinanz, CA Immo, Conwert, S Immo und Warimpex allesamt Beteiligungen auf Zypern, weil Immobilientransaktionen dank der Doppelbesteuerungsabkommen in einigen CEE-Ländern und Russland nirgendwo günstiger abgewickelt werden können. Über substantielle Einlagen will jedoch kein Unternehmen verfügen, weshalb auch keine Verluste zu befürchten wären.

Nicht ganz so unbeschadet dürften zwei wichtige Österreich-Investoren davon kommen, etwa der russische Oligarch Oleg Deripaska, der über die auf Zypern registrierte Rasperia Trading mit 18,2 Prozent an Strabag beteiligt ist; ebenso wenig wohl der griechische Investor George Economou, der über eine zypriotische Gesellschaft 50 Prozent an René Benkos Signa Holding hält.

Krisenbanken auch in Zypern dabei

Übel sieht es auch für die österreichischen Krisenbanken aus. Während aber bei der zur Gänze staatlichen Kärntner Hypo und dem teilstaatlichen Volksbanken-Spitzeninstitut ÖVAG weniger als hunderttausend Euro auf dem Spiel stehen, liegt das zypriotische Engagement der KA Finanz, der Bad Bank des Bundes aus der Kommunalkredit, bei 357 Millionen Euro.

Denn der größte je von einer heimischen Bank erlittene Verluste wurde von der zypriotischen Tochter der mittlerweile verstaatlichte Wiener Kommunalkredit eingefahren, die mit Kreditderivaten Milliardenbeträge verloren hatte, wobei hier auch noch Guthaben stehen könnten, die als Sicherheit für noch nicht geschlossenen Derivate hinterlegt wurden.
Der Angesichts der diskreten Natur vieler Zypern-Geschäfte berühmtester Geldfluss betraf sicherlich das fürstliche 9,9 Millionen-Euro-Honorar: dass die Lobbyisten Peter Hochegger und Walter Meischberger bei der Privatisierung der 60.000 Buwog-Bundeswohnungen kassiert und über Zypern nach Lichtenstein geschleust hatten. Ihr Mentor Karl-Heinz Grasser unterhielt dort die Man Angelus Ltd., während selbstverständlich auch in der Berichterstattung über die Geschäfte des Martin Schlaff immer wieder von zypriotischen Briefkastenfirmen zu lesen ist.
 

Über SOMMER, Mag. Rainer †

SOMMER, Mag. Rainer †
Rainer Sommer war nach seinem Abschluss an der WU-Wien bei der Banca san Paulo in Turin und daraufhin als Wirtschaftsjournalist tätig. Er war der Verfasser des weltweit ersten Buches über die Subprime-Krise: „Die Subprime-Krise und ihre Folgen“, Heise Medien 2008.

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