Freitag, 27. November 2020
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Soziale Pulverfässer: Jobkrise gefährdet Euro-Rettung

Hiobsbotschaften ohne Ende: Die Arbeitslosigkeit in den Euro-Krisenstaaten erreicht ein Rekordniveau. Und Besserung ist frühestens im nächsten Jahr in Sicht. Bis dahin glimmt die Lunte an vielen sozialen Pulverfässern. Nicht allein die Höhe der zu zahlenden Zinsen für neue Staatsanleihen entscheidet über den Erfolg oder Misserfolg der Euro-Rettung, sondern die Frage, wie lange die Bevölkerung einen Zustand erträgt, den EU-Arbeitskommissar László Andor mit Blick auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit als „Tragödie für Europa“ bezeichnet.

[[image1]]Wenn sich in wenigen Tagen an der Mainzer Universität führende internationale Arbeitsökonomen zur Jahrestagung des „European Search and Matching Network“ treffen, dürfte es an brisanten Themen gewiss nicht mangeln. Die Arbeitslosigkeit hat die meisten Länder der Europäischen Union fest im Griff. Besonders heftig betroffen sind die Staaten der Euro-Zone. In den Krisenländern Spanien und Griechenland ist nach Angaben der EU-Statistikbehörde Eurostat mehr als jeder Vierte ohne Job. In Portugal liegt die Arbeitslosenquote bei 17,5 Prozent. Mit großer Sorge blicken die Ökonomen zudem nach Frankreich. Dort diagnostizieren sie ein ähnliches Problemgeflecht wie in Spanien und entsprechende Symptome: Mit 3,2 Millionen ist die Zahl der arbeitslosen Franzosen so hoch wie seit 16 Jahren nicht mehr.

Gleichzeitig driften die EU-Staaten immer weiter auseinander. Während vor allem aus den Ländern Südeuropas ein Negativrekord nach dem anderen gemeldet wird, entwickeln sich die Arbeitmärkte in Österreich, Deutschland und Polen trotz der noch immer nicht gelösten europäischen Schuldenkrise und der in diesem Jahr gebremsten Wachstumserwartungen ausgesprochen positiv.

Woran liegt es, welche Konzepte führen am schnellsten aus der Beschäftigungsmisere in den Krisenstaaten, welche Strategien erscheinen probat? Darauf werden wohl auch die Experten in Mainz keine allgemeinverbindlichen Antworten geben können, denn die Gründe für steigende Arbeitslosenzahlen sind vielschichtig.

Vergebliche Suche nach Patentrezepten

Das Ende 2010 von jungen Akademikern aus Frankreich, den Niederlanden, Spanien und Großbritannien gegründete „European Search and Matching Network“ nennt in erster Linie die Stringenz der Regulierung des Arbeitsschutzes, die Ausgestaltung des Arbeitslosengeldes, die Effizienz öffentlicher Vermittlungseinrichtungen, die Konjunkturdynamik und die Situation an den Finanzmärkten als entscheidend für die Entwicklung an den Arbeitsmärkten.

Doch Patentrezepte gibt es nicht. Ist der Arbeitsmarkt vergleichsweise  wenig reguliert, wie  etwa in Großbritannien, steigt die Arbeitslosigkeit durch Stellenstreichungen. Die Unternehmen können ihre Mitarbeiter einerseits einfacher auf die Straße setzen. Andererseits werden auch schneller neue Jobs geschaffen.

Das Kontrastprogramm liefert Frankreich mit seinen relativ strengen Arbeitsschutzvorschriften. Dort ist es für die Unternehmen erheblich schwieriger, bestehende Arbeitsplätze abzubauen. Doch sind die Jobs erst einmal gestrichen, dauert es meist recht lange, bis neue entstehen.

