Freitag, 23. August 2019
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Das „Euro-Jobs – Project“ des Jan Lachner

Ein Bürger lebt das „Europäisches Jahr der Bürgerinnen und Bürger“ (2013) modellhaft vor und „erarbeitet“ sich Europa.

[[image1]]Die Unionsbürgerschaft mit ihren grundlegenden (Mobilitäts-)Rechten wurde 1993 durch den Vertrag von Maastricht (1992) eingeführt und zwischenzeitlich sukzessive erweitert – und zwar zum einen durch die Verträge selbst)[1]) sowie zum anderen durch eine dynamische Judikatur des Gerichtshofs der EU. Aus Anlass des zwanzigjährigen Bestandes des Instituts der Unionsbürgerschaft im Jahre 2013 wurde dieses Jahr zum „Europäischen Jahr der Bürgerinnen und Bürger“ proklamiert, in dem die Unionsbürger vor allem über die ihnen zustehenden Rechte verstärkt informiert werden sollen. Immerhin hatten in der Bundesrepublik Deutschland bei einer rezenten Befragung 41 Prozent der Interviewten noch nie etwas von der Einrichtung einer Unionsbürgerschaft gehört und 69 Prozent (!) wussten nichts über die damit verbundenen Rechte.[2])

Obwohl im Vorgriff auf das „Europäische Jahr der Bürgerinnen und Bürger 2013“ durch die Kommission am Europatag, dem 9. Mai 2012, die größte Online-Bürgerkonsultation die je in der EU stattgefunden hatte,[3]) mit dem Titel „Ihre Rechte, Ihre Zukunft“ gestartet wurde, war die Beteiligung der UnionsbürgerInnen an dieser mehr als vier Monate dauernden Befragung mehr als verhalten. Die aus dem Binnenmarkt im allgemeinen und aus der Unionsbürgerschaft im speziellen resultierenden Vergünstigungen und Chancen in den Bereichen Ausbildung und Berufsausübung – vor allem für die Jugend – werden zur Zeit in einer Reihe von Mitgliedstaaten zwar durch eine dramatisch erhöhte Arbeitslosenquote und soziale Exklusion von Jugendlichen überlagert und verdeckt, auf der anderen Seite aber durch Unkenntnis gar nicht entsprechend wahrgenommen und daher auch nicht konkret in Anspruch genommen und ausgenützt. Neben der Sprachbarriere ist ein chronischer Mangel an Informationen das größte Hindernis für eine grenzüberschreitende Mobilität der Jugendlichen.

Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt im EU-Schnitt 23,5 Prozent, liegt in einigen EU-Mitgliedstaaten aber viel höher (Spanien: 55,9 und Griechenland: 62,5 Prozent)[4]) und der Anteil der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten jungen Menschen liegt in den 28 EU-Mitgliedstaaten bei knapp 30 Prozent und damit um einiges höher als in der allgemeinen Bevölkerung (23,5 Prozent). Innerhalb dieser Gruppe sind wiederum die sogenannten NEETs („not in education, employment or training“) am stärksten betroffen, denen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.[5])

Offensichtlich bedarf es auch hierbei wieder eines stimmigen Projekts und einer damit verbundenen markanten Galionsfigur, an der sich die Jugend orientieren kann. In diesem Sinne kann dem „Euro-Jobs–Project“ des Jan Lachner, das dafür eine ideale Verkörperung darstellt, nur eine entsprechend europaweite Verbreitung gewünscht werden. Der junge Deutsch-Franzose ist in diesem Sinn eindeutig das „Gesicht Europas“ für das „Europäische Jahr der Bürgerinnen und Bürger 2013“. Was hat ihn aber dazu gemacht?

Wer ist Jan Lachner?

Jan Lachner ist ein heute 26-jähriger Diplomingenieur in Luft- und Raumfahrttechnik, der in Paris geboren wurde, danach aber 12 Jahre in Frankfurt gelebt hat, um dann in der Folge wieder nach Paris zurückzukehren und sein Studium schließlich in Toulouse und in der Folge in Bristol abzuschließen. Er selbst bezeichnet sich als Deutsch-Franzose und überzeugter Europäer, der ganz bewusst seine vertraute Umgebung verlassen wollte, um andere Menschen und Kulturen – letztlich aber auch sich selbst – näher kennenzulernen. Er tat