Dienstag, 26. Mai 2020
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FARKAS & WALDBRUNN: Die Bilanz der Union

Die einstigen Großmeister des Kabaretts „Simpl“ machen sich über die Europäische Union so ihre Gedanken und erörtern, was für und was gegen Brüssel spricht. Dank der Weisheit ihres Alters schaffen sie letztlich die Synthese aus EUphorie und EU-
Phobie. Schauen Sie sich das an…

Ernst Waldbrunn: Grüß Sie Herr Farkas, was ich Sie schon immer fragen wollte: Sind Sie für oder gegen die EU?

Karl Farkas: Tag, Herr Waldbrunn…ich bin gegen alle, die dafür sind, dass wir dagegen sein sollen…

Waldbrunn: Ah‘so, das verstehe ich nicht ganz…

Farkas: Ich sage Ja zu jenen, die Nein zu Nein zu Brüssel sagen…und Nein zu denen, die für ein Nein zu Ja sind…

Waldbrunn: Jetzt hab‘ ich einen geistigen Ohnmachtsanfall…

Farkas: Ist egal, Sie müssen ja nicht alles verstehen…und wie stehen Sie zum Euro?

Waldbrunn: Auf den Euro steh‘ ich gar nicht…der Schilling war mir lieber…

Farkas: Aber ist es nicht super, wenn Sie in Italien keine Lira, in Deutschland keine D-Mark oder in Frankreich keine Francs mehr brauchen…

Waldbrunn: Das habe ich alles nie gebraucht, weil ich solche Länder immer gemieden habe…in Österreich…stelle fest…habe ich immer zu wenig Euro…der ist also Schuld, dass alles schrecklich teuer geworden ist…

Farkas: Das wäre auch mit dem Schilling passiert…

Waldbrunn: Nein, der Schilling war besser als der Euro…

Farkas: Unsere Gemeinschaftswährung…

Waldbrunn: …sagen Sie besser: unsere Gemeinheitswährung…

Farkas: Warum?

Waldbrunn: Weil früher hat eine Leberkässemmel vier Schilling gekostet, heute kostet sie fast vier Euro…und früher habe ich 400 Schilling Miete bezahlt…heute zahle ich 400 Euro…und das ist eine Gemeinheit…hören‘S mir mit dem Euro auf…der hat uns alle arm gemacht…

Farkas: So ein Unsinn…

Waldbrunn: Reden wir von was anderem…wozu brauchen Sie eigentlich die Europäische Union?…

Farkas: Ich bin überzeugter Europäer…und im Gegensatz zu Ihnen weiß ich, was ich von der EU habe…

Waldbrunn: Sie haben was von der EU?…ich profitiere gar nicht von denen…die haben mir noch niemals auch nur zehn Euro überwiesen… nicht einmal zum Geburtstag gratulieren sie mir…aber ich bin ihnen nicht böse…weil ich kenne niemanden, der etwas von der EU hat…Sie sind der Einzige…

Farkas: Denken Sie an Schengen und den Reiseverkehr…Sie können in 25 europäischen Ländern ohne Kontrolle einreisen…

Waldbrunn: Ich fahre jedes Jahr nach Gallspach auf Urlaub…auf einen alten Bauernhof…dazu brauche ich die EU nicht…

Farkas: Ignorieren Sie bitt‘schön nicht die Personenverkehrsfreiheit… Sie könnten in jedem Mitgliedsstaat wohnen und arbeiten…

Waldbrunn: Na wegen der EU werde ich nach Portugal übersiedeln… daheim in Ottakring fühle ich mich sehr wohl…

Farkas: Sie haben nicht zuletzt die Möglichkeit dank der Liberalisierung des Kapitalverkehrs Ihre Ersparnisse oder Wertpapiere  von Ottakring in die anderen Mitgliedsländer zu transferieren…

Waldbrunn: Ich habe leider keine Ersparnisse…und wenn ich welche hätte dann würde ich sie sicher nicht nach Griechenland schicken…

Farkas: Ich gebe auf…für Leute wie Sie ist die  Europäische Union wirklich nicht geschaffen worden…

Waldbrunn: Nicht bös‘ sein, aber ich bin weder ein Großindustrieller noch ein Banker, kein Lobbyist und nicht einmal ein Landwirt…ich bin nur der kleine Waldbrunn…

Farkas: Sie haben aber schon mitgekriegt, dass die EU ganz wichtige Dinge regelt…

Waldbrunn: Ja sicher, nach dem Motto: Je nebensächlicher, umso besser…die Krümmung von Gurken…

Farkas: …ein altes, dummes Klischée…

Waldbrunn: Klischées sind immer alt…okay…anderes Beispiel: die Diskriminierung ausländischer Skilehrer in Tirol…

