Sonntag, 20. Oktober 2019
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Europa oder Amerika: Wo gelingt sozialer Aufstieg eher?

Obwohl die Menschen in Kontinentaleuropa nicht an ihren persönlichen Aufstieg glauben, gelingt ihnen dieser häufiger als anderswo. Europas Pessimismus kostet Wachstum und Fortschritt – und er gefährdet das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft.

[[image1]]„Glauben Sie, dass Sie in den nächsten 12 Jahren wenigstens um eine Stufe (von fünf) aufsteigen werden?“, so die Frage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln im Jahr 1995[1]. Nur 20% glaubten an die ohnehin schon bescheidenen Ziele. Tatsächlich waren 2007 dann aber 41% aufgestiegen – alleine 55% aus der ärmsten Schicht.

Aufstieg von ganz unten

In Österreich und Deutschland glaubt man nicht so recht an den Aufstieg aus eigener Kraft. Dabei gelingt es in Deutschland – entgegen weit-„verbreiteter“ Meinung – sogar 5 Prozent der untersten Schicht, in nur 12 Jahren an die Spitze vorzustoßen. Und auch das Vorurteil, dass es sich „die da oben“ richten würden, stimmt nicht ganz; 5 Prozent aus dem obersten Fünftel mussten ihren Platz wieder mit einem an der Basis tauschen.

Aufstieg gelingt

Für Österreich belegen die Zahlen der Statistik Austria eindeutig: Von jenen Österreichern, die im Jahr 2000 zu den untersten zehn Prozent der Gehaltspyramide zählten, schafften drei Viertel bis 2011 einen finanziellen Aufstieg. Die Armen wurden also nicht ärmer – und nicht alle Reichen blieben reich.

Auch international gesehen ist die Aufstiegswahrscheinlichkeit selbst bei „Pessimismus-Weltmeistern“ wie Frankreich oder Deutschland nicht geringer als in Ländern wie den USA und Kanada („Vom Tellerwäscher zum Millionär“). 32,8% der Österreicher stiegen in 2 Jahren um eine Stufe auf – fast so viele wie in den USA (33,4%) – und bedeutend mehr als in Kanada (30,5%). Es ist also das gesellschaftliche Klima Europas, das die Menschen an sich zweifeln lässt.

Aufstieg mit „Beziehungen“?

Fragt man im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ die Bürger, was sie als die Quelle von Erfolg betrachten, dann werden die Unterschiede zu Europa deutlich[2]: Für 63% der Amerikaner resultiert Aufstieg vor allem aus harter Arbeit – für Deutsche nur zu 50%. Für Franzosen gar nur zu 37%. Dafür glauben nur 14% der Amerikaner, dass „Glück und Beziehungen“ ausschlaggebend für „Success“ wären. Bei Deutschen sind es 26%, bei Franzosen sogar 35%!

Führt Regulierung zu Pessimismus?

Vergleicht man den gefühlten „Aufstiegs-Pessimismus“ einer Gesellschaft mit ihrem ökonomischen Regulierungsgrad („IW Regulierungsindex[3]“), dann zeigt sich schnell: Je stärker ein Land staatlich reguliert ist, desto eher empfinden die Menschen Erfolg als „Dritten“ (und nicht der eigenen Kraft) geschuldet – etwa „Freunderln, Staat, Zufall oder Eltern. In England, Australien und den USA hält sich der Staat zurück, entsprechend stark ist das Bewusstsein der Menschen, dass man es aus seiner eigenen Kraft heraus „schaffen“ könne. Deutschland, Frankreich oder Österreich sind hoch reguliert – entsprechend skeptisch sind die Menschen.

Gute Aufstiegschancen haben traditionell Jungunternehmer. Kein Wunder, dass sich in optimistischen Gesellschaften wie den USA 6,5 Prozent der Bevölkerung selbstständig gemacht haben – während es in Deutschland oder Frankreich nicht einmal die Hälfte sind (D: 2,4%, F: 2,2%).

„Google“ statt „Attac+Co.“

Wer an den eigenen Aufstieg glaubt, der nimmt eine höhere Einkommens-Ungleichheit (wie in den USA) nicht als Bedrohung wahr, sondern als Chance, selber eines Tages davon zu profitieren. Folglich ist er eher bereit, in Forschung, Innovation und Unternehmertum zu investieren. Was letztendlich der gesamten Gesellschaft zugutekommt.

Fällt Europäern nicht auf, dass Firmen wie Google, Microsoft, Amazon und Facebook immer aus Amerika kommen – und nie aus der Union? Es sind aber diese Konzerne, die den Wohlstand für die nächste Generation erzeugen. Der einzige Erfindergeist, der in Europa zurzeit wächst, scheint jener sogenannter „Social Entrepreneure“ zu sein (die OMV sponsert einen entsprechenden Lehrstuhl an der WU Wien). Dabei spezialisieren sich – meist im linken Mainstream angesiedelte NGOs – auf das Ausgeben von immer noch mehr öffentlichen Geldern für soziale Zwecke.

Sozialromantiker und Sozial-Konzerne – sie schaffen keine nachhaltigen Arbeitsplätze, sondern sie reduzieren die Realeinkommen der Menschen durch ihre Ausgabesucht immer noch stärker. Was deren Ruf nach noch mehr Staat befördert. Ein Teufelskreis, dem Europa zu Erliegen droht.

Europa darf nicht zurückbleiben

Je stärker eine Gesellschaft die Freiheit seiner Individuen beschneidet, und je üppiger Transferleistungen sprudeln, desto weniger trachten diese Gesellschaften nach persönlicher Verbesserung. Und desto eher verlassen sie sich auf die Wohlfahrtsleistungen des Staates. Weil das Fehlen junger Unternehmer Europas Ökonomien aber immer weniger konkurrenzfähig werden lässt, stagnieren die Steuereinnahmen. Und damit letztendlich auch der Kuchen für zu verteilende Transfers.



[1] Seit fast 30 Jahren werden (die immer selben) 24.000 Deutsche im sogenannten „Sozio-ökonomischen Panel (SOEP) regelmäßig interviewt. Die Ergebnisse sind also hochsignifikant.

[2] 53 Länder im „World Values Survey“

[3] Das sind staatliche Eingriffe in Bereichen wie Arbeitsmarkt, Produktmärkte, Kapitalmärkte, Bildung und Innovation

 

Über HÖRL, MMag. Michael

HÖRL, MMag. Michael
EU-Infothek-Kolumne „nEUrotisch MMag. Michael Hörl, Betriebswirt, Wirtschaftspädagoge und Wirtschaftspublizist in Salzburg. Hörl hat Europas erstes "Globalisierungskritik-kritisches" Buch geschrieben: "Die Finanzkrise und die Gier der kleinen Leute". Zuletzt erschienen: „Die Armutsindustrie. Wie mit falschen Zahlen Politik gemacht wird“, Wien: Verlag Frank & Frei der Team Stronach Akademie 2017. www.michaelhoerl.at

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