Samstag, 4. Juli 2020
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Greiner Holding AG: Vom Korkenproduzenten zum Global Player

Ähnlich wie der Nokia-Konzern, der den Wandel vom Gummistiefelerzeuger zum Handyhersteller schaffte, vollzog die Greiner-Gruppe mit Sitz Kremsmünster den Aufstieg von einer kleinen Korkenproduktion zum Global Player in der Kunststoff-Branche. Flaggschiff der Oberösterreicher ist die auf Probenentnahmesysteme und Laboranalytik spezialisierte Firma Greiner Bio-One.

[[image1]]Alles begann im Jahr 1963 mit der Vorstellung der ersten Petrischalen aus Kunststoff und der Gründung der Greiner Labortechnik. Bis zur Entwicklung des weltweit ersten Vakuum- Blutentnahmesystems aus Kunststoff 1995 und der Firmengründung sechs Jahre später war es aber noch ein weiter Weg. Seither geht es mit dem Unternehmen, das mit rund 1700 Mitarbeitern in mehr als 100 Ländern vertreten ist, steil bergauf.

Vorstandsvorsitzender Dipl. Betriebsw. (DH) Axel Kühner So war die Greiner-Bio-One im Vorjahr mit einem Umsatzplus von 15 Prozent auf 363 Millionen Euro der Wachstumstreiber in der Gruppe, die mit insgesamt 8133 Mitarbeitern um sechs Prozent auf 940 Millionen Euro zulegen konnte. Erstmals wurde mehr als die Hälfte des Umsatzes außerhalb von Europa erwirtschaftet, während bei der Holding 95 Prozent der Erlöse vom Heimatkontinent kamen. „Diese Internationalisierungsstrategie ist ein Teil des Erfolges“, betont Vorstandsvorsitzender Axel Kühner (siehe untenstehendes Interview).
So ging Greiner Bio-One 2011 ein 51-Prozent Joint-Venture mit dem bisherigen Vertriebspartner in China ein, 2012 folgte ein Joint-Venture in Indien, und auf die hohe Nachfrage nach Medizinprodukten in Nordamerika reagierte das Unternehmen mit der Verdoppelung der Produktionskapazitäten in den USA.

Investitionen werden aus Cash-Flow finanziert

Von einem Börsegang zur Finanzierung des Wachstums und der Internationalisierung, wie ursprünglich angedacht, ist heute keine Rede mehr. Greiner Bio-One – die Familie ist zu 88,84 Prozent, die Holding zu 11.16 Prozent beteiligt – hat sich nämlich seit der Firmengründung so gut entwickelt, dass die Investitionen aus dem Cash-Flow bezahlt werden können. Allein im vergangenen Jahr flossen 33 Millionen Euro in den Ausbau der Vertriebs-, Logistik- und Produktionskapazitäten.

Neben der konsequenten Internationalisierungsstrategie sind vor allem die Innovationen für den Geschäftserfolg ausschlaggebend. So reinvestiert die High-Tech-Firma jährlich einen „beträchtlichen“ Betrag – konkrete Zahlen wollte Kühner nicht nennen – in den Bereich Forschung und Entwicklung. Anwender und Patienten profitieren von Produktinnovationen wie dem bruchsicheren Vacuette-System, das die Blutentnahme sicherer gemacht hat. Konkret konnte das Infektionsrisiko drastisch gesenkt werden.

Hervorzuheben ist auch der DNA-Biochip PapilloChek, mit dessen Hilfe Gebärmutterhalskrebs frühzeitig erkannt, die unterschiedlichen Virustypen verlässlich bestimmt und eine bessere Risikoabschätzung für die Patientin gewährleistet werden kann. Weiters vereinfacht das SCS Speichelentnahme- und Quantifizierungssysstem überall dort die Probenentnahme, wo es darum geht, rasch vor Ort und ohne spezielle Fachkenntnis Probenmaterial für Tests zu gewinnen. Dieses System eignet sich beispielsweise ausgezeichnet für Drogentests. Last but not least kam heuer im Zuge des Pferdefleisch-Skandals das seit 2004 von Greiner Bio-One angebotene CarnoCheck DNA-Testkit in mehreren Ländern zum Einsatz, um Pferdefleisch in Lebensmitteln nachzuweisen.

Das Management hat sich zum Ziel gesetzt, das Unternehmen, das in einigen Regionen die Marktführerschaft erlangt hat, künftig vom Lieferanten für Probenentnahmesysteme und Laboranalytik hin zu einem Anbieter für innovative Sicherheitslösungen zu entwickeln, der gleichzeitig als Know-how-Partner für die Pharma-, Diagnosik- und Biotech-Industrie fungiert.

Welchen Anteil hat Forschung & Entwicklung am Geschäftserfolg von Greiner Bio-One?

Wir sind ein sehr innovationsstarkes Unternehmen. Die Entwicklung neuer Produkte ist bei Greiner Bio-One von großer Bedeutung und hat einen hohen Anteil am Geschäftserfolg.

Wie wichtig sind für das Unternehmen Innovationen und neue Produkte?

