Mittwoch, 16. Oktober 2019
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Das jüngste Gerücht: Putin ist der reichste Mann der Welt

Der heutige Beitrag ist – zugegebenermaßen und ausnahmsweise – im Graubereich der Spekulation angesiedelt. Aber manchmal ist auch das nötig, um die Realität besser einschätzen zu können.

Kurzum: Vor wenigen Stunden hat die News Corp. Australia in Sydney auf www.news.com.au berichtet, dass Wladimir Putin der reichste Mensch am Globus sein könnte. Dem russischen Präsidenten wird  ein Vermögen in Höhe von 200 Milliarden US-Dollar zugetraut. Der Informant, der sich damit weit aus dem Fenster lehnt, heißt Bill Browder, ist CEO von Hermitage Capital Management und war früher einmal der größte Auslandsinvestor in Russland. Er vertritt die Auffassung, dass der Kreml-Boss sich nicht nur am Staatsvermögen bedient, sondern auch die mächtigen Oligarchen erpresst und das gestohlene Geld, fein säuberlich von Kumpanen getarnt. geschickt im Ausland geparkt hat, etwa  auf Schweizer Konten oder in Hedgefonds.

Diese sensationell klingende Meldung, bei der sogleich die Unschuldsvermutung aktiviert werden muss, ist allerdings nicht gerade brandneu – im Gegenteil: Schon im Dezember 2007 war in der britischen Tageszeitung „The Guardian“ nachzulesen, dass Putin ungefähr 40 Milliarden Dollar schwer sei – was andere Blätter, darunter die „Washington Post“, „Die Welt“ oder die „Moscow Times“, gerne volley übernahmen. Als eine Art Kronzeuge hatte Stanislav Belkovsky, Politologe, Putin-Kritiker und Buchautor, fungiert: Der verriet damals, dass Putin beispielsweise 37 Prozent am drittgrößten Ölproduzenten Surgutneftegaz, fast fünf Prozent der Anteile an der Gazprom sowie zumindest 75 Prozent an einer in der Schweiz ansässigen Ölhandelsfirma besitzen würde. Aufgeflogen sind diese – allesamt nicht beweisbaren – „Geheimnisse“, weil sich der Präsident seinerzeit für Dmitry Medwedew als Nachfolger entschieden und damit andere Vertraute frustriert hatte – allen voran Igor Sechin, sein stellvertretender Bürochef, hatte sich übergangen gefühlt und Teile seines Wissens ausgepackt.

Die Spekulationen, auch im Internet, wie sich denn ein russischer Präsident, der ein Jahresgehalt von umgerechnet nicht einmal 200.000 Dollar bezieht, den beträchtlichen Luxus leisten kann, sind seither nie mehr verstummt. Im Jahr 2012 etwa war auf der Website www.thebureauinvestigates.com, bereits von 60 bis 70 Milliarden Dollar die Rede, die sich Putin unter den Nagel gerissen haben soll. Die Tratsch-Homepage www.celebritynetworth.com pendelte sich bei 70 Milliarden ein – nicht ohne sich über Putins offizielle Offenlegung seiner Besitz-verhältnisse zu mokieren: Der Präsident hatte nämlich bloß 180.000 Dollar Erspartes, eine 77 Quadratmeter große Wohnung samt Garage, ein Grundstück am Rande von Moskau und vier Autos Marke Lada offengelegt. Schließlich schäumten die Autoren der tschetschenischen Internet-Agentur Kavkaz Centre, die beileibe nicht zu den Putin-Fans zählen, unter Bezugnahme auf „The Sunday Times“ über angebliche 130 Milliarden Dollar, die Putin und seine Getreuen zum reichsten Clan der Welt machen würden.

„Ein habgieriges Monster“

Jetzt halten wir also schon bei 200 Milliarden Dollar, die der laut US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ mächtigste Politiker der Welt besitzen soll. Putin stellt damit seinen großen Rivalen Barack Obama, der für „Forbes“ weltweit nur die Nummer Zwei ist, meilenweit in den Schatten: Dem US-Präsidenten werden laut Internet-Quelle www.vermoegen.org gerade mal 10 Millionen Dollar an Privatvermögen zugetraut – Millionen wohlgemerkt, nicht Milliarden! Der begeisterte Judoka im Kreml soll sich dieses gigantische Vermögen gemeinsam mit Familienmitgliedern wie zwei Neffen, einigen als Banditen verschrieenen Bekannten aus der Vergangenheit – Namen sind Schall und Rauch –  sowie diversen Ministern sukzessive erkämpft haben. Er rangiert damit in den Augen penibler Blogger laut http://daisy5.blog.de unangefochten an der Spitze der allerreichsten Staatsmänner – vor dem Thai-König Bhumibol, vor Hassanal Bolkiah, dem Sultan von Brunei, vor dem kürzlich verblichenen König Abdullah von Saudi-Arabien und vor den beiden Emirate-Finanzgiganten Chalifa bin Zayid AL Nahyan (Abu Dhabi) und Muhammad bin Raschid Al Maktum (Dubai). Superreiche Wirtschaftskapitäne wie Bill Gates würden neben ihm ebenso wie Armutschkerln dastehen.

