Samstag, 19. Oktober 2019
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Verdienen Österreichs Bosse zu wenig – oder doch zu viel?

Seine Enttäuschung war groß, doch das Trostpflaster ebenfalls: Der scheidende OMV-Generaldirektor Gerhard Roiss, der demnächst vorzeitig seinen Job aufgeben muss, erhält unter dem Titel „Beendigungs-ansprüche“ rund 2,9 Millionen Euro ausbezahlt. Das sorgt bei der rot-weiß-roten Neidgenossenschaft selbstverständlich für die übliche Empörung: Warum kriegt ein Topmanager, der im Vorjahr 1,5 Millionen Euro Gage bekommen hat, bei seinem Rauswurf noch so viel Geld?

Simple Antwort: Weil das Roiss, der diversen OMV-Aufsichtsräten ein Dorn im Auge war, vertragsgemäß zusteht. Immerhin war er seit 25 Jahren beim größten österreichischen Konzern tätig und seit 2002 als stellvertretender Generaldirektor bzw. seit Mai 2011 als CEO für 25.500 Mitarbeiter und einen Umsatz von zuletzt 36 Milliarden Euro verantwortlich.

Faktum ist, dass die Topgagen von Spitzenmanagern hier zu Lande gerne heftig kritisiert und generell als zu hoch eingestuft werden – speziell in Zeiten, wenn gerade die Geschäftsberichte veröffentlicht und die exakten Einkommen der Vorstandsdirektoren, zumindest bei börsennotierten Aktiengesellschaften, transparent gemacht wurden. In einem Land, wo das eigene Gehalt für die meisten Arbeitnehmer als bestgehütetes Geheimnis behandelt wird, darf sich jeder nach Lust und Laune aufregen, dass er jährlich beispielsweise bloß 40.000 Euro brutto verdient, aber der General-direktor eines Industrie- oder Bankenkonzerns mehr als zwei Millionen bezieht – also 50 Mal so viel. Die zehn bestbezahlten CEO‘s unter den österreichischen ATX-Unternehmen, die eindeutig zur finanziellen Elite zählen, sind:

Verdienen Österreichs Bosse zu wenig - oder doch zu viel?Mit 2,6 Millionen Euro führt also Wolfgang Leitner, Boss des steirischen Anlagenbauers Andritz AG, das Spitzenfeld an. Sehr attraktive „Vergütungen“, wie das im Fachjargon so schön heißt, waren auch Voestalpine-Chef Wolfgang Eder, Erste-General Andreas Treichl oder dem eben ausscheidenden Immofinanz-Chef Eduard Zehetner sicher. Warum die genannten Herren so großzügig honoriert werden und andere Konzernchefs wie etwa Wienerberger-CEO Heimo Scheuch gleich eine Million weniger kriegen, ist teilweise erklärbar – mit Dienstjahren, Firmengröße, Bilanzzahlen etc. – , aber dennoch nicht immer vollends schlüssig. Die unterschiedlichen „Marktwerte“ sind bisweilen ebenso rätselhaft wie die stark auseinander klaffenden Gesamtausgaben für die jeweiligen Führungsteams.

Die teuerste Vorstands-Crew leistet sich – trotz der zunehmenden Troubles im Osten – die Raiffeisen Bank International: Boss Karl Sevelda und seine fünf Kollegen kosteten im vergangenen Jahr 10,9 Millionen Euro, um 1,5 Millionen mehr als im Jahr davor. Die nicht-börsennotierte Bawag zahlte ihrem sechsköpfigen Vorstandsteam zuletzt immerhin 10,2 Millionen und damit fast doppelt so viel, wie die Führungsriege der Erste Group kassieren durfte (5,8 Mio.). In der obersten Liga sind obendrein die Voestalpine, Andritz, die OMV sowie Mayr Melnhof Karton angesiedelt. Die Chefetagen des Verbund, der Post und der Uniqa wurden jeweils mit drei bis vier Millionen honoriert. Als Uniqa-Konkurrent zahlte die Vienna Insurance Group ihren Topmanagern indes alles in allem lediglich 2,4 Millionen. Der oberösterreichische Feuerwehrausstatter Rosenbauer und der Feuerfestspezialist RHI überwiesen ihren Vorstandsdirektoren bloß 2,2 Millionen.

Zu den Aktiengesellschaften, die für ihr Spitzenteam am wenigsten ausgaben, zählen schließlich der Ziegelhersteller Wienerberger (1,2 Mio.), der Flughafen Wien (950.000 €) und die in einer turbulenten Phase befindliche Immobiliengesellschaft Conwert. Diese hat im Vorjahr lediglich rund 700.000 statt fast einer Million Euro im Jahr 2013 aufgewendet und obendrein kürzlich ihre Nummer Eins in die Wüste geschickt hat.

