Montag, 19. August 2019
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Ibiza-Gate: SZ berichtet über Reißwolf

Ibiza / Bild © CC0 Creative Commons, Pixabay (Ausschnitt)

Die Süddeutsche Zeitung berichtet aktuell über die „Geheimoperation Reißwolf“ und die Vorwürfe gegen die ÖVP.

  • In Österreich ist ein Video aufgetaucht, das zeigt, wie ein Mann fünf Festplatten in einem Fachbetrieb mehrfach schreddern lässt – kurz nach Bekanntwerden der Ibiza-Affäre.
  • Bei dem Mann handelt es sich um den damaligen Social-Media-Chef von Kanzler Kurz.
  • Die Aktenvernichtungsfirma nennt den Vorgang „absolut unüblich“.
  • Österreichs neue Bundeskanzlerin Bierlein hat eine interne Untersuchung angeordnet.

Der mysteriöse Besucher, der nur ein paar Tage nach der Aufdeckung der Ibiza-Affäre in einem österreichischen Aktenentsorgungsbetrieb mit dem eingängigen Namen „Reisswolf“ auftaucht, will ganz sicher sein: Fünf Festplatten lässt er schreddern, erst einmal, dann zweimal und dann noch ein drittes Mal. Und er will nicht nur dabei zusehen, sicher ist sicher, sondern die pulverisierten Reste auch wieder mitnehmen. Und so steht der stämmige junge Mann an einem Donnerstag Mitte Mai, um 11.05 Uhr, vor einer Schreddermaschine und überwacht die Zerstörung der Datenträger. In die Besucherliste trägt er den Namen „Walter Maisinger“ ein, in einem Formular nennt er auch eine zum Namen passende E-Mail-Adresse – und in die Rubrik „Firma“ schreibt der Mann: „privat“.

Nichts davon stimmt.

Der Mann, der in der Woche nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen die FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus so unbedingt Daten vernichten will, heißt in Wahrheit Arno M. – und er ist eigenen Angaben zufolge der Social-Media-Chef im österreichischen Kanzleramt unter Sebastian Kurz: jenem ÖVP-Kanzler, der knapp anderthalb Jahre lang mit Strache Österreich regiert hat. Das belegt eine Recherche anhand von Dokumenten und Videos, die der Wiener Wochenzeitung Falter zugespielt wurden, und die die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel einsehen konnten.

Ein Kanzlermitarbeiter, der unter falschem Namen Festplatten vernichten lässt, Festplatten aus dem Bundeskanzleramt, wie sich herausstellen wird – in der Woche nach dem größten Polit-Skandal des Landes seit vielen Jahrzehnten? Die vielen Fragezeichen lassen sich kaum zählen, die dieser Vorfall aufwirft.

Offene Rechnung ließ den Fall ans Licht kommen

Aufgeflogen ist die Sache wegen einer unbezahlten Rechnung, wegen 76 Euro und 45 Cent, und dem Unwillen der Firma Reisswolf, es dabei zu belassen. Also suchte ein Reisswolf-Mitarbeiter sich die angegebene Telefonnummer heraus – unter der sich aber eben nicht Walter Maisinger meldete, sondern jener Arno M. Der Mitarbeiter des Bundeskanzleramts.

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft, genau genommen jene Einheit, die sich auch mit der Ibiza-Affäre beschäftigt. Sie prüft, ob hier womöglich Beweismittel vernichtet wurden. Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein hat außerdem eine interne Untersuchung angeordnet. Arno M., der mittlerweile in der ÖVP-Zentrale arbeitet, wurde von der Polizei abgeholt.

Die Ibiza-Affäre ist damit um eine Volte reicher.

Nachdem der Vorfall am Wochenende von der Zeitung Kurier öffentlich gemacht worden war, winkte Österreichs Bundeskanzler a. D. Sebastian Kurz am Montag ab: Das Ganze sei ein „ganz üblicher Vorgang“, bei einem Regierungswechsel würden Laptops und Handys zurückgegeben. Bei dem Geschredderten soll es sich angeblich um die Festplatte eines Druckerservers gehandelt haben. Und der sei eben gelöscht worden. Alles ganz normal. Oder?

