Donnerstag, 16. Juli 2020
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Steuerpaket: Österreichs Tourismus auf dem Schafott

Das Belastungspaket der Regierung trifft die heimische Hotellerie besonders heftig. Österreichs Devisenbringer Nummer Eins wird nur noch von den Niedrigzinsen über Wasser gehalten. Jetzt droht ein veritables Hotel- und Jobsterben.

Ein alter Spruch über Österreichs Hotellerie sagt alles: „Wir haben nicht zu viele Betten – wir haben zu viele Betriebe“. Hat wenigstens der Verfall des Zinsniveaus unrentablen Kleinbetrieben bisher noch Luft zum Atmen gelassen, so könnten die geplanten Steuererhöhungen jetzt ein veritables Hotelsterben auslösen.

Dabei erzeugt der Tourismus 9% des heimischen BIPs, beschäftigt 11% aller Arbeitnehmer und gleicht mit seinem Devisenüberschuss Österreichs chronisch defizitäre Handelsbilanz aus.

Wiener Regierung fördert Bayern-Tourismus

Die Erhöhung der österreichischen Umsatzsteuer von 10 auf 13% für Hotelnächtigungen (und Kinos, Theater, usw.) sowie die Verteuerung von Flügen zielen massiv auf die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Beherbergungsbetriebe gegenüber der süddeutschen Konkurrenz.

Dort war die USt schon 2010 auf 7% abgesenkt worden. Was Süddeutschland seitdem historische Rekordergebnisse einfahren lässt – auf Kosten Österreichs. Die Quittung: Während die Zimmerpreise in 10 Jahren hierzulande nur um magere 6% stiegen, explodierte die Inflation (v.a. durch Steuern und Gebühren) um 22%[1]. Das lässt den Druck auf Angestellte weiter steigen.

Bayern fördert – Österreich fordert

Dabei war der Modernisierungsprozess, der in Österreich Mitte der 1990er Jahre eingesetzt hatte, von den Privatbetrieben fast zur Gänze selber geschultert worden. Nur wenige Bundesländer (wie Oberösterreich) halfen ein bisschen, der Staat fast gar nicht. Die Folge: Das oft unmenschliche Arbeitspensum brannte viele Menschen aus, führte zur Vernachlässigung von Familien und Freunden, ließ Ehen zerbrechen und „vergrausigte“ Unternehmerkindern den Einstieg in die Gastronomie.

Eine höhere Wertschätzung erfahren Tourismusprojekte hingegen in deutschen Bundesländern wie etwa Bayern: Hier fördert die Landesförderbank Bayern Projekte zu 100%.

Tiefer Zins – hohes Risiko

Einzig die niedrigen Zinsen halfen Österreichs Tourismusverantwortlichen. Betrug der Fremdkapitalaufwand 1997 noch 14,7% aller Erlöse[2], war er 15 Jahre später auf 5% abgesunken[3]. Mit den billigen Krediten baute man Wellnessoasen und riss schwarzbraun-gepinseltes Deckenholz aus den Gasträumen. Das ließ die Verschuldung aber von 86% (1997) auf über 98% explodieren.

Sollten die Zinsen irgendwann wieder steigen (etwa so sprunghaft wie 2006), dann droht vielen frisch sanierten (und damit hoch verschuldeten) Betrieben die Zahlungsunfähigkeit.

Von 1.000 Euro Umsatz bleiben 15 Euro Gewinn

Bitterer Beigeschmack des Zinssturzes: Das gesparte Geld ging anderswo verloren. Etwa bei den gestiegenen Personal-, Heizungs- oder Marketingkosten. Aber vor allem bei den stetig steigenden Gebühren und Steuern des klammen Staates und seiner Gemeinden.

So bleiben dem Eigentümer eines 4****-Hotels von einem Gast, der mit einer 1000-Euro-Rechnung auscheckt, heute gerade einmal 3% als Gewinn vor Steuern übrig[4]. Oder 27 Euro. Von diesen bezahlt er dann 25% KÖSt und 25% KESt – bleiben netto 15 Euro[5]. Und von diesen Kleinbeträgen soll dann der Millionenkredit getilgt und eine Familie ernährt werden.