Buh zum Spitzensteuersatz

Kurzum: Österreichs dem so genannten Corporate Governance Kodex verpflichtete Paradebetriebe entlohnen ihre Spitzenmanager zwar durchaus unterschiedlich – die einen eher großzügig, andere wiederum relativ knausrig. Aus der Froschperspektive vieler Neider werden jedoch alle über einen Kamm geschoren und im Vergleich zu „normalen“ Arbeitnehmern generell als maßlos überbezahlt eingestuft. Dabei wird gerne das Argument verwendet, dass die Gewinne der Unternehmen bisweilen sinken, aber die Topgehälter der Vorstandsdirektoren dennoch kontinuierlich steigen – manchmal sogar ziemlich ruckartig.

Das stimmt, wenn auch nur zum Teil: Es ist gewiss merkwürdig, dass beispielsweise Raiffeisen-Banker Sevelda für das Vorjahr noch eine Gehaltserhöhung um 388.000 Euro – also um 23 (!) Prozent  – erhalten hat,  wo er doch für das Geschäftsjahr einen Verlust in Höhe von 493 Millionen eingestehen musste. Dem ist allerdings entgegen zu halten, dass Lenzing-Chef Peter Untersperger angesichts der schwierigen Zeiten im Vorjahr bereits 110.000 Euro weniger erhielt – also nur noch 774.000 – und nach Bekanntgabe eines Verlusts in Höhe von 14,2 Millionen nach mehr als 30 Dienstjahren umgehend den Hut nehmen musste.

Das heißt also: Die fast durchwegs aus einem fixen und einem variablen Teil bestehenden Topeinkommen sind zwar nicht immer, aber zumeist vom messbaren Erfolg des CEOS abhängig und damit leistungsorientiert. Das unterscheidet eben einen Generaldirektor, der diverse Markt-, Währungs- und sonstige Turbulenzen gar nicht zu beeinflussen vermag und folglich mit einem hohen Risiko konfrontiert ist, etwa von einem frustrierten Buchhalter, der den Großteil seiner Arbeitszeit vor sich dahindöst, dem aber trotzdem stets sein fixes Gehalt und kleine jährliche Anpassungen sicher sind.

Dass sich die österreichischen Spitzengagen im internationalen Vergleich recht bescheiden ausnehmen, kommt hinzu, was am Beispiel von einigen Auslands-Österreichern deutlich wird: Severin Schwan etwa verdient als CEO des Schweizer Pharmariesen Roche stolze 11,6 Millionen, Christian Klingler, Marketingvorstand bei VW, erhält 7,3 Millionen, und sein als Finanzer in Wolfsburg tätiger Landsmann Hans Dieter Pötsch kam im Vorjahr immerhin auf 6,8 Millionen – um eine mehr als 2013. Dass die absoluten Topleute in Deutschland, etwa VW-Boss Martin Winterkorn, ihrem Unternehmen eine Gesamtvergütung von bis zu 16 Millionen  Wert sind, spricht – auch wenn diese Konzerne in einer anderen Liga spielen wie OMV, Voestalpine & Co. – , dass es für Österreichs Vorstandsvorsitzende noch einen gewissen Aufholbedarf gibt, weil im Nachbarland selbst die am schlechtesten Chefs von DAX-Konzernen noch mehr als unsere bestbezahlten ATX-Bosse verdienen.

Fazit: Es gibt absolut keinen Grund, um Topmanager wegen ihrer angeblich obszön hohen Gagen ständig in typisch rot-weiß-roter Kleinkariertheit durch den Kakao zu ziehen und sogleich als „Superreiche“ zu verachten. Ein CEO sollte, falls er erfolgreich unterwegs ist, sogar durchaus mehr verdienen dürfen. Es regt sich ja auch kein Mensch auf, dass ein Starkicker wie David Alaba, unser Stolz der Nation, dem FC Bayern München im Jahr sieben Millionen wert ist. Ein Aspekt wäre freilich heftig zu kritisieren: Der Staat, der kürzlich den Spitzensteuersatz auf 50, ab einer Milllion Euro sogar auf irrwitzige 55 Prozent angehoben hat, nascht bei jeder dieser vermeintlichen Traumgagen fleißig mit. Schade eigentlich für den Finanzminister, dass es nur so wenige Schwerverdiener gibt…

Über MUZIK, Prof. Dr. Peter

MUZIK, Prof. Dr. Peter
EU-Infothek-Kolumne „EUrovisionen“ Prof. Dr. Peter Muzik ist langjähriger Wirtschaftspublizist („trend“, „WirtschaftsBlatt“, „Wiener Zeitung“) und Inhaber der auf Medienresonanzanalysen spezialisierten Agentur Public & Media.

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