Sonntag, 17. November 2019
Startseite / Allgemein / Europas private Schuldenberge

Europas private Schuldenberge

Die einen konsumieren ungebremst auf Pump, die anderen sitzen bereits auf hohen Schuldenbergen: Die extrem niedrigen Zinsen wirken verführerisch. Die europäische Staatsschuldenkrise hat in den vergangenen Jahren ein weiteres potenzielles Pulverfass in den Hintergrund treten lassen – die hohen Schulden im privaten Sektor.

[[image1]]Die anhaltende Niedrigzinspolitik führt zu einem ökonomisch höchst paradoxen Zustand: Auf die Dauer sparen sich die Bankkunden arm. Wenn Sparkassen und Banken Einlagen zum Teil nur noch mit 0,15 Prozent oder weniger verzinsen, die offizielle Inflationsrate aber bei 1,6 Prozent liegt, verlieren die Rücklagen mehr und mehr an Kaufkraft. Sprich: Man kann sich von seinen Rücklagen immer weniger leisten.

Wirtschaftlich betrachtet, macht Sparen derzeit keinen Sinn. Stattdessen war es nie günstiger, Schulden zu machen, was im Übrigen die niedrigen Zinsen bezwecken sollen: Billiges Geld belebt den kreditfinanzierten privaten Konsum. Die Ersparnisse der Europäer sinken gleichzeitig, weil die Menschen keine Lust haben, mit Minizinsen abgespeist zu werden, oder aber weil sie – wie in den Krisenstaaten Südeuropas – nach umfangreichen Kürzungen und Steuererhöhungen keine Reserven mehr haben, um sie auf die hohe Kante. Deutlich steigende private Schulden bei vergleichsweise geringen Ersparnissen – diese Problematik wird häufig unterschätzt. Wer von der europäischen Schuldenkrise spricht, denkt zunächst an die Schuldenberge der Staaten. Besonders prekär wird die Situation, wenn hohe Staatsschulden und hohe private Schulden zusammentreffen. Genau dies macht die Lage in Spanien und Portugal schwieriger als etwa in Italien, so die Staatsschulden zwar höher sind, die privaten Haushalte aber im Schnitt über ansehnliche Ersparnisse verfügen.

30 Prozent der Europäer ohne Rücklagen

Auch wenn es in der EU viele Regionen gibt, in denen das Sparen schon traditionsgemäß als eine der ersten Bürgerpflichten erscheint, so hält sich die Freude am Sparen für viele Europäer doch in Grenzen. Etwa 30 Prozent aller europäischen Haushalte verfügt über keine oder nur sehr geringe Ersparnisse, hat das Marktforschungsinstitut TNS im Auftrag einer führenden Direktbank festgestellt. Sogar in Deutschland hat fast jeder Dritte keine Rücklagen. Mehr Spardisziplin machten die Marktforscher in Österreich, den Niederlanden und in Luxemburg aus. Etwa jeder zweite Europäer wäre zudem nicht in der Lage, bei einer signifikanten Verschlechterung seiner Einkommensverhältnisse mindestens drei Monate von seinen Ersparnissen leben zu können.

Von „Angstsparen“ kann daher keine Rede sein. Vielmehr fließt viel Geld in den privaten Konsum, was in beträchtlichem Umfang zur robusten Konjunktur in Staaten wie Deutschland und Österreich beitrug. Konsumieren statt sparen, so lautet die Devise. Doch in Zeiten extrem niedriger Zinsen wird eben auch zunehmend auf Pump konsumiert. Bis zu einem gewissen Umfang erscheint dies unbedenklich, doch wenn die private Verschuldung außer Kontrolle gerät, entstehen unversehens Risiken, die über Jahre hinweg das Wachstum einer Volkswirtschaft bremsen können.

Und in der Tat sind die Angebote mitunter verführerisch. Das neue Auto, die modernste Unterhaltungselektronik, die extravagante Küche – einfach kaufen und mit übeerschaubaren Monatsraten abstottern bei 0,0 Prozent Zinsen! Da wird mancher Verbraucher schwach. Die Summe der allein in Deutschland ausgegebenen Ratenkredite macht aktuell fast 147 Milliarden Euro aus. Für das neue Auto werden nach Berechnungen der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung im Schnitt 14.060 Euro aufgenommen. Für neue Einrichtungsgegenstände verschulden sich die Verbraucher durchschnittlich mit 2.000 Euro und für Unterhaltungselektronik mit 800 Euro. Die Bereitschaft, für die Anschaffung von Tablet-Computer oder Flachbildfernseher Kredite aufzunehmen, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Der Kredit für’s neue Auto wird im Schnitt mit 50 Monatsraten abgestottert.

Laufen die Europäer – gestrieben von niedrigen Zinsen – in eine Schuldenfalle? Wenn die Angebote immer verlockender werden und immer mehr Konsumgüter auf Pump angeschafft werden, stimuliert dies zwar die Konjunktur, gleichzeitig wächst aber die Gefahr, dass die Verbraucher den Überblick verlieren. Noch stellt die private Verschuldung in Staaten wie Deutschland, Frankreich, Österreich und in den Benelux-Staaten kein wirkliches Problem dar, zumal sich die Zahl der Ausfälle in Grenzen hält. Problematisch erscheint indessen die Situation in manchen europäischen Krisenstaaten.

Gefährliche Kombination in den Krisenstaaten

So ist die Verschuldung des privaten Sektors in Portugal von unter 300 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2008 auf nunmehr über 350 Prozent gestiegen. Mit einem ähnlichen Zuwachs der privaten Schulden kämpft derzeit Slowenien. Zu den Euro-Ländern mit hochverschuldeten Privathaushalten gehören ferner Spanien, Irland und sogar die Niederländer. Spanien, Portugal, Irland und Zypern weisen nach Angaben der EU-Kommission überdies eine besonders schwierige Kombination von hoch verschuldeten Privathaushalten und hoch verschuldeten Unternehmen auf. Der Druck zur Schuldenreduzierung werde in Irland, den Niederlanden und auf Zypern am stärksten ausfallen, sagen die Brüsseler Volkswirte voraus. Und dies wiederum dürfte das Wirtschaftswachstum in diesen Staaten in den nächsten Jahren bremsen.

Wenn aber Staaten, private Haushalten, Unternehmen und Banken gleichzeitig versuchen, ihre Schulden zu senken, entsteht eine für das künftige Wirtschaftswachstum geradezu toxische Kombination. Da ist es zumindest beruhigend, dass die private Schuldenlast in den größten Ländern der EU vergleichsweise gering und de Konsumneigung hoch ist. Deutschland und Frankreich haben dadurch den Euro-Raum etwas stabilisiert.

 

Bild: GG-Berlin / pixelio.de/ © www.pixelio.de

Über BRÜCKNER, Michael

BRÜCKNER, Michael
Michael Brückner ist freier Finanzjournalist und Buchautor mit Sitz in Ingelheim und Lindau. Vor seiner Selbstständigkeit ab dem Jahr 1995 war Brückner zunächst Tageszeitungsredakteur, später Redaktionsleiter des Magazins "Europa".

Das könnte Sie auch interessieren

Hellas, Euro, Flüchtlinge: Soll Österreich zur EFTA zurück?

Europa ist zu schnell gewachsen, der Euro wurde zu früh und falsch eingeführt, die Völkerwanderung paralysiert den Kontinent. Kann die Wiederbelebung der EFTA den Karren aus dem Dreck ziehen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.