Freitag, 21. Juni 2019
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Das Privileg der späten Geburt

Dr. Kurt Waldheim / 22.12.1971 / Bild © Basch, Fritz CC BY-SA 3.0 nl, via Wikimedia Commons (Ausschnitt)

Der Satz, noch nie haben wir in Europa eine so lange Periode des Friedens erlebt, gehört mittlerweile zu den schon etwas strapazierten Standardformulierungen. Trotzdem sollten wir eines nicht vergessen, dass unsere Eltern- und Großelterngeneration diesen Vorzug nicht hatte.

Daran hat uns das heurige Jubiläumsjahr erinnert. Im März als wir der Machtergreifung des Nationalsozialismus in Österreich vor 80 Jahren und im November als wir dem Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren gedachten. Auch im kommenden Jahr werden wir wieder mit geschichtsträchtigen Ereignissen konfrontiert. So am 1. September mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren.

Makel einer unbewältigten Vergangenheit

Nicht wenige haben die ganze Bandbreite dieses Jahrhunderts miterlebt. Auch Kurt Waldheim. Er war zwei Perioden lang einer der höchsten Amtsträger der Welt, nämlich UNO-Generalsekretär und eine der angesehensten Persönlichkeiten Österreichs. Und er hätte sogar die Chance für eine dritte Periode. Alles vergessen. In Erinnerung geblieben ist ein Wahlkampf, der tiefe Gräben zwischen den politischen Lagern aufwarf, und seine Wahl zu einem Bundespräsidenten, dem der Makel einer unbewältigten Vergangenheit umgehängt wurde.

Was der ORF so alles mitfinanziert

Jetzt am 21. Dezember wäre sein 100ster Geburtstag. Die Jagdgesellschaft von einst, lässt Waldheim auch 12 Jahre nach seinem Ableben nicht ruhen. In einem vom ORF mitfinanzierten, sich Dokumentation nennenden Film, wird er wie eine „persona non grata“ behandelt, die österreichische Bevölkerung in dumpfen Gesichtern gezeichnet, geradezu eine Art Anklageschrift ohne auch nur eines Beweises erstellt. Man hatte den Film sogar für einen Auslands-Oscar nominiert, er fiel aber bei der Bewerbung jetzt durch.

Das offizielle Österreich aber schweigt

Damit nicht genug. In einer großen deutschen Zeitung war vor zwei Monaten sogar von „keinem Verbrecher großer Art“ die Rede. Und in dem Artikel mit dem Titel „Die Lebenslüge des Kurt Waldheim und seiner Nation“ wurde gleich die ganze Kriegs- und Nachkriegsgeneration gewissermaßen in Geiselhaft genommen. Ein Vorwurf, der es verlangt hätte, mit aller Deutlichkeit zurückgewiesen zu werden. Das offizielle Österreich aber schwieg.

Musterbeispiel eines „Dirty Campaigning“

Um die sprichwörtliche Kirche im Dorf zu lassen, was war wirklich in der „Causa Waldheim“ geschehen? Vor 33 Jahren ging es um die Aufstellung eines Kandidaten für die 1986 stattfindende Bundespräsidentenwahl. Der damals bereits in Pension befindliche Altkanzler Bruno Kreisky schätzte Waldheim und wollte ihn als überparteilichen Hofburgkandidaten in die Wahl schicken. Ein Plan, den der damalige ÖVP-Obmann Alois Mock durchkreuzte und selbst Waldheim zum Kandidaten der Volkspartei machte. Weil damit die Volkspartei die Chance hatte, erstmals seit 1945 einen von ihr gestellten Politiker zum Bundespräsidenten zu küren, startete die SPÖ mit Hilfe der Sozialistischen Internationale und des World Jewish Congress ein „Dirty Campaigning“.

Pflicht wird als Delikt denunziert

Aus Waldheims Kriegszeit wurde eine Verstrickung in die Verbrechen des Nationalsozialismus konstruiert. Und das nur, weil er 1985 – also ein Jahr vor den Wahlen – ein Buch über seine Tätigkeit als UNO-Generalsekretär schrieb, und daran seine Kriegszeit nur am Rande streifte. Dass es sich beim „Im Glaspalast der Weltpolitik“ um keine Biografie handelte, ließ seine Gegner kalt. Es ging nur um die Zugehörigkeit zur deutschen Wehrmacht. Die Antwort Waldheims von der „Pflicht“ war bei ehemaligen Soldaten selbstverständlich, weil es keine Alternative dazu gab. Dann kam der Vorwurf der Zugehörigkeit zur NSDAP und zur SS. Er war weder da noch dort Mitglied. Bald wurde Waldheim mit einem Massaker in Verbindung gebracht. Auch damit hatte er nachweislich nichts zu tun. Was ihn aber zur Verzweiflung brachte, sodass er eines Tages im kleinen Kreis rief: „Ich lasse mich nicht zu einem Mörder machen!“

Der Wahlkampf wird zur Affäre

Alle Untersuchungen, bis hin zu jenen einer internationalen Historikerkommission, sprachen ihn von jeglicher Schuld frei. Selbst SPÖ-Spitzenpolitiker der Jetzt-Zeit geben zu, dass es ein Fehler war, aus Waldheim eine „Affäre“ zu machen. Anstatt späte Gerechtigkeit walten zu lassen wird noch immer von gewissen Kreisen versucht, an ihm ein Menetekel zu statuieren, ihn zum Schuldigen einer Epoche zu machen. Was bleibt, ist allein die Tatsache, dass Waldheim die Kriegszeit ausgeblendet hatte und sich vier Jahrzehnte nur schrittweise erinnerte.

Als Antworten lebensgefährlich war

Aber kann man das einer Generation verdenken, die einen Einberufungsbefehl in der Hand hielt und von diesem Zeitpunkt an nur diese Wahl hatte: Unverletzt und zerschunden heimzukommen, für sein restliches Lebens als Krüppel gezeichnet zu sein, tot im Sarg nach Hause gebracht oder irgendwo draußen in fremder Erde einfach verscharrt zu werden. Keine Frage. Es gibt keinen Pardon für jede Art des Vergehens an der Menschlichkeit. Und man muss sich immer wieder die Frage stellen, wie konnte es nur geschehen, dass man zu- oder sogar weg sah, als Menschen einfach erniedrigt, verschleppt, ja getötet wurden, nur weil sie nicht ins System passten. Damals (anders als heute) war der Protest, die richtige Antwort „lebensgefährlich“. Diese Referenz gibt es der Kriegsgeneration zu erweisen. Die heutigen Generationen haben dagegen das einmalige Privileg der späten Geburt

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