Farkas: Ja okay…aber Brüssel hat doch auch Mammutprobleme gelöst…die Finanzkrise, die Banken-Krise, die Griechenland-Krise…

Waldbrunn: Nur aus der eigenen Krise kommt die EU nicht raus…

Farkas: Sie sind ein notorischer Schwarzseher…

Waldbrunn: Aber ein notorischer Rotwähler…und ich weiß genau, dass es  die Europäische Union nur deshalb gibt, damit keiner unserer Politiker mehr an allen Problemen Schuld sein muss… 

Farkas: Da ist ein Funken Wahrheit dran…

Waldbrunn: Na sehen Sie…und ich prophezeie Ihnen, dass es die EU bald nicht mehr geben wird…so wie Großbritannien werden auch andere Länder bald austreten…

Farkas: Vollkommener Unsinn…schauen Sie, in Wahrheit ist es so: Einige Länder, die drin sind, wollen raus, aber etliche andere, die draussen sind, wollen rein… 

Waldbrunn: Warum wollen die alle raus und rein?

Farkas: Na die einen sind so ang‘fressen, und die anderen so geldhungrig…

Waldbrunn: Wegen der Subventionen…die machen mich auch wütend…was haben wir beide davon, wenn polnische Landwirte großzügig gefördert werden?

Farkas: Das ist so: Die Mitgliedsländer zahlen alle ein…und aus dem Budgettopf finanziert Brüssel dann die armen Bauern… unterentwickelte Regionen…und weiß Gott noch was…

Waldbrunn: Das könnte jedes Land für sich machen…dazu brauchen wir keine EU…

Farkas: Eben nicht…es gibt starke Länder, die mehr einzahlen als sie bekommen…die so genannten Nettozahler…und dann gibt es wirtschaftlich schwache Staaten, die mehr kriegen als sie blechen…

Waldbrunn: Aha, so ist das…ich bin in meiner Familie auch der Nettozahler…mein Gehalt geht für meine Frau und meine Kinder drauf…mir bleibt der Rest…also gar nix…

Farkas: Jetzt stellen Sie sich einmal folgendes vor: Sie würden wie auch andere Familienväter ihr Gehalt an eine gemeinsame Kasse abliefern…das wird dann alles gerecht aufgeteilt…und weil dort einige einzahlen, die mehr als Sie verdienen würden Sie mehr bekommen als derzeit…

Waldbrunn: Genial…würde ich sofort machen…

Farkas: Na sehen Sie…und so ist das auch bei vielen ärmeren Staaten…

Waldbrunn: Welche wollen denn abcashen…also unbedingt der EU beitreten?

Farkas: Serbien hat die Mitgliedschaft bereits vor sieben Jahren beantragt…Bosnien-Herzegovina will aufgenommen werden… Mazedonien und Montenegro träumen von der Staatengemein-schaft…und auch Albanien wäre liebend gerne ein EU-Land…

Waldbrunn: Und was hätten wir von denen?

Farkas: Europa wäre noch stärker, noch mächtiger, noch reicher…

Waldbrunn: Das können Sie nicht ernsthaft meinen…vielleicht würden die Bauern in diesen Ländern reich werden…wegen der EU-Subventionen…

Farkas: Sie sehen das schon wieder zu eng…schließlich wird sich Europa in Zukunft gegen Giganten wie China und Indien behaupten müssen…

Waldbrunn: Na dann nehmen wir die halt auch noch auf…

Farkas: Die EU ist ein europäisches Friedensprojekt…da hat China keine Chance…

Waldbrunn: Verstehe…na dann schnappen wir uns eben die Türkei…

Farkas: Die ist ein Sonderfall…sie wurde von der EU schon so lange papierlt, dass sie von Brüssel nichts mehr wissen will…

Waldbrunn: Macht nichts…

Farkas: Wieso macht das nichts?

Waldbrunn: Weil die Türken eh‘ schon überall sind…die werden seit Jahrzehnten mit großem Erfolg exportiert…

Farkas: Das Problem Türkei besteht darin, dass ihr oberster Chef nur dann der EU beitreten würde, wenn er mindestens Kaiser von Europa werden könnte…der ist nämlich sehr machthungrig…

Waldbrunn: Wie das?…

Farkas: Er sperrt jeden ein, der gegen ihn ist…und beherrscht in diesem riesigen Land einfach alles…

Waldbrunn: Hören Sie auf…nicht möglich…

Farkas: Er duldet keinen neben sich…aber in Europa hätte er keine Chance…die Europäische Union hat nämlich schon längst einen Kommissionspräsidenten…