Sehr wichtig. Wir arbeiten ständig an neuen Lösungen, von denen die Anwender (Ärzte, Pflegepersonal) und Patienten profitieren. Mit dem bruchsicheren VACUETTE®-System haben wir beispielsweise die Blutentnahme sicherer gemacht, das Infektionsrisiko durch Nadelstichverletzungen konnte drastisch verringert werden. Neben der Sicherheit spielt im Gesundheitswesen die Effizienz eine immer wichtigere Rolle. Gemeinsam mit unseren Kunden entwickeln wir auch in diesem Bereich neue, innovative Produkte.

Ist es schwierig, in Österreich  geeignete Mitarbeiter für Forschung & Entwicklung zu bekommen?

Wir sind in der glücklichen Lage noch ausreichend Fachkräfte für unser Unternehmen zu gewinnen – auch an unseren Standorten abseits der Zentralräume, etwa in Rainbach bei Freistadt. Dort beschäftigen wir neben Österreichern auch Forscher verschiedenster Nationalitäten. Wir wissen jedoch, dass der Wettbewerb um die besten Köpfe zunehmend stärker wird. Deshalb legen wir einen Fokus auf die Zufriedenheit und optimale Arbeitsbedingungen für unsere Beschäftigten, um auch in Zukunft hochqualifizierte Mitarbeiter für Greiner zu gewinnen.

Linz bemüht sich um eine Med-Uni. Würde Ihnen das entgegenkommen?

Ich begrüße die Einrichtung einer Med-Uni in Linz, da dadurch das Studienangebot erweitert wird und sie der Attraktivität der Region als Forschungs- und Innovationsstandort zu Gute kommt.

Greiner Bio-One ist bereits  in mehr als 100 Ländern tätig. Gibt es noch weiße Flecken, die man besetzen will?

Unser strategisches Ziel ist das ertragsorientierte Wachstum. Rund 50 % unseres Umsatzes erwirtschaften wir Europa, 23% in Asien und 19% in Nordamerika. Die Internationalisierungsstrategie ist Teil unseres Erfolges.

Wird das Unternehmen das starke Wachstum der letzten Jahr fortsetzen können?

Ja, das Unternehmen wird das Wachstum aus heutiger Sicht fortsetzen können. Wir setzen auf Innovation und auf die Erschließung neuer Märkte.

Vor einigen Jahren wurde ein Börsegang angedacht, aber dann wieder verworfen. Könnte ein solcher bei einer guten Verfassung der Aktienmärkte wieder aktuell werden?

Das ist derzeit kein Thema für uns. Der Börsegang war angedacht, um eventuell das Wachstum über den Kapitalmarkt zu finanzieren. Seit ihrer Gründung hat sich die Greiner Bio-One so gut entwickelt, dass wir unsere Investitionen gut es dem Cash-Flow bezahlen können.

Nicht nur in Österreich wird im Gesundheitssystem gespart. Inwieweit betrifft diese Entwicklung Ihr Unternehmen?

Qualitativ hochwertige Kunststoffprodukte sind in der heutigen Zeit aus dem Gesundheitswesen nicht mehr wegzudenken. Eine Operation ist heute ohne Verwendung von Kunststoff praktisch unmöglich. Daher sehen wir weiterhin eine positive Entwicklung in unserem Segment.

Hat sich die Schuldenkrise in der EU und damit zusammenhängend die schwache wirtschaftliche Entwicklung in den vergangenen Jahren auf die Geschäftstätigkeit von Greiner Bio-One ausgewirkt?

Im Geschäftsjahr 2012 konnten wir im Vergleich zur Weltwirtschaft mit 15% Umsatzwachstum überdurchschnittlich wachsen. Damit setzte Greiner Bio-One ihr Wachstum weiter fort.

Befürchten Sie, dass es angesichts der jüngsten Probleme in Zypern und anderer schwächelnder EU-Staaten neuerlich zu einer Kreditklemme kommen könnte?

Für 2013 gehen wir von einem leicht verbesserten konjunkturellen Umfeld aus.

Könnte die geplante Finanztransaktionssteuer in elf EU-Ländern negative Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben?

Alles, was die Finanzmärkte stabilisiert ist derzeit hilfreich. Aber es braucht hier ganz sicher eine konzertierte Aktion und keine Alleingänge.

Begrüßen Sie die Erweiterung der EU um Kroatien vielleicht später auch um Serbien?

Wir sind seit einiger Zeit mit einem Standort in Serbien vertreten. 2012 ist ein weiterer hinzu gekommen. Ein EU-Beitritt würde uns hier sicherlich zu Gute kommen. Andererseits bin ich der Meinung, dass in der aktuellen Situation der EU weitere Beitritte sorgfältig überlegt werden sollten.

Was wünschen Sie sich von der öffentlichen Hand bzw. der EU in Sachen Forschungsförderung?

Wir haben gute Erfahrungen mit der öffentlichen Hand hinsichtlich der Forschungsförderung. Ich wünsche mir, dass das so bleibt.
 

Über WERNITZNIG, Heinz

WERNITZNIG, Heinz
EU-Infothek: Interviews Heinz Wernitznig studierte Kommunikationswissenschaft und ist heute Redakteur beim Neuen Volksblatt in Linz, Ressort Chronik.

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