Ganz und gar nicht. Dokumente, interne Unterlagen und Videos von der Festplatten-Schredderei, lassen daran ernsthaft zweifeln, wie auch Falter-Chefredakteur Florian Klenk in einem Video darlegt.

Auch der Chef der Aktenvernichtungsfirma erklärte, das Verhalten sei „absolut unüblich“ gewesen. Aber von vorne: Zunächst einmal war es eben nicht, wie von der ÖVP suggeriert, nur eine Festplatte, die höchstkonspirativ geschreddert wurde, sondern es waren ganze fünf Stück.

Der Mitarbeiter des Kanzleramts trug die Seriennummern der Platten im Rahmen der Zerstör-Aktion in dem Aktenvernichtungsbetrieb auch fein säuberlich in ein Formular ein. Die Nummern – etwa die Y5GTCZ92T – geben Aufschluss über die Herkunft der Platten. Sie werden in Druckern verbaut, aber laut IT-Experten auch in Toshiba-Notebooks. Das Bundeskanzleramt wollte sich auf Anfrage „aufgrund laufender Ermittlungen“ nicht weiter dazu äußern.

Mitarbeiter fertigten Protokoll an

Den Mitarbeitern des Aktenvernichtungsbetriebs war auch aufgefallen, dass der vollbärtige Mann extrem nervös gewesen sei, erklärten sie später der Polizei. Zwar sei es nicht ungewöhnlich, dass Kunden Festplatten eigenhändig zerstören wollen. Solche Kunden werfen die Festplatten dann eigenhändig in einen riesigen Trichter und – ratsch, ratsch – rieselt auf einem Förderband das Festplattengranulat heraus. Damit ist es dann aber auch getan.

Nicht so bei dem Mann, der sich Walter Maisinger nannte. Auf einem Überwachungsvideo, das die SZ einsehen konnte, ist zu sehen, wie die Metallteile von den zerstörten Festplatten noch einmal in den großen Trichter der Maschine geworfen werden. Und noch einmal. Am Ende kehrt ein Mitarbeiter der Firma die Metallspäne zusammen und überreicht sie dem Kurz-Vertrauten in einer Schachtel.

Der Vorgang sei sogar so verdächtig gewesen, dass die Mitarbeiter des Entsorgungsbetriebes ein Protokoll anfertigten. „Kunde bei Vernichtung anwesend, geschredderte Festplatten wieder mitgenommen (Material wurde gesamt 3x geschreddert)“, heißt es darin.

Nur wenige Tage nach der Schredder-Aktion wird Sebastian Kurz in einem Misstrautensvotum abgewählt. Seine Abschiedsrede überträgt das Fernsehen – und auch einige Mitarbeiter des Wiener Aktenvernichtungsunternehmens Reisswolf sehen zu. Zu dieser Zeit rätseln sie noch, wer wohl der geheimnisvolle Besucher gewesen sein mag. Dann erkennen sie hinter Sebastian Kurz den stämmigen jungen Mann mit Vollbart: Walter Maisinger aka Arno M. Der Mann, der höchst konspirativ zum mehrmaligen Schreddern vorbeigekommen war und der sie am Ende auf der Rechnung sitzen ließ. Das werden die Reisswolf-Leute nicht auf sich sitzen lassen, und so rätselt Österreich nun, was auf den geheimnisvollen Platten gewesen sein mag. Vermutlich wird sich das nie klären lassen.

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10 Kommentare

  1. Avatar

    stimmt das ,schaut es nicht gut aus für Sebastian.Ein großes Plus hat er,der ORF ist nicht sonderlich interessiert,zZ jedenfalls.

  2. Avatar

    Herr Klenk , Falter und Süddeutsche Zeitung da sollte man erst einmal darüber nachdenken .
    Wie kommt das Video der Firma in die Medien und wird vom ORF abgespielt ( kein Resümee für die Firma wenn ich mich als Kunde im Fernsehen sehen kann )
    Herr Kurz hat kein Motiv gehabt die Regierung zu Fall bringen , das sie von den Ibiza Video Bescheid wusste kann sein den das waren ja schon viele ( Haselsteiner , SPÖ und div . Medien ) aber Sie haben es nicht veröffentlicht .