Waldbrunn: Von dem habe ich noch nichts gehört…

Farkas: Ja, komisch, Demokraten sind meistens unauffällig…nur Diktatoren reissen immer die Pappn auf…

Waldbrunn: Und der türkische Kara Mustafa ist ein Diktator?…

Farkas: Kann man so sagen…wenn er sich nur räuspert zittern schon alle…

Waldbrunn: Vielleicht sollte sich unser Kommissionspräsident öfters räuspern…damit in Europa endlich etwas weitergeht…

Farkas: Der ist im Grunde genommen machtlos…weil der Egoismus der Nationalstaaten zu stark ausgeprägt ist…

Waldbrunn: Das müssen Sie mir genauer erklären…

Farkas: Gerne…schauen Sie..wenn ein Verein 28 Mitglieder hat, die alle zum Beispiel Fitschigogerl spielen, was passiert dann?

Waldbrunn: Keine Ahnung…

Farkas: Na die spielen alle Fitschigogerl…

Waldbrunn: Ach so…was hat das mit der EU zu tun?

Farkas: Dort will jeder das machen, was ihm am liebsten ist…ich erkläre Ihnen das im übertragenen Sinn: der eine spielt Golf, der andere Tischtennis, der dritte Billard, der vierte Eishockey…und der Achtundzwanzigste bevorzugt Bergsteigen…

Waldbrunn: So ein sportlicher Verein ist die Europäische Union?

Farkas: Nein, das war nur im übertragenen Sinn gemeint…und heißt, dass sich die niemals auf eine gemeinsame Linie einigen können… jedem ist der Rock näher als das Hemd….

Waldbrunn: …im übertragenen Sinn…

Farkas: Genau…also jeder Mitgliedsstaat will für sich das Beste…

Waldbrunn: …na das Schlechteste werden die für sich nicht wollen…

Farkas: …und pfeift daher auf die Gemeinschaft…

Waldbrunn: Pfui, das gehört sich nicht…

Farkas: Daher mangelt es oft an einer gemeinsamen Strategie…um Probleme lösen zu können, die alle betreffen und die nur alle gemeinsam lösen können…

Waldbrunn: Aha, dann gibt‘s…halt im übertragenen Sinn…28 Lösungsvorschläge…

Farkas: Richtig, weil die Solidarität fehlt…und der Nationalismus zu stark ausgeprägt ist…

Waldbrunn:  Haben Sie bereits erwähnt…

Farkas: …und dann treffen sich die 28 Regierungschefs zwar ununterbrochen zu Sitzungen…aber finden dort keine einheitliche Linie…

Waldbrunn: …weshalb die EU andauernd zick-zack-fährt…

Farkas: Gut beobachtet…und weshalb nichts weiter geht…und der Kommissionspräsident in Brüssel…

Waldbrunn: …hat keine Macht und ist ergo dessen der Depperte…

Farkas: …deppert ist der gar nicht…

Waldbrunn: …sondern er kann nur nie was tun…ein Traumjob, sicher großzügist entlohnt…

Farkas: Das ist demagogisch…

Waldbrunn: Nein, das ist nur logisch…

Farkas: Nein,  demagogisch…

Waldbrunn: Was heißt das überhaupt?

Farkas: Ein Demagoge ist jemand, der andere aufhetzt oder aufwiegelt, also ein Volksverführer…

Waldbrunn: Ich bin ein höflicher Mensch und habe noch nie ein Volk verführt…aber Sie meinten wahrscheinlich den türkischen Diktator…

Farkas: Na egal…neben dem Kommissionspräsidenten gibt es noch sieben Vizepräsidenten…

Waldbrunn: Gleich sieben Stück?…dann ist der Präsident vermutlich nur geringfügig beschäftigt…

Farkas:  Aber wo…der arbeitet wie ein Büffel…

Waldbrunn: Dann werden halt seine sieben Stellvertreter nichts zu tun haben…

Farkas: Aber wo…die arbeiten ebenfalls wie Büffel…

Waldbrunn: Die EU wird von acht Büffeln regiert?

Farkas: Nicht nur…in Brüssel sind insgesamt 27 Kommissare am Werk…

Waldbrunn: Lauter Krimineser? 

