Samstag, 19. Oktober 2019
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Leere Rohre. Das Scheitern von Nabucco und seine Folgen

Nabucco ist also tot. Ich sagte es seit langem. Die TAP hat sich letztlich aus drei Gründen durchgesetzt: Zuerst ist die norwegische Statoil – ein führendes Mitglied des Gaskonsortiums Shah Deniz – am TAP-Projekt beteiligt. Sodann sind die Investitionskosten für die kürzere TAP-Leitung niedriger. Nachdem sich die führenden Betreiber des Gaskonsortiums in die Leitungsprojekte einkaufen werden, sind damit auch die Kosten für das SD-Konsortium niedriger. Das TAP-Projekt gelangt somit früher in die Gewinnzone. Zum Dritten hat TAP sein ursprüngliches, wenig attraktives, Konzept in den letzten 18 Monaten deutlich verbessert.

[[image1]]Das Gas wird nicht vorrangig am saturierten, wenn auch lukrativen italienischen Gasmarkt vermarktet werden, sondern die Schweiz versorgen und nach Deutschland weitergeleitet werden; zudem soll mit der Ionisch-Adriatischen Pipeline, die in Albanien von der TAP abzweigt, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, vielleicht auch Albanien und das Kosovo versorgt werden.

Was sind nun aber die Konsequenzen für die OMV und die österreichische Gasversorgung: Neben dem Imageschaden und den teilweise verlorenen Investitionskosten, stellt sich für die OMV die neue Aufgabe, angeblich substantielle, noch zu erschließende eigene Gasvorkommen im Schwarzen Meer auf die Märkte zu transportieren. Es ist kaum zu erwarten, dass die OMV eine neue Leitung dafür errichten wird, außer es gelingt, Partner dafür zu finden, was sehr unsicher ist. Meiner Ansicht nach, wird die bestehende Infrastruktur nutzen, modernisieren, ausbauen und verbinden, um dieses Gas zum Central European Gas Hub (CEGH) nach Baumgarten zu bringen. Damit könnte sie eine Projektidee von British Petroleum aufgreifen – das SEEP-Konzept.

Gasversorgung Ostösterreichs durch marodens ukrainisches Gasleitungsnetz

Als weitere Konsequenz ist der relative Bedeutungsverlust für den CEGH abzuweren. Ohne Nabucco wird nun kein zusätzliches Gas nach Baumgarten kommen. Gleichzeitig ist nach derzeitiger Kenntnislage die Anbindung der russländischen South Stream an den CEGH auch gescheitert. Die OMV hat mit ihrer Nabucco-Initiative die Gazprom sehr irritiert. Die an der Europäischen Kommission gescheiterte Beteiligung von Gazprom am CEGH war dann wesentlicher Grund, warum South Stream nun nicht nach Baumgarten, sondern in das norditalienische Tarvisio führen soll. South Stream soll im Endausbau 63 Mrd. m3 transportieren, erhebliche Mengen davon sollten über den CEGH betrieben werden. Diese Volumina sind nun wohl verloren, außer Gazprom ist noch umzustimmen; die Konditionen dafür werden kaum annehmbare sein. Der CEGH und die Gasversorgung Ostösterreichs werden nun am maroden ukrainischen Gasleitungsnetz hängen.

Angesicht der hohen Importabhängigkeit Österreichs von Gas aus Russland war es bisher schon besorgniserregend, auf ein einziges Leitungsnetz angewiesen zu sein. Wenn das ukrainische Leitungsnetz aber nicht dringend saniert wird hängen wir an rostigen Rohren. Zudem werden, wenn South Stream gebaut wird, erheblich geringere Mengen über das ukrainische Netz nach Österreich gelangen. South Stream dient dazu, die ukrainischen Transitleitungen auszutrocknen und die Ukraine zu umgehen. Gazprom wird die Verträge mit der OMV einhalten, aber abzuwarten bleibt, wieviel zusätzliches russländisches Gas dann noch über den CEGH vertrieben werden wird.
Mit dem Scheitern von Nabucco kann auch ein substantieller Relevanzverlust des CEGH verbunden sein. Darin liegt dringender, nicht zuletzt politischer Handlungsbedarf.

Über MANGOTT, ao. Univ.-Prof. Dr. Gerhard

MANGOTT, ao. Univ.-Prof. Dr. Gerhard
ao. Univ.-Prof. Dr. Gerhard Mangott, Jahrgang 1966, österreichischer Politikwissenschaftler, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck mit dem Schwerpunkt Osteuropa- und Russland. Zahlreiche Publikationen, zuletzt: "Der russische Phönix. Das Erbe aus der Asche". Kremayr und Scheriau, Wien 2009. www.gerhard-mangott.at

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