  3. Avatar

    Bitte wie kommt jemand wie Arno B ohne Ausweisdokument in einen so sensiblen Bereich?
    Oder hatte er einen solchen Ausweis auf den Fakenamen bei sich? Dann wird es hochkriminell!

  4. Avatar

    Laut Falter-Radio #211 (ab Min. 12:30) https://www.falter.at/falter/radio/1afd4a358f444206b6ea067ac9448a6b/florian-klenk-uber-die-operation-reisswolf-211 hat sich Arno Melicharek bereits am 22.5. bei der Firma Reisswolf in Leobendorf telefonisch gemeldet und eruiert, ob er bei der Schredderung anwesend sein kann. Am 22.5. war noch kein Regierungswechsel absehbar. Am 22.5. um 13.00 Uhr wurde die Übergangs(-Allein)-Regierung Kurz von VdB angelobt, am 22.5. räumte Kickl mit seinen Mitarbeitern das BMI (ebenfalls mit einem Reisswolf-LKW), anders als Arno Melicharek aber nicht hoch nervös und aufgeregt, sondern völlig entspannt.

    Warum diese Nervosität im Kabinett Kurz am 22.5. (fünf Tage vor der Sondersitzung, mitten im EU-Wahlkampf), wenn der Misstrauensantrag, der die Regierung letztendlich (ganz) stürzte (der JETZT-Antrag betraf ja nur Kurz) erst am 26.5. Abends im SPÖ-Präsidium beschlossen wurde und die FPÖ erst am 27.5. darüber entschied?

    Am 21.5. veröffentlichte EU-Infothek die Hintermänner des Ibiza-Videos (RA M. und J.H.). Am 22.5. veröffentlichte Profil (online) einen Artikel mit M., H. und Sascha Wandl. Am Abend (23.5.) war Sascha Wandl in oe24 und Puls4 (Pro & Contra). Gert Schmidt bei Fellner Live. Am Morgen des 23.5. war Wandl in der Morgensendung „Cafe Puls“.

    Waren diese Aufdeckungen und die Angst, dass in wenigen Stunden gar so viel auffliegen könnte, dass es zu Hausdurchsuchungen im ÖVP-Umfeld bzw. BKA kommen könnte, Grund für die Nervosität und kriminelle Energie (falscher Name, Erstellen einer Fake-E-Mail-Adresse, Nichtbezahlen der Rechnung, 3x schreddern, Bröselmitnahme)? Der Regierungswechsel kann es nicht gewesen sein.

    Übrigens habt Ihr im Zusammenhang mit den IBIZA-Mails auch herausgefunden (24.6.2019), dass die ÖVP-IP-Adressen bis 23.5. um 16:56:04 Uhr jenen Informationen zuordenbar waren, die in den Ibiza-Mails aufschienen.

    Wenn man angeblich im BKA wegen eines Regierungswechsels nervös war, warum am selben Tag auch in der ÖVP-Zentrale? Dieses große Reinemachen in ÖVP-IT und BKA hatte mit Euren Aufdeckungen zu tun und nichts mit einem möglichen Regierungswechsel.

  5. Avatar

    Ist definitiv kein Renommee für eine Firma, die sich im sensiblen Bereich bewegt…wenn da Videos einfach so rausgeschafft werden können, um dann bei diversen einschlägig bekannten Medien zu landen…

  6. Avatar

    Diese Sache stinkt gewaltig, wenn ich nichts unrechtes tue brauche ich nicht so agieren. Auch wie sich Kurz verhält ist feige, versteckt sich hinter Nehammer, der wird von Wolf in der Zib in die Mangel genommen und stottert herum. Die Dumpfbacke wie Jeanee den Mitarbeiter nennt taucht unter und versteckt sich. Herr Kurz ist um keinen Deut besser, auch von seiner Transparenz, Offenlegung, alles zum Wohle für Österreich und was er uns nicht noch alles in seinen Auftritten vorschwaffelt bleibt nichts übrig ….als ein fauler Geschmack.

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