Mittwoch, 11. Dezember 2019
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Eurozonebanken müssen weitere 3,2 Billionen Euro an Assets abbauen

Während Wirtschaftswachstum nach wie vor von zusätzlichen Krediten abhängt, bleibt das einzige Kreditsegment, wo es zu substantiellen neuen Kreditvergaben kommt, der Staatssektor.

[[image1]]Nachdem das anziehende Wirtschaftswachstum in der Eurozone und die niedrigsten Anleihezinsen für die südeuropäischen Staaten seit Ausbruch der Krise Hoffnung auf deren Überwindung machen, scheint das größte Problem immer weiter zu eskalieren: Die Unterkapitalisierung des europäischen Bankensektors. So hatte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) schon im April des Vorjahres Berechnungen veröffentlicht, die den Kapitalbedarf der Banken nach den neuen, schärferen Eigenkapitalregeln von Basel III mit 2,78 Billionen Euro beziffert hatte. Angesichts dieser kaum vorstellbaren und jedenfalls nicht beschaffbaren Summe war klar, dass der einzige Weg, mit dieser Zahl umzugehen, darin bestand, sie unter den Teppich zu kehren und zu hoffen, dass sie nie wieder hervor käme.

Deutsche Bank, Crédit Agricole und Barclays mit höchstem Kapitalbedarf

Jetzt hat sich die britische Royal Bank of Scotland dieses Themas angenommen und wiederum erschreckende Schätzungen präsentiert: So müssten alleine die größten europäischen Banken ihre Bilanzen bis 2018 um zusammen 661 Milliarden Euro reduzieren und 47 Milliarden Euro an zusätzlichem Eigenkapital auftreiben, wobei Deutsche Bank, Crédit Agricole und Barclays den größten Bedarf haben sollen. Kleinere Eurozonenbanken müssten bis dahin zusammen sogar Assets im Volumen von 2,6 Billionen Euro abschichten, womit klar ist, dass jedenfalls der private Konsum und der Sektor der kleinen und mittleren Unternehmen, für die nach Basel III besonders hohe Eigenkapitalanforderungen bestehen, bis auf weiteres nicht auf zusätzliche Kredite hoffen sollten.

Unternehmenskredite um 3,2 Prozent geschrumpft

Tatsächlich gingen laut Monthly Bulletin der EZB die Kredite an private Unternehmen außerhalb des Finanzsektors im Juni gegenüber dem Vorjahresstand um 3,2 Prozent und damit noch stärker zurück als im Mai, während auch die privaten Haushalte ihre Verschuldung nur im Bereich der Hypothekarkredite geringfügig ausweiten konnten (+0,8 Prozent) und die Konsumkredite sogar um 3,6 Prozent unter den Vorjahresstand abfielen. Die einzigen Bereiche, wo substantielles Kreditwachstum verzeichnet wurde, waren zuletzt jedenfalls die Kredite an Versicherungsunternehmen (die anscheinend Auszahlungen aufgrund der Großschäden im Frühjahr refinanzieren mussten) sowie die Kredite an Regierungen, die im Juni mit +2,8 Prozent aber immerhin etwas geringer zunahmen, als noch im Mai (+3,2%).

Bankbilanzen bei dreifachem Eurozonen-BIP

Obwohl die europäischen Bankbilanzen laut RBS seit Mai 2012 bereits rund 2,3 Billionen Euro abgeschichtet haben, erreicht ihre Bilanzsumme mit zusammen rund 32 Billionen Euro noch immer rund das Dreifache des Eurozonen-BIP, was nach wie vor auf eine massive Überschuldung der Eurozone schließen lässt. Noch dazu ist anzunehmen, dass die von der RBS genannten Zahlen auf eigenen Angaben der Banken beruhen, die wohl systematisch vom Interesse der Banken verzerrt werden, sich selbst bilanziell möglichst gesund darzustellen, da sie für die realistisch nötigen Abschreibungen oft nicht über ausreichendes Kapital verfügen.

Der europäische Rettungsfonds ESM, in dem gerade einmal 60 Milliarden Euro für die Banken vorgesehen sind, dürfte mit der anstehenden Rekapitalisierung des gesamten Finanzsektors jedenfalls bei weitem überfordert sein, während die Finanzmärkte Eigenkapital bislang jedenfalls nur zu Konditionen bereitgestellt haben, die für viele Banken nur in absoluten Ausnahmesituationen annehmbar waren. Mit anhaltend positivem Börsenklima könnte sich dies zwar noch durchaus ändern, nur spricht mittlerweile einiges dafür, dass nach vier Jahren starker Wall Street-Börsenhausse bald wieder ein oberer Wendepunkt erreicht wird und neuerlich nur die Nationalstaaten imstande sein könnten, ihre Banken mit dem nötigen Kapital auszustatten. Solange die Banken aber aus Kapitalmangel ihre Bilanzen reduzieren müssen – was aus Sicht der Verschuldung des Privatsektors ja durchaus wünschenswert wäre – werden sie ihre realwirtschaftlichen Kredite kaum ausbauen können, was auf Jahre hinaus jeglichen stärkeren Aufschwung in Europa unmöglich bzw. von den Staatsausgaben abhängig machen würde.

Da es aber wohl keine Regierung riskieren wird, neuerlich Milliardenbeträge an den Finanzsektor auszuschütten, werden die europäischen Regierungen wohl dafür sorgen, dass die Erfüllung der Kapitalanforderungen noch weiter in die Zukunft geschoben wird oder zumindest sichergestellt wird, dass die künftigen Prüfungen und „Stresstests“ der Aufsichtsbehörden so gestaltet werden, dass den Banken wenigstens eine realistische Bewertung ihrer Assets erspart bleibt.
 

Bild: N. Schmitz / pixelio.de/ © www.pixelio.de

Über SOMMER, Mag. Rainer †

SOMMER, Mag. Rainer †
Rainer Sommer war nach seinem Abschluss an der WU-Wien bei der Banca san Paulo in Turin und daraufhin als Wirtschaftsjournalist tätig. Er war der Verfasser des weltweit ersten Buches über die Subprime-Krise: „Die Subprime-Krise und ihre Folgen“, Heise Medien 2008.

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