Montag, 3. August 2020
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Die Union der Könige

Die Königin der Niederlande hat einfach genug: Am 30. April wird Beatrix nach 33jähriger Amtszeit zugunsten ihres  Sohnes Willem-Alexander abdanken und sich mit 75 in den Ruhestand zurückziehen. Das royale Revirement ist ein idealer Anlass, um die Rolle der europäischen Monarchen – etwa innerhalb der Europäischen Union – zu thematisieren.

[[image1]]Immerhin leisten sich sieben EU-Mitgliedsstaaten den Luxus, von Royals regiert zu werden: Queen Elizabeth II, mit 87 Jahren offenbar noch kein bisschen amtsmüde, sitzt schon seit 1952 am Thron und ist längst zu einer majestätischen Legende geworden, die sich bei den Briten nach wie vor erstaunlicher Beliebtheit erfreut. Ihre Kollegin Margarethe II von Dänemark, gleichzeitig Oberhaupt Grönlands und der Färöer Inseln,   erledigt den Job zwar erst  seit 41 Jahren, genießt in ihrem Land aber ebenfalls hohes Ansehen, womöglich weil sie persönlich keinen Einfluss auf die Tagespolitik zu nehmen pflegt.  Großherzog Henri von Luxemburg,  der aus der Dynastie von Nassau stammt, ist wesentlich jünger, nämlich 58, und erst seit 13 Jahren im Amt, hat aber mit seinen Popularitätswerten ebenfalls kein gravierendes Problem

Die drei betagten Könige, die in Spanien, Schweden und Belgien regieren, haben indes gegen beträchtliche Imagedefizite anzukämpfen: Juan Carlos und Carl XVI Gustaf, die in den Siebzigerjahren angetreten sind, gelten nicht nur auf Grund privater Eskapaden, die vornehmlich die Klatsch-presse beschäftigt haben, als Auslaufmodelle, und der 79jährige König Albert II von Belgien, der schon 20 Jahre dient, fiel insbesonders bei der flämischen Bevölkerung seines Landes in Ungnade, weil ihm angesichts der jahrelangen Regierungskrise nicht viel mehr eingefallen ist, als im April 2011 den Ausnahmezustand zu verhängen. Viele Belgier würden ihm am liebsten die Mitwirkung bei politischen Fragen entziehen und haben wenig Verständnis, dass der Monarch dem Land 10,5 Millionen Euro Wert sein muss, demnach also rund 29.000 Euro pro Tag kassieren darf.

Erst dieser Tage wurde in Spanien gegen den aus dem Hause der Bourbonen  stammenden König Juan Carlos heftig demonstriert: Seine merkwürdige Elefantenjagd vor einem Jahr, die ihn die Ehrenpräsident-schaft beim World Wide Fund for Nature kostete, wurmt seine Landsleute immer noch, und der Korruptionsskandal um seinen Schwiegersohn, dem der Missbrauch öffentlicher Gelder vorgeworfen wird, erschüttert seit Monaten das Ansehen des Königshauses. Obzwar auf ein Vermögen von 1,7 Milliarden US-Dollar geschätzt, erhält die royale Family aus Steuermitteln  jährlich mehr als acht Millionen Euro. Großzügiger Weise haben König und Kronprinz Felipe angesichts des spanischen Wirtschaftsdilemmas unlängst auf sieben Prozent ihrer Gage verzichtet, weshalb sich der 75jährige Monarch mit 270.000 Euro monatlich begnügen muss. Die schwedischen Royals dürfen sich sogar über eine Apanage in Höhe von 15 Millionen Euro aus Steuergeldern freuen, haben aber sonst nur noch wenig zu lachen: Sein ramponiertes Ansehen kann der bei  überwiegend repräsentativen Aufgaben zumeist in Admiralsuniform gewandete König Carl XVI Gustav wohl nicht mehr reparieren. Die Schweden wissen allzu genau, dass er nicht nur an Umweltschutz, Technologie und internationalen Handelsbeziehungen Interesse zeigt, sondern etwa auch – und womöglich sogar mehr – an Fussball, der Jagd, schnellen Autos und den höchsten Freuden des Lebens. Und dass er, abgesehen von einer Reihe königlicher Schlösser und Paläste, mehrere Porsches, Ferraris und natürlich auch Volvos besitzt, kurzum ein steinreicher Mensch ist. Doch was ist seine Leistung? Der schwedische König muss lediglich, um dem Zeremoniell Genüge zu tun, im Reichstag ein Mal pro Jahr eine Rede zu allgemeinen Themen halten und stets die erste Sitzung einer neuen Regierung leiten – das war‘s auch schon.