Zum Robot gezwungen

Obwohl man im Tourismus trotz überdurchschnittlichem Arbeitseinsatz immer weniger verdient, zieht der Staat die Steuerschrauben immer weiter an. Ab 2016 wird die KESt von 25% auf 27,5% erhöht, die Grunderwerbsteuer (GRESt) steigt bei Schenkungen auf 3,5%[6].

Das treibt Kleinbetriebe in ein furchtbares Dilemma. Denn selbst ein defizitäres Hotel hat schnell einmal einen (fiktiven) Marktwert von einer Million Euro – im Fall der Schenkung wären dann 35.000 Euro GRESt zu bezahlen. Fragt sich nur wovon, wenn es keine Gewinne gibt.

Schon bisher drohten Hausbanken Hoteliers, die in Pension gehen wollten, mit der Fälligstellung von Krediten, weil man dem Juniorchef die Lösung des Schuldenproblems nicht zutraute. Durch die Erbschaftssteuer wird die Übergabe noch schwerer – und 70jährige Hoteliers müssen wohl oder übel weiterschuften, während der Staat das Personal schon mit 58 in den Ruhestand gelockt hatte.

Kampf gegen Innovationen und Jobs

Wer er in Österreich noch immer nicht verstanden hat, und in Hoteljobs investieren will, dem erklärt es künftig der Steuerberater: Ab 2016 wird man Investitionen nicht mehr auf 33 Jahre, sondern nur mehr auf 40 Jahre abschreiben dürfen.

Dass Politiker wenig von Wirtschaft verstehen, ist kaum zu verheimlichen. Dass sie aber selten in Hotels fahren, glaubt ihnen niemand. Sonst müssten sie erklären, in welchem 40 Jahre alten Hotelzimmer mit ebenso alter Dusche, Bett oder Fenster sie sich letztens besonders wohl gefühlt hätten.

Das weggelegte Kind

Der Tourismus war immer schon das Stiefkind der österreichischen Wirtschaftspolitik (wenn es eine solche überhaupt je gegeben hatte). Was hier passiert, kann nur als öffentliche Hinrichtung bezeichnet werden. Oder als das Produkt einer unmoralischen Wette (um einen Euro?) unter abgehobenen Altpolitikern, wer am schnellsten 10.000 Jobs vernichten könnte[7].

Klügere Länder wie Deutschland, Italien oder Slowenien reiben sich die Hände. Sie werden schon bald mehr Gäste aus Österreich begrüßen dürfen – wenn diese dann noch über Jobs verfügen und es sich leisten können.



[1] PRODINGER|GFB TOURISMUSBERATUNG, 26.2.2015

[2] ÖGAF-Tourismus-MEMO 12/00

[3] ÖHT-Kennzahlen 2013

[4] 1.000 Euro Bruttoumsatz bedeuten bei 10% USt 909 Euro Nettoumsatz, davon 3%.

[5] ÖHT-Kennzahlen 2013, Medianwerte der 4/5*****-Hotellerie

[6] Bereits ab 300.000 Euro

[7] Man fühlt sich an den US-Film „Die Glücksritter“ von 1986 erinnert

 

Über HÖRL, MMag. Michael

HÖRL, MMag. Michael
EU-Infothek-Kolumne „nEUrotisch MMag. Michael Hörl, Betriebswirt, Wirtschaftspädagoge und Wirtschaftspublizist in Salzburg. Hörl hat Europas erstes "Globalisierungskritik-kritisches" Buch geschrieben: "Die Finanzkrise und die Gier der kleinen Leute". Zuletzt erschienen: „Die Armutsindustrie. Wie mit falschen Zahlen Politik gemacht wird“, Wien: Verlag Frank & Frei der Team Stronach Akademie 2017. www.michaelhoerl.at

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