Sonntag, 16. Dezember 2018
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Für die Werte Europas

Klaudyna Droske ist baff. Die E-Mail, die sie am 11. April 2016 um 19.31 Uhr erreicht, muss wohl irrtümlich in ihrem Postfach gelandet sein, glaubt sie. Absender ist Ute Wroblewski von der Senatskanzlei Berlin. Betreff: Herzlichen Glückwunsch zur Nominierung für den Europapreis „Blauer Bär“ 2016, Festakt am Montag, den 9. Mai 2016.

Ulrich Droske kommt nach Hause. Seine Frau zeigt ihm das Schreiben: „Sehr geehrte Frau Droske, zum zweiten Mal verleihen das Land Berlin und die Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland den Europapreis „Blauer Bär“. Im Namen der Berliner Europabeauftragten, Frau Staatssekretärin Hella Dunger-Löper, freue ich mich Ihnen mitteilen zu können, dass der Verein Deutsch-Polnisches Hilfswerk e.V. für diesen Europapreis 2016 nominiert wurde.“
„Wir haben die Mail zwei-, dreimal gelesen, ob sich vielleicht doch jemand geirrt hat“, sagt Klaudyna Droske.

Zu arm für ein Kind

2015 gründet das Ehepaar den Verein „Deutsch-Polnisches Hilfswerk“. Die Gründung ist das Ergebnis der bereits zwei Jahre zuvor gestarteten Aktion „I want to help“, mit der beide die gleichnamige Sammelaktion in Polen unterstützen, um Kindern in einem Heim in Szamotuły nahe Poznań das Weihnachtsfest mit Geschenken zu ermöglichen. Die hier untergebrachten Kinder werden von ihren Eltern nicht mehr gewollt oder ihre Eltern sind so arm, dass sie sich ihre Kinder nicht mehr „leisten“ können.

Für das Zusammenwachsen Europas

Die Aktivitäten des Deutsch-Polnischen Hilfswerks in Berlin, der daraus resultierende partnerschaftliche Austausch zwischen Polen und Deutschen sowie die Unterstützung von bedürftigen Kindern und Jugendlichen durch den Verein verfolgt auch die Berliner Europabeauftragte für den Bezirk Reinickendorf, Dr. Dagmar Klein. Klein ist es schließlich, die das Deutsch-Polnische Hilfswerk für die Nominierung für den „Blauen Bär“ 2016 vorschlägt. Mit der Auszeichnung werden beispielhafte Berliner Initiativen, Projekte und Personen gewürdigt, die mit ihrem überwiegend ehrenamtlichen Engagement in unterschiedlichen Gesellschafts- und Politikbereichen zum Zusammenwachsen Europas und seiner Menschen beitragen und sich für die gemeinsamen europäischen Überzeugungen einsetzen. Die Nominierungen erfolgen durch die Mitglieder im Berliner Netzwerk Europa, den bezirklichen Europabeauftragten und den EU-Referenten in den Senatsverwaltungen.

Europäische Werte nicht grundsätzlich infrage stellen

Beim Festakt im Berliner Rathaus – nicht wie angekündigt in Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller (SPD) – werden zunächst die 21 Nominierten vorgestellt und für ihr beispielhaftes Engagement öffentlich gewürdigt. Die Berliner Europabeauftragte, Staatssekretärin Hella Dunger-Löper, wirbt vor der Verleihung noch einmal für die Europäische Union: „Europa steckt in der größten Krise seiner Geschichte. Mehr denn je brauchen wir jetzt engagierte Menschen mit Leidenschaft, Ideen und Mut, die sich in allen Gesellschafts- und Politikbereichen für die europäische Idee einsetzen. Dieses Engagement ist nicht selbstverständlich und sollte regelmäßig und öffentlich gewürdigt werden. Mir ist es eine große Ehre und Freude, diese Auszeichnung im Rahmen der jährlichen Europawoche zusammen mit der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland vornehmen zu dürfen.“
Richard Kühnel erinnert daran, dass der 9. Mai der Europatag ist und auf die Wurzeln der Europäischen Union zurückgeht. „Es gilt, die europäischen Werte zu festigen und die Nationen miteinander zu verbinden, und nicht, diese Werte grundsätzlich infrage zu stellen. Etwas Gemeinsames zu schaffen und Geschichten miteinander zu teilen ist wichtig. Die hier Nominierten sind ein Teil im Bemühen um Europa.“ Kühnel ist österreichischer EU-Beamter. Seit 2008 ist er der Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich. Am 1. Juni 2014 hat er außerdem die Leitung der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland übernommen.