Die Queen ist EU-Profiteurin

Das kann‘s aber nicht gewesen sein. Im Hinblick auf das Faktum, dass die Europäische Union etwa Spanien mit Milliarden aus der Patsche zu helfen bereit ist, erhebt sich die Frage, was denn die teilweise familiär verbundene Union der europäischen Könige – Carl Gustav ist der Cousin von Margarethe,  der belgische König der Onkel des Luxemburger Großherzogs – eigentlich für ein vereintes Europa tut. Antwort: Praktisch nichts. Für die betagten Herrschaften, die fast durchwegs zum inneren Kreis des von Prinz Bernhard der Niederlande gegründeten Promi-Diskutierklubs Bilderberger gehören und sich dort gerne bestens abgeschirmt zu allen möglichen Welt-Fragen äußern, scheint die EU kein Thema zu sein: Mit Ausnahme der recht beliebten Königin Beatrix, von der einige motivierende Europa-Statements überliefert sind, haben die europäischen Könige an Brüssel bestenfalls periphäres Interesse. Weitaus lieber konzentrieren sie sich auf die vorwiegend repräsentativen Pflichten am Terrain ihrer ureigensten Spielwiese. Nur fallweise sorgen sie mit beiläufigen Ansagen ohne besonderen Tiefgang für blankes Erstaunen: Der rhetorisch oft unglücklich agierende Juan Carlos etwa versicherte Russland einmal, dass es in den Beziehungen zur Europäischen Union stets mit der Unterstützung Spaniens rechnen könne – zur wirtschaftlichen Schieflage seines rettungsbedürftigen Landes schwieg er sich dagegen bislang aus. Queen Elizabeth wiederum polterte vor zwei Jahren unerwartet drauf los, dass die Türkei möglichst lange vor der EU ferngehalten werden müsse. Vor rund einem Jahr sprach sie sich dann in einer Rede vor dem Parlament für einen baldigen Beitritt Kroatiens aus. Ob das Vereinigte Königreich austreten soll oder nicht, sagt sie aber nicht.

Die vielfältigen Vorteile, die die Union ihrem Land – siehe Spanien – beschert, werden ebenso kommentarlos in Kauf genommen wie eigene Privilegien – obwohl letztere immer wieder für allgemeine Empörung sorgen: Im Mai 2009 etwa wurde erstmals bekannt, dass die Queen von der EU eine Agrarförderung erhalte. Die Monarchin, deren geschätztes Vermögen in der Bandbreite von 500 Millionen bis 1,8 Milliarden Euro liegen soll, hatte sich 2008 über 500.000 Euro aus Brüssel freuen dürfen. Die für den Grundbesitz rund um die königliche Residenz in Sadringham bestimmte Subvention, mit der die agile Nebenerwerbslandwirtin alljährlich rechnen kann, ist jedoch noch nicht die volle Wahrheit: Auch Prinz Charles und der Herzog von Windsor, mit einem geschätzten Vermögen von 6,5 Milliarden Pfund einer der reichsten Briten, werden aus den Agrartöpfen der Union regelmäßig mit stattlichen Summen bedacht. Die britische Monarchie, die jährlich an die 50 Millionen Euro kostet, befindet sich auch diesbezüglich in bester Gesellschaft: Auch der schwedische König, wiewohl Milliarden schwer, erhält von der EU eine Subvention.

Selbst wenn die gekrönten Häupter zu den EU-Profiteuren zählen, werden sie von der Langzeit-Vision eines wirklich vereinten Europa mit Sicherheit nicht geplagt. Es passt einfach nicht ins Weltbild einer Queen bzw. eines Königs im Rentenalter, sich ins gemeinsame Ganze eines Staatenbundes eingliedern und damit seinen einzigartigen Status letztendlich vergessen zu müssen. Doch selbst nach der schrittweise fälligen Generationsablöse – wenn also eines Tages William und Kate, der dänische Kronprinz Frederik und seine Mary, Spaniens Thronfolger Felipe und Letizia,  die schwedische Kronprinzessin Victoria und ihr ehemaliger Fitnesstrainer Daniel oder der belgische Kronprinz Philipp an der Macht sind  – wird sich daran wohl nichts ändern: Gerade weil die royalen Sprösslinge der monarchischen Staatsform vermutlich neues Leben einhauchen möchten, wird sich diese weiterhin als riesige Hürde im europäischen Integrationsprozess erweisen: Jeder König will nämlich ein eigenes Imperium.

 

Über MUZIK, Prof. Dr. Peter

MUZIK, Prof. Dr. Peter
EU-Infothek-Kolumne „EUrovisionen“ Prof. Dr. Peter Muzik ist langjähriger Wirtschaftspublizist („trend“, „WirtschaftsBlatt“, „Wiener Zeitung“) und Inhaber der auf Medienresonanzanalysen spezialisierten Agentur Public & Media.

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