Samstag, 26. September 2020
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„Väterchen“ Erdogan – ein Fall für den Psychiater?

„Das sind alles Extremisten, Randalierer, Terroristen, Marginale und Plünderer“ – so einfach ist es, Millionen von Menschen aus allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten mit unterschiedlichen Anschauungen, die seit Tagen in der ganzen Türkei protestierend auf die Straßen gehen, abzustempeln und zu diffamieren, wenn man Recep Tayyip Erdogan heißt und Regierungschef der Türkei ist.

„Das sind alles Extremisten, Randalierer, Terroristen, Marginale und Plünderer“ – so einfach ist es, Millionen von Menschen aus allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten mit unterschiedlichen Anschauungen, die seit Tagen in der ganzen Türkei protestierend auf die Straßen gehen, abzustempeln und zu diffamieren, wenn man Recep Tayyip Erdogan heißt und Regierungschef der Türkei ist.

„Erdogan muss einen Psychiater aufsuchen“, sagte daraufhin Muharrem Ince, ein prominenter Oppositionspolitiker. Sollte er Recht haben? Abgesehen von seinen stets rechthaberischen und autoritären Reden der letzten zehn Jahre, von denen jede ein kleiner Tropfen im mittlerweile übergelaufenen Fass war, lassen die Aussagen von Erdogan seit dem Ausbruch der Unruhen im Gezi Park, die sich auf die ganze Türkei ausgeweitet haben, tatsächlich Sorgen um seinen geistigen und seelischen Gesundheitszustand aufkommen. Selbst eine Woche nach Ausbruch der landesweiten Demonstrationen wiederholt er stur die gleichen Botschaften wie am ersten Tag – von Dialogbereitschaft oder Einsicht keine Spur. So redet kein normaler, verantwortungsvoller Politiker.

Unverhohlene Drohung mit Bürgerkrieg gegen sein eigenes Volk

Aufmerksame Beobachter erkennen, dass der einst selbstgefällige und herablassende Gesichtsausdruck des Diktators in spe nun einer Verunsicherung gewichen ist, die er mit einer noch rabiateren, hasserfüllten und bedrohlichen Rhetorik zu kaschieren versucht. Mehrere Fernsehansprachen und Interviews des Premierministers waren nur so gespickt mit unverhohlenen Drohungen gegen alle, die es wagen, seine Autorität und Herrschaft anzuzweifeln. Er tue sich schwer, seine Anhänger zurückzuhalten – eine unverhohlene Drohung mit Bürgerkrieg gegen sein eigenes Volk. Er drohte ausländischen wie einheimischen Unternehmen, die sich vom Projekt des Einkaufszentrums im Gezi Park zurückziehen wollen, mit schwerwiegenden Konsequenzen.

Erdogan, der Möchtegern-Sultan von Ankara, mischt sich in alles ein, was seine „Untertanen“ angeht, vor allem die weiblichen: wie viele Kinder man zeugen soll (mindestens drei); ob Frauen abtreiben sollen (natürlich nicht); ob Geburten per Kaiserschnitt durchgeführt werden sollen; welche TV-Serien man sich anschauen soll, welche nicht; welche staatlichen Feiertage man feiern darf, usw., usw. Sogar in der Frage des Alkohols, dessen Konsum gläubigen Moslems verboten ist, schaffte er es, die Gesellschaft in Gegner und Anhänger seiner Partei zu spalten. In einem Fernsehinterview bezeichnete er alle, die Alkohol zu sich nehmen, als Alkoholiker – außer jene, die für seine Partei gestimmt haben, denn die seien natürlich keine Alkoholiker.

Dass er bei den Diskussionen um das weitgehende Verbot von Alkohol in der Öffentlichkeit aber ausgerechnet den Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk und seinen treuen Mitstreiter im Unabhängigkeitskrieg und Nachfolger als Staatspräsidenten Ismet Inönü – ohne ihre Namen zu nennen, aber für alle klar erkenntlich – als Alkoholiker, als Trunkenbolde, verunglimpfte, war der berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Denn Erdogan, dessen Hauptziel es ist, alle großen Reformen Atatürks, die das Land „verwestlicht“ haben, rückgängig zu machen, hat offensichtlich das Gespür dafür verloren, was das Volk denkt und fühlt. Selbst tief religiöse und konservative Menschen, die zu seinen Anhängern zählen, verehren Atatürk als Retter der Unabhängigkeit der Nation und lassen nichts auf ihn kommen.

Die Schuld am Volksaufstand versucht der Regierungschef der sozialdemokratischen Oppositionspartei CHP (Republikanische Volkspartei) in die Schuhe zu schieben. Eine Behauptung, über die selbst die Hühner lachen – wäre die CHP in der Lage, derartige Massen zu mobilisieren, wäre Erdogan schon lange nicht mehr an der Macht.

„Mister Arroganz zum Quadrat“

In seinem Machtwahn übersieht „Mister Arroganz zum Quadrat“ eines: dass jede Erklärung, die er abgibt, nur bestätigt, dass er nicht fähig und bereit ist, Fehler zuzugeben und sich zu entschuldigen, wie es ein wahrer Staatsmann tun würde, und dass mit jeder neuen selbstherrlichen und uneinsichtigen Aussage auch immer mehr moderate Menschen, die bisher mit ihm sympathisiert haben, von ihm abrücken.

Pikantes Detail am Rande: Bei Erdogans jüngster USA-Reise Mitte Mai erhielt seine Frau als Gastgeschenk ein Buch mit dem Titel „The Psychology of Dictatorship“ (Die Psychologie der Diktatur) überreicht – purer Zufall oder ein Wink mit dem Zaunpfahl? Und selbst die Türkische Psychiatrische Vereinigung sah sich angesichts der brutalen Polizeieinsätze genötigt, die Regierung mittels einer Presseerklärung zu warnen: „So wie körperliche Gewalt durch die Nächsten, durch Mutter und Vater, unheilbare Wunden in der geistigen Gesundheit eines Kindes hinterlässt, so werden auch die Narben dieses Krieges, den unsere eigenen Regierenden gegen ihr eigenes Volk führen, nicht verheilen. (…) Wir Psychiater werden diese Wunden nicht heilen können.“

Es gibt auch eine andere, zusätzliche Erklärung für Erdogans autoritäres Gehabe. Er sieht das türkische Volk als „Kinder“ und sich selbst als „liebenden Vater“, der alleine weiß, was für seine Kinder gut ist. So ist seine Politik darauf ausgerichtet, diese Kinder vor schlechten Gewohnheiten zu beschützen und ihnen den richtigen Weg, also seinen Weg, zu weisen. Und wie in vielen türkischen Familien noch immer üblich, kann der Vater auch handgreiflich werden, wenn die Kinder aufmucken – es ist doch nur zu ihrem Besten.

Doch die meisten türkischen Kinder – wieder vor allem die Mädchen – leiden schon genug unter der Bevormundung durch ihre leiblichen Väter und die männlichen Vaterersatzfiguren in der eigenen Familie. Den politischen „Übervater“ Erdogan können sie nicht auch noch ertragen. Erdogan hat selbst Kinder. Er sollte sich am besten ins Privatleben zurückziehen und seinen Kindern und Enkeln seine schier unerschöpfliche Liebe zukommen lassen, die das türkische Volk offensichtlich nicht will.

Ein Kommentar von Tansel Terzioglu, EU-Infothek Korrespondent in Brüssel

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