Freitag, 27. November 2020
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Europäische Krisenstaaten am Weg zu ausgeglichenen Leistungsbilanzen

Offiziell sind die „ökonomischen Ungleichgewichte“ innerhalb Europas nun zwar beseitigt, allerdings ist der Ausgleich weniger aufgrund struktureller Effizienzsteigerungen erfolgt, sondern weil diese Länder schlicht kein Geld für Importe hatten.

[[image1]]Die nackten Zahlen sind beeindruckend: So haben laut Raphael Auer, Ökonom bei der Schweizerischen Nationalbank Griechenland, Italien, Portugal und Spanien („GIPS“) ihre kombinierten Leistungsbilanzdefizite von fast 20 Prozent des BIP im Juli 2008 auf zuletzt gerade noch ein Prozent reduziert. Der Wert der von diesen Ländern aus dem Ausland bezogenen Güter und Dienstleistungen entspricht nun also annähernd ihren Lieferungen, wobei das Defizit 2008 annualisiert noch bei rund 200 Milliarden Euro gelegen hatte, das mit ausländischen Krediten finanziert werden musste.

Mittlerweile müssen kaum noch zwei Milliarden aufgebracht werden, so dass die Finanzierung der Realwirtschaft kein Problem darstellen sollte und auch die innereuropäischen Finanzierungssalden („TARGET“) dadurch nicht mehr belastet werden.

Diese Reduktionen sind Auer zufolge auch deutlich schneller abgelaufen, als im Schnitt bei früheren krisenbedingten Leistungsbilanzreduktionen. So erreichte Italien, das vor der Krise an Leistungsbilanzdefizite von zwei bis vier Prozent gewohnt war, bereits letzten Sommer wieder die Nulllinie, ebenso Spanien, dessen Defizit vor der Krise sogar zehn Prozent des BIP betragen hatte. Griechenland hat seinen Abgang von bis zu 15 Prozent inzwischen auf knapp ein Prozent reduziert, während Portugal von mehr als zehn Prozent auf weniger als zwei Prozent Minus herunter kam.

Leider können diese makroökonomischen Aggregate, deren Entwicklung aktuell mit zunehmendem Jubel begrüßt wird, aber nicht ganz so interpretiert werden, wie es die ökonomischen Lehrbücher nahelegen. Denn in der idealen ökonomischen Welt wäre der Abbau der Ungleichgewichte aufgrund einer Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit erfolgt, was dank der Einbindung in die Eurozone zudem nicht durch eine simple Abwertung der Landeswährung erfolgen konnte, sondern durch eine Senkung der inländischen Faktorpreise und durch die Verbesserung der Effizienz der heimischen Produktion. Wäre dies tatsächlich gelungen, würde sich die europäische Sparpolitik also gerade als richtig herausstellen, was sich allerdings erst wird zeigen müssen.

Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit kaum möglich

So waren die Lohnkürzungen vor allem in Griechenland und Portugal zwar tatsächlich erheblich, nur ist eher unwahrscheinlich, dass diese Kürzungen gerade in den erfolgreichen Exportbetrieben erfolgt sind. Viel mehr wurden vor allem die Gehälter im öffentlichen Dienst reduziert, während Kostensenkungen bei Infrastruktur, Energie und öffentlichen Gebühren in Griechenland ebenso wenig zu beobachten waren, wie in den anderen Krisenländern, viel mehr waren in allen Ländern Kostensteigerungen aufgrund höherer Steuern und Gebühren zu beobachten. Nicht zuletzt lagen seit Krisenausbruch die Investitionen der Unternehmen in allen Krisenstaaten deutlich unter den Abschreibungen, so dass nicht einmal die bestehenden Kapazitäten erhalten, geschweige denn neue, effizienzsteigernde Investitionen erfolgt sein können.

Reduktion durch Geldmangel erzwungen?

Da die Statistiken indes keinen Zweifel an den Entwicklungen offen lassen, drängt sich die Befürchtung auf, dass diese Reduktionen schlicht von Geldknappheit erzwungen wurden. So sind die Pharmaimporte Griechenlands in den letzten Jahren massiv zurückgegangen, offenbar weil die ausländischen Lieferanten überwiegend nur noch gegen Barzahlung liefern, so dass normal versicherte Kranke eine Versorgung selbst mit lebenswichtigen Medikamenten oft nur noch dann sichern können, wenn sie selbst dafür bar bezahlen.

Ein weiterer Blick in die Statistiken zeigt zudem, dass wesentliche Teile der Reduktionen mit dem Verzicht, oder auch nur dem Aufschieben von Auslandsreisen und dem Kauf ausländischer KFZ zu erklären sind, was kaum auf die allseits erhofften strukturellen Verbesserungen schließen lässt.

Über SOMMER, Mag. Rainer †

SOMMER, Mag. Rainer †
Rainer Sommer war nach seinem Abschluss an der WU-Wien bei der Banca san Paulo in Turin und daraufhin als Wirtschaftsjournalist tätig. Er war der Verfasser des weltweit ersten Buches über die Subprime-Krise: „Die Subprime-Krise und ihre Folgen“, Heise Medien 2008.

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