Farkas: Aber wo…jeder dieser hochkarätigen Polit-Experten ist für einen speziellen Sachbereich zuständig…

Waldbrunn: Und jeder von denen wird großzügigst entlohnt…

Farkas: Nicht schon wieder…die kümmern sich sehr brav um zentrale Anliegen wie Sicherheit, Umweltschutz, Energie, Regionalpolitik, Forschung, Migration, die außenpolitischen Beziehungen…

Waldbrunn: Aber wenn die nicht eine tolle Gage kriegen, werden sie vermutlich auch nichts leisten…

Farkas: Die haben alle ihre hochkarätigen EU-Beamten zur Verfügung, die für die Arbeit zuständig sind…außerdem gibt es das EU-Parlament, wo sämtliche besonders wichtigen Entscheidungen getroffen werden…

Waldbrunn: Was Sie nicht sagen…und ist das besser als unser Parlament?…wozu brauchen wir in Wien überhaupt noch das so genannte Hohe Haus?…

Farkas: Das müssen Sie bitte sehr unsere Regierung fragen…ich weiß das leider nicht…

Waldbrunn: Sie wissen doch sonst immer alles…

Farkas: Na gut…es gibt sicher einige Eifersüchteleien zwischen EU-Mandataren und österreichischen Abgeordneten…weil die Vorgaben aus Brüssel in nationales Recht umgewandelt werden müssen…kurz und gut: In Brüssel werden die Weichen gestellt…und die nationalen Parlamente müssen dann auf den fahrenden Zug aufspringen…

Waldbrunn: Das muss schrecklich frustrierend sein…immer nur aufspringen…

Farkas: Aber bitte denken Sie einmal logisch: Die EU-Kommission ist doch für die übergeordnete einheitliche Planung zuständig…

Waldbrunn: Ach so, in Brüssel wird auch geplant…nicht nur Geld verteilt?

Farkas: Na selbstverständlich…nahezu alle Details unseres täglichen Lebens werden dort beschlossen…

Waldbrunn: Wann ich aufs Klo gehe entscheide ich immer noch selbst…

Farkas: So soll es auch sein…aber bei den TTIP-Verhandlungen mit den Amerikanern können Sie nicht mitreden…

Waldbrunn: Das hätte ich auch niemals vorgehabt…

Farkas: Da bin ich aber froh…weil das soll man den Experten überlassen…

Waldbrunn: Sagen Sie: Wenn die EU schon alles bestimmen will…löst sie dann auch alle unsere Probleme?

Farkas: Ich denke: viele, sehr viele…

Waldbrunn: Zum Beispiel die Flüchtlingsproblematik…

Farkas: Die Migrationskrise gerade nicht…diesbezüglich hat die EU sehr wenig weiter gebracht…weil sie von den Nationalstaaten ständig ausgebremst wurde…und nicht umsetzen konnte was sie alles an Vorschlägen erarbeitet hat…

Waldbrunn: Grauslich, grauslich, arme EU… 

Farkas: Schauen Sie…da gibt es folgendes Dilemma: Die Regierungschefs kommen zusammen, beschließen irgendetwas, dann fahren sie wieder nach Hause und machen dort genau das Gegenteil…

Waldbrunn: Das müssen Dilettonkeln sein…

Farkas: Was sind die?

Waldbrunn: T‘schuldigung, habe mich versprochen: Dilettanten habe ich gemeint…

Farkas: Und im Worst Case…

Waldbrunn: …was ist das schon wieder?…

Farkas: …im schlimmsten aller erdenklichen Fälle kann selbst eine dringend notwendige Beschlussfassung Jahre dauern…

Waldbrunn: …genau wie bei uns in Österreich…

Farkas: …oder es kommt bei manchen Problemen überhaupt nie zu einer Lösung…

Waldbrunn: …genau wie bei uns in Österreich…

Farkas: Ja schon, wir sind auch sehr langsam…aber wir sollten erkennen dass manche Fragen nicht mehr im Alleingang zu lösen sind..sondern nur auf europäischer Ebene…

Waldbrunn: Also exakt dort, wo die sitzen, die keine Macht haben…

Farkas: So kann man das nun auch wieder nicht formulieren…

Waldbrunn: Bitte machen Sie mich nicht fertig…geistig meine ich…

Farkas: Schauen Sie…Sie machen sich selbst fertig…weil Sie so viele Zweifel haben…

Waldbrunn: Ich sollte also weniger zweifeln…

Farkas: So ist es…und einfach an die Europäische Union glauben…weil um die kommen Sie ohnedies nicht herum…

Waldbrunn: Okay, das mach‘ ich…versprochen…und jeder der das nicht macht ist für mich ab heute ein Trottel…

 

Über MUZIK, Prof. Dr. Peter

MUZIK, Prof. Dr. Peter
EU-Infothek-Kolumne „EUrovisionen“ Prof. Dr. Peter Muzik ist langjähriger Wirtschaftspublizist („trend“, „WirtschaftsBlatt“, „Wiener Zeitung“) und Inhaber der auf Medienresonanzanalysen spezialisierten Agentur Public & Media.

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