Sonntag, 8. Dezember 2019
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Höhenflüge mit stärkeren Turbulenzen

An den Finanzmärkten scheint der Optimismus keine Grenzen zu kennen. Tatsächlich könnte es vor allem an den europäischen Börsen auch 2014 weiter aufwärts gehen, wenngleich unter deutlich stärkeren Schwankungen als zuletzt. Wer jetzt noch einsteigen will, sollte daher die Spreu vom Weizen trennen. Interessante Titel gibt es – sogar in den krisengeplagten Ländern Italien und Frankreich.

[[image1]]Vor einem Jahr hatten die Pessimisten noch Hochkonjunktur. Die Euro-Zone drohte, im Schuldensumpf zu versinken, mit Italien und Frankreich schienen sich zwei Schwergewichte auf den Weg in die Intensivstation zu machen, die viel gefeierten BRIC-Schwellenländer enttäuschten. Doch es kam besser als erwartet. Wer Ende des vergangenen Jahres mutig genug war, in ausgewählte europäische Aktien zu investieren, darf sich jetzt über satte Gewinne freuen, während Sparbuchbesitzer nach Abzug der Inflation mäßige, Gold-Investoren aber starke Verluste hinnehmen mussten.

Aber so geht es an den Finanzmärkten nun einmal zu: Eine ohnehin vorhandene Mainstream-Meinung wird regelmäßig irrational verstärkt – im Negativen wie im Positiven. Derzeit herrscht geradezu Champagnerlaune an den Börsen. Die Korken knallen ließ zuletzt die amerikanische Notenbank mit ihrer jüngsten Ankündigung, ihr umstrittenes Anleihe-Kaufprogramm schrittweise zurückzufahren, die Leitzinsen aber noch lange extrem niedrig zu halten. Geld gibt es also weiterhin zu absoluten Schnäppchenpreisen.

Auch die Euro-Retter klopfen sich auf die Schultern: Es scheint, als sei das Schlimmste überstanden. Irland verlässt den Rettungsschirm, Portugal soll in wenigen Monaten folgen, Spanien macht Fortschritte, die man noch Mitte 2013 nicht für möglich gehalten hätte, und sogar Italien hat eine halbwegs stabile Regierung. Im Jahr 2014 dürfte auch das Wirtschaftswachstum allmählich wieder auf Touren kommen, wenngleich es in der Euro-Zone wohl bei einem Mini-Plus von einem Prozent des BIP bleiben wird.

Optimismus übersieht „blinde Flecken“

Kein Wunder also, dass allenthalben kräftig die Werbetrommel für den Einstieg in Aktien gerührt wird. Glaubt man den Prognosen, dann erwartet uns erneut ein Super-Aktien-Jahr. Allerdings sind die Vorhersagen der sogenannten Experten immer mit Vorsicht zu genießen, denn die meisten von ihnen vertreten schlicht die Interessen ihrer Arbeitgeber (Banken, Broker, Fondsgesellschaften) und weniger jene der Anleger. Übertreiben nun also die Optimisten in ähnlichem Maße wie vor einem Jahr die Pessimisten?

Versuchen wir eine nüchterne Bestandsaufnahme. Tatsächlich befindet sich die derzeitige Hausse vor allem beim Deutschen Aktienindex (Dax) in einem schon weit fortgeschrittenen Stadium. „Sowohl gemessen an der Bewertung als auch im Vergleich zu früheren Erholungsphasen nach Bärenmärkten scheint der Dax sein Potenzial weitgehend ausgeschöpft zu haben“, urteilt Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen.

Nicht übersehen werden darf ferner, dass trotz der Sanierungsfortschritte in den Krisenstaaten der Euro-Zone die Situation mehr als heikel bleibt. Dort liegt die offizielle Arbeitslosigkeit zwischen 16 und 27 Prozent, etwa ein Viertel der EU-Bevölkerung ist von Armut bedroht. Und der italienische Staatspräsident warnte vor Weihnachten ausdrücklich vor schweren sozialen Unruhen im neuen Jahr.

Selbst wenn die Optimisten am Ende Recht haben und die gute Stimmung an den Börsen auch im neuen Jahr anhält, sollten sich die Anleger auf durchaus turbulente Phasen und eine höhere Volatilität einstellen. Daher ist jetzt eine selektive Strategie gefragt. In den vergangenen Monaten hat die Politik des billigen Geldes beinahe alle Aktien von seriösen Unternehmen nach oben gezogen. Da musste eine Aktiengesellschaft schon sehr schlechte Zahlen und einen miesen Ausblick präsentieren, um mit ihrem Börsenkurs unter die Räder zu kommen.

Das dürfte sich ändern. Nicht der gesamte Markt wird in den nächsten Monaten zulegen, wahrscheinlich aber einzelne Aktien, hinter denen Unternehmen mit einer erfreulichen Gewinnentwicklung und einer offensiven Dividendenpolitik stehen. Und die gibt es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Euro-Ländern, mit deren konjunktureller Performance es ansonsten nicht eben zum Besten steht. Auf den Empfehlungslisten stehen zum Beispiel die Papiere des französischen Pharmakonzerns Sanofi und der ebenfalls französischen Energieriesen Total und GDF Suez.

Gewinnen Renault-Aktien an Tempo?

Wenig beachtet von einer breiteren Öffentlichkeit kam sogar der angeschlagene französische Automobilkonzern Renault wieder auf Touren. Im vergangenen Oktober steigerte das Unternehmen seinen Absatz in Europa um 13,3 Prozent. Nur Skoda, Seat und Toyota legten  stärker zu. Optimistisch stimmt Analysten zudem, dass der Autobauer nun auch auf den Märkten außerhalb Europas präsenter ist. Noch vor zwei Jahren verkaufte Renault jedes zweite Auto innerhalb der EU.

Im krisengeplagten Italien sind die Bank Intesa Sanpaolo, der Vermögensverwalter Banca Generali, der Spirituosenkonzern Campari Group und Industria Macchine Automatiche  interessant. Banca Generali gönnt ihren Aktionären eine Dividende von beachtlichen 4,7 Prozent des Aktienkurses. In Deutschland blicken die Anleger unter anderem auf die Aktien von VW, Deutsche Post, Deutsche Börse und BASF, außerhalb der Euro-Zone sind als attraktive Dividendenpapiere vor allem die Aktien des britischen Pharmakonzerns GlaxoSmithKline und des britisch-schwedischen Konkurrenten AstraZeneca zu nennen.

Doch wie gesagt: Im neuen Jahr sind an den Börsen angesichts vorübergehender Rückschläge wieder stärkere Nerven gefragt. Die Volkswirte der Landesbank Hessen-Thüringen halten sogar einen Einbruch beim Dax von bis zu 1000 Zählern für möglich.

 

Bild: La Liana/www.pixelio.de

Über BRÜCKNER, Michael

BRÜCKNER, Michael
Michael Brückner ist freier Finanzjournalist und Buchautor mit Sitz in Ingelheim und Lindau. Vor seiner Selbstständigkeit ab dem Jahr 1995 war Brückner zunächst Tageszeitungsredakteur, später Redaktionsleiter des Magazins "Europa".

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