Freitag, 14. Dezember 2018
Startseite / Allgemein / Politik einmal anders: Erst beten, dann reden

Politik einmal anders: Erst beten, dann reden

Bild © Creative Commons Pixabay (Ausschnitt)

Die Politik braucht neue Ideen, neue Persönlichkeiten um bei der Vielfalt der Krisen neue Lösungsansätze  zu finden. Einen diesbezüglichen Anlauf unternimmt eine Bewegung, die zwar nicht öffentlich auftritt, aber ideell versucht Meinungsbildung auszuüben und so Willensbildung zu beeinflussen.

Am Dienstag wird das Parlament in Wien Schauplatz einer Veranstaltung besonderer Art sein. Über zweihundert Politiker, Diplomaten, Multiplikatoren aus Europa und Übersee treffen einander zu einem so genannten „Internationalen Gebetsfrühstück“. Eine Gelegenheit, um anschließend über die politische Situation in Europa und der Welt zu diskutieren. Heuer wird man sich vor allem der Weiterentwicklung der Europäischen Union, gerade auch in Hinblick auf den Dialog mit den etwas eigenwilligen östlichen Mitgliedsstaaten, den in die EU drängenden Balkanstaaten beschäftigen. Ein Thema wird auch die Frage sein, welche Maßnahmen nötig wären, um Italien eine Wegweisung aus seiner politischen und wirtschaftlichen Dauerkrise bieten zu können. Schließlich bieten auch die Beziehungen zu China, Russland und den USA viel Diskussionsstoff. Ein Kommunique wird es freilich nicht geben. Vielleicht wird sich aber in nächster Zeit in der einen oder anderen Frage politisch etwas bewegen.

Fast ein „Geheimbund“

Das „Gebetsfrühstück“ wurde auch nicht per Presseaussendung angekündigt. Einladungen wurden nur persönlich verschickt. Es klingt wie ein Geheimbund, hat aber nicht einmal Vereinsstatus und ist nur eine lose, weltweite Zusammenkunft gleichgesinnter Persönlichkeiten. Was die Teilnehmer dieses Treffens eint, ist der Glaube an Jesus. Sie machen keinen Unterschied ob sie nun christlichen Kirchen, dem Judentum oder dem Islam angehören. Sie sind offen für Vertreter christlicher, konservativer, sozialdemokratischer oder freiheitlicher Parteien. In der Öffentlichkeit sind sie nicht präsent, halten sie sich doch an die so genannte „Chatham House Rule“. Das heißt: Bei Zusammenkünften, die unter diese Regel fallen, ist den Teilnehmern die freie Verwendung der erhaltenen Informationen unter der Bedingung gestattet, dass weder die Identität noch die Zugehörigkeit von Rednern oder anderen Teilnehmern preisgegeben werden.

Religion spielt außerhalb Europas eine größere Rolle

Gastgeber des „Internationalen Gebetsfrühstücks“ in Wien ist der Präsident des Nationalrats, Wolfgang Sobotka, das Gebet eröffnet Kardinal Christoph Schönborn. Organisiert wird es unter anderem vom langjährigen Abgeordneten und Sprecher der Interparlamentarischen Union, Josef. Höchtl. Er hatte übrigens die Gebetsfrühstücks-Stafette von Alois Mock, dem im vergangenen Jahr verstorbenen Ex-ÖVP-Parteiobmann, Ex-Vizekanzler und Ex-Außenminister. Mock gehörte zu den ersten europäischen Politikern, die in die USA zu einem „Prayers Breakfast“ eingeladen wurden und der diese spirituelle Zusammenkunft nach Europa brachte. Mittlerweile finden Gebetsfrühstücke in vielen europäischen Parlamenten, so in Brüssel, auf allen Kontinenten, und das nicht nur im parlamentarischen Bereich sondern zum Beispiel auch auf Botschafterebene statt. Sie gehen auf eine US- Tradition zurück. Dort findet alljährlich im Februar in Washington ein weltweites „Prayers Breakfast“ statt, das sich mit den Rahmenveranstaltungen über mehrere Tage erstreckt und bei dem seit Eisenhower jeder US-Präsident – so heuer Donald Trump – mit den Teilnehmern zusammentrifft, um ihnen die Welt aus seiner spirituellen Sicht zu erklären.

Es zeigt sich übrigens bei dieser Gelegenheit einmal mehr, dass Europa, das so genannte christliche Abendland, der säkularisierteste aller Kontinente ist. Religion spielt in den meisten Teilen der Welt eine weit größere Rolle. Gebet findet in Europa nur noch in Kirchen, Moscheen, Synagogen und heiligen Stätten statt. Vielleicht, aber doch sehr selten, als Tischgebet in traditionsgebundenen Familien. Nun auch im Wiener Parlament pflegt man, bisher unbemerkt von der Öffentlichkeit, die Tradition, zuerst zu beten und dann miteinander zu reden. Um scherzhaft hinzuzufügen: „Der Heilige Geist ist eingeladen, vorbeizukommen“.

Gebetsfrühstücke und ihr Einfluss auf die Politik

Dass diese Gebetsfrühstücke nicht nur spirituellen Charakter haben, sondern auch politisch etwas bewegen, hat die frühere Präsidentin des Deutschen Bundestages, Rita Süssmuth, in Bezug auf die Begegnungen der Parlamentarier deutlich gemacht: „Vom Gebetsfrühstück gehen Wirkungen auf den Bundestag aus, nicht spektakulär zwar, aber subtil.“ Sie tragen gewissermaßen über die Fraktionsgrenzen hinaus zu einer Meinungs- und Willensbildung bei, setzen Impulse zur Lösung von Krisen und Konflikten. Die Teilnehmer dieser Gebetsfrühstücke sehen ihre Zusammenkünfte nicht als oberflächliche Frömmelei. Sie sehen vielmehr, so wird dies wörtlich begründet, im Sinne der Botschaft von Jesus (Sohn Gottes für die Christen, Prophet für die Muslime) den entscheidenden Ansatz um bei schwierigen Entscheidungen und inhaltlichen Auseinandersetzungen für Verständigung und Nächstenliebe zu sorgen. Immerhin handelt es sich dabei um eines der höchsten Güter für das Zusammenleben der Menschen in einer sich immer enger verflechtenden modernen Welt.

Über Redaktion EU-Infothek

Redaktion EU-Infothek
Some short bio

Das könnte Sie auch interessieren

Was hat die „Fieberkurve“ und das „Forum Recht“ mit dem Rechtsstaat und seinen aktuellen Gefährdungen zu tun?

Neueste Entwicklungen zur Bestärkung des Rechtsstaatsprinzips in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland Die mehrfachen Gefährdungen …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.