Buchautor Belkovsky, dessen Putin-Biographie „Wladimir“ im Vorjahr auch auf Deutsch erschienen ist, schildert den „Endzeitherrscher“, der den Zerfall seines Imperiums möglicherweise verlangsamen, aber nicht aufhalten könne, als „klassischen Businessman, der glaubt, dass man mit Geld jedes Problem lösen kann“. Gar nicht gut kommt Putin, neben einem Faible für sündteure Luxusuhren à la Patek Philippe zum Beispiel 15 Hubschrauber, 43 Privatflieger, diverse Yachten und 20 Paläste zugeschrieben werden, auch in anderen Biographien weg: Für Masha Gessen, eine russisch-amerikanische Journalistin, die bis vor kurzem in Moskau gelebt hat, ist er „ein habgieriges Monster, das der Versuchung nicht widerstehen könne, alles einzusacken, was anderen gehört“. Dieser „rätselhafte Mann“, der „den Mythos um seine Person selbst erschaffen hat“, äußere sich zwar wortgewaltig über die weit verbreitete Korruption, die Russland lähme, und bekämpfe sie nach außen hin, doch in Wahrheit verfolgen ihn seit seiner Zeit als Vizebürgermeister von St. Petersburg einschlägige Gerüchte ebenso wie mysteriöse Todesfälle unliebsamer Kritiker.

Der Mann, der für die größte weltpolitische Krise seit Ende des Kalten Krieges verantwortlich gemacht wird, muss naturgemäß auch einiges einstecken können – wobei manches eindeutig unter der Gürtellinie angesiedelt ist: Im vergangenen Oktober etwa tauchten aus Richtung Washington Gerüchte auf, dass der Kreml-Chef an Bauchspeichel-drüsenkrebs erkrankt wäre. Erst kürzlich verbreitete wiederum das Pentagon via Boulevard-Gazette „USA Today“ die Meldung, dass Putin am so genannten Asperger-Syndrom leide – also an einer autistischen Störung, die sich im Normalfall in Kontaktschwierigkeiten und beeinträchtigter zwischenmenschlicher Kommunikation äußert. Derartiges scheint den russischen Macho-Präsidenten jedoch eben so kalt zu lassen wie die ständig herumschwirrenden Spekulationen, wie extrem reich er doch sei. Er kann sich offenbar darauf verlassen, dass es so gut wie unmöglich ist, dafür den Wahrheitsbeweis zu erbringen. Die gerissenen Konstruktionen, die sein finanzielles Engagement verschleiern sollen, sind so perfekt undurchschaubar gemacht worden, dass ihm nichts nachzuweisen sein wird – das reicht bis in seine St. Petersburger Zeit in den Neunzigern zurück, als er bei dubiosen Rohstoffdeals hunderte Millionen Dollar abgezweigt haben soll. 

Die kürzlich vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) ausgestrahlte Doku „Putins geheimes Privatvermögen“ hat den mysteriösen Aufstieg Putins penibel nachgezeichnet. Darin fanden sich zahlreiche sachdienliche Hinweise, wie in Moskau vorbei an der Staatskasse direkt in die Hände des Putin-Clans gewirtschaftet wird, wie seine Günstlinge etwa bei Bau der Maut-Autobahn nach St. Petersburg reich geworden sind oder wie der Präsident angeblich als verdeckter Aktionär eines Pharmakonzerns  Dividenden in Millionenhöhe einstreifen konnte. Endgültige Beweise blieben freilich aus. Nur eines ist evident: Das viele Geld scheint das Selbstbewusstsein des cleveren Polit-Taktikers ins Unermessliche zu steigern, vielleicht sogar bis zum Größenwahn. Und zugleich muss Wladimir Putin in permanenter Angst leben, was ihm am Tag X passieren könnte – sollte er einmal nicht mehr Politiker sein. Als Garant dafür, dass sich am korrupten System Russlands nichts ändern darf, muss er notgedrungen immer an der Macht bleiben – und die Welt weiterhin in Atem halten. Nur auf diese Weise wird er unbehelligt sein Luxusleben genießen können, beispielsweise in einem schlossartigen Anwesen am Schwarzen Meer, das auf fast eine Milliarde Dollar geschätzt wird. Doch was bei Putin Realität und was Fiktion ist, kann oft nicht auseinander gehalten werden. Das auf reinen Ulk spezialisierte satirische Web-Magazin „Mediamass.net“ bereichert die Mutmaßungen rund um Putin um neue Facetten: Der Präsident besitze u.a. die „Fat Putin Burger“-Kette in der russischen Hauptstadt und das Fußball-Team „Sankt Petersburg Angels“; obendrein habe er eine eigene Wodka-Marke kreiert – „Pure Wonderputin“ – und sei mit der Parfüm-Linie „From Wladimir with Love“ ziemlich erfolgreich; schließlich kümmere er sich nicht zuletzt mit der Mode-Linie „Verführung by Wladimir Putin“ um die Zielgruppe Jüngere Damen.

Über MUZIK, Prof. Dr. Peter

MUZIK, Prof. Dr. Peter
EU-Infothek-Kolumne „EUrovisionen“ Prof. Dr. Peter Muzik ist langjähriger Wirtschaftspublizist („trend“, „WirtschaftsBlatt“, „Wiener Zeitung“) und Inhaber der auf Medienresonanzanalysen spezialisierten Agentur Public & Media.

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