Die diesjährigen Preisträger der „Blauen Bären“

Die Preisträger der drei Bären-Trophäen – die Preisfigur ist eine für diesen Zweck kreierte Variante aus der Buddy-Bären-Reihe und wurde 2015 und 2016 von Dr. Klaus Herlitz und dessen Frau Eva Herlitz gestiftet – sind in diesem Jahr:

Platz 1: Das Team des Basketballvereins BC Lions Moabit 21 e.V.
Für die Organisation und Durchführung von länderübergreifenden Projekten im Jugendbereich, vor allem aber für die Ausrichtung des „International Eastercup Berlin-Moabit“ geht der erste Platz an die BC Lions Moabit 21. Bei dem genannten Eastercup handelt es sich um ein jährliches Sportevent mit über tausend Teilnehmern aus 25 Nationen, das zum Verständnis und Miteinander über alle nationalen, ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschiede hinweg beiträgt.

Platz 2: Mathias Hamann
Mathias Hamann ist Leiter einer Notunterkunft für Flüchtlinge in Berlin-Moabit und unter anderem im Rahmen des Projekts „Europa Verstehen“ als Seminartrainer und im Peer-Projekt zur Europäischen Asyl- und Flüchtlingspolitik als Alumni tätig. Er organisiert Besuche in Flüchtlingseinrichtungen, bindet Betroffene in Diskussionen und Projekte ein und stellt seine Expertise bei diesem Thema unentgeltlich zur Verfügung.

Platz 3: Das Team der Lokalredaktion „Cafébabel“
Die Lokalredaktion dieses mehrsprachigen Mitmach-Magazins trägt dazu bei, eine europäische, öffentliche Meinung zu schaffen und gibt jungen Europäern die Möglichkeit, sich über „Europa im wahren Leben“ und Themen, mit denen sich junge Digital Natives in Europa identifizieren, auszutauschen.

Zusätzlich zum „Blauen Bär“ erhalten die Sieger ein zweckgebundenes Preisgeld. Der erste Platz erhält eine Prämie von 1000 Euro, die beiden anderen jeweils 500 Euro.

Mit dem Ehrenbär wird Gerhard Kapito (Jahrgang 1926) für seinen jahrzehntelangen Einsatz zur Vertiefung und Festigung der deutsch-französischen Freundschaft, unter anderem als Mitglied der Jumelage Postal beziehungsweise Jumeleges Européens, als Mitglied der Deutsch-Französischen Gesellschaft Berlin e.V. sowie als Präsident der Gesellschaft für internationale Beziehungen Berlin e.V. gewürdigt. Gerhard Kapito engagiert sich seit mittlerweile 70 Jahren mit unermüdlichem Enthusiasmus und wirbt für die europäische Idee.

Die Finanzierung weiterer Projekte ist gesichert

„Es wäre schön gewesen, zu den Preisträgern zu gehören. Das Geld könnten wir für die Kinder gut verwenden. Enttäuschung ist nicht da, denn die Nominierung ist uns sehr wichtig und sie macht uns sehr stolz. Wir haben ja nicht damit gerechnet, überhaupt für diesen Preis nominiert zu werden“, sagt Klaudyna Droske. Ihr Mann Ulrich erzählt später, dass im Berliner Bezirk Reinickendorf, in dem der Verein seinen Sitz hat, die Nominierung des Deutsch-Polnischen Hilfswerkes „ein Stück weit untergegangen“ ist. „Viele wussten nicht, dass es diese Auszeichnung gibt. Aber wir haben die Neuigkeit über unsere Kanäle und die sozialen Netzwerke gestreut.“
So viel Bescheidenheit wird belohnt: Noch im Mai wird bekannt, dass der Verein Mittel in Höhe von rund 50.000 Euro für zwei Projekte gewonnen hat, die durch das „Quartiersmanagement Letteplatz“ ausgeschrieben waren. Mit dem Geld ist nun bis 2018 die Finanzierung eines Lesepaten-Projektes im Lette-Kiez gesichert. Außerdem wird das Projekt „Näh-Kreis“ fortgesetzt, bei dem international genäht und deutsch gesprochen wird. Auf diese Weise soll Migranten das Erlernen der deutschen Sprache erleichtert werden. 

Eine Auszeit vom Alltag

Erst am Wochenende vor der Preisverleihung besuchen fünf Jungen aus dem Kinderheim in Szamotuły für drei Tage Berlin. Das Deutsch-Polnische Hilfswerk hat mit Hilfe verschiedener Sponsoren den Austausch möglich gemacht und den Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren eine Auszeit vom Alltag beschert. „Voraussetzung war, so wollten es die Schwestern des Kinderheimes, dass die Reise eine Belohnung für diejenigen ist, die besonders gut in der Schule sind“, erklärt Klaudyna Droske die Auswahl.
Überwältigend ist für die jungen Polen vor allem der Besuch des Bundestages. Richtig viel Freude haben sie allerdings beim Fußballspiel Hertha BSC gegen Darmstadt 98 im Berliner Olympiastadion (bei dem sie wie selbstverständlich für die Berliner Mannschaft jubeln, auch wenn die am Ende verliert). Die Größe des Stadions beeindruckt sie, in Polen sind Sportstadien viel kleiner. Dann sind die vielen begeisterten Fans des fast ausverkauften Spiels ein Erlebnis, das nur noch geschmacklich durch eine Currywurst vor Ort getoppt wird.
Es entstehen neue Freundschaften, denn das Wochenende verbringen die jungen Leute mit vier gleichaltrigen Jungen und zwei Mädchen aus dem Reinickendorfer Kinderheim des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerkes. Die sprachliche Verständigung klappt dank des Dolmetschers Waldemar Maluski, später auch mit Händen und Füßen. Man versteht sich auch so.

Das Kind teilt sein Geld mit einem Bettler

Für Rührung sorgt schließlich der zwölfjährige Bartek. Ulrich Droske: „Unser Vereinsmitglied Henry Göritz hat jedem Kind einen Umschlag mit fünf Euro und Schokolade in die Hand gedrückt. Bartek hat sich ein paar kleine Souvenirs gekauft und den Rest einem hungrigen Bettler auf der Straße in die Hand gelegt. Das hat Henry so beeindruckt, dass er für Bartek eine Patenschaft übernommen hat und ihm monatlich 20 Euro überweist.“ Blauer-Bär-verdächtig! 

Übrigens erreichte auch die Autorin dieses Artikels am 11. April 2016 eine überraschende E-Mail: „Liebe Simone, mit dieser E-Mail wollen wir uns bei Dir ganz herzlich für Deine Unterstützung bedanken, die wir seit Beginn unseres Projektes für die Kinder aus Polen erfahren haben. Vieles wäre ohne Dich nicht möglich gewesen. Gerne würden wir Dich deshalb zur Verleihung des Europapreises „Blauer Bär“ einladen, für welchen unser Verein nominiert wurde. Über Deine Anwesenheit würden wir uns sehr freuen. Herzliche Grüße, auch von Uli, Klaudyna“

Über BISCHOF, Simone

BISCHOF, Simone
Simone Bischof arbeitet seit 1996 als Journalistin für Print- und Onlinemedien. 2011 bis 2015 Vorsitzende des Fachausschusses Europa des Journalistenverbandes Berlin-Brandenburg. Ihre Schwerpunkte sind lokalpolitische, sozialpolitische und kulturelle Themen in Berlin, sowie Israel und die Palästinensischen Autonomiegebiete. Sie studierte in Potsdam Literaturwissenschaft, Polonistik und Psychologie und hat eine Vorliebe für unkonventionell geführte Interviews.

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