Die an Brisanz ständig zunehmende Beschäftigungkrise in Spanien und Griechenland wiederum hat in erster Linie konjunkturelle Ursachen aufgrund kollabierender Märkte. In Spanien ließ das Platzen der Immobilienblase die Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellen. Vor dem Kollaps hatte diese Branche mit rund einem Fünftel zur gesamten Wirtschaftsleistung des Landes und somit auch zu einer großen Zahl von Jobs beigetragen.

Zudem wurden viele junge Menschen am Bedarf vorbei ausgebildet, was letztlich dazu führt, dass nun Geisteswissenschaftler im Supermarkt die Regale auffüllen. Ein Beispiel: Als Spanien noch boomte, wurden im ganzen Land großzügig Museen geplant und zum Teil bereits gebaut. Gleichzeitig kamen immer mehr Kunsthistoriker auf den Arbeitsmarkt, für die jetzt kein Bedarf mehr besteht. In Griechenland waren es vor allem die Staatsschuldenkrise und die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der verkrusteten Wirtschaft, die zur Jobmisere führten.

Und sogar die „Musterknaben“ weisen bei näherer Betrachtung Schwächen auf. So profitiert der deutsche Arbeitsmarkt derzeit nicht nur von der erstaunlich widerstandsfähigen Konjunktur und den Folgen der vor einigen Jahren durchgesetzten Arbeitsmarktreformen, sondern nicht zuletzt von der demographischen Entwicklung. Allmählich ziehen sich die „Babyboomer“ in den Ruhestand zurück. Sprich: In den nächsten Jahren stehen immer weniger Arbeitnehmer aus den geburtenstarken Nachkriegsjahrgängen zur Verfügung. Mittelfristig dürfte daher eher der Arbeitskräftemangel ein Thema sein.

Deutsche Langzeitarbeitslose sind armutsgefährdet

Das freilich ist ein schwacher Trost für die deutschen Langzeitarbeitslosen, die nach einer jüngst vorgelegten Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Gewerkschaften die ärmsten in Europa sind. Demnach sind in Deutschland 67,7 Prozent der Langzeitarbeitslosen von Armut bedroht. Der EU-Durchschnitt liegt bei rund 46 Prozent. Grund: In Deutschland bekommen Langzeitarbeitslose nach einem Jahr kein Arbeitslosengeld mehr, sondern nur noch Sozialhilfe (Hartz IV). Anders in Frankreich und Dänemark: Dort wird das Arbeitslosengeld zwei Jahre gezahlt, in der Schweiz immerhin 80 Wochen. Und in Belgien gibt es nach WSI-Angaben sogar unbefristet Arbeitslosengeld.

Es ist mithin ein sehr facettenreiches Thema, mit dem sich die Arbeitsökonomen in Kürze in Mainz auseinandersetzen werden. Die wichtigste Frage lautet derweil, wann sich die Situation in den Krisenstaaten entspannen könnte. Experten bleiben skeptisch und rechnen in diesem Jahr eher mit einer weiteren Zuspitzung. Frühestens ab Frühjahr 2014 könnten die Arbeitslosenzahlen in Frankreich, Spanien, Portugal und Griechenland stagnieren oder im günstigsten Fall sogar sinken. Sicher ist aber auch diese Prognose nicht.

Die Frage, die sich aktuell im Zeichen der Euro-Krise stellt, ist nicht, ob es Staaten wie Spanien, Portugal und Griechenland gelingt, zu vertretbaren Konditionen neue Schulden zu machen. Gefahr droht von ganz anderer Seite: Wie lange wird die Bevölkerung in den dortigen Staaten Arbeitslosenquoten von bis zu 30 Prozent noch dulden? Die Lunte glimmt an den sozialen Pulverfässern.

Über BRÜCKNER, Michael

BRÜCKNER, Michael
Michael Brückner ist freier Finanzjournalist und Buchautor mit Sitz in Ingelheim und Lindau. Vor seiner Selbstständigkeit ab dem Jahr 1995 war Brückner zunächst Tageszeitungsredakteur, später Redaktionsleiter des Magazins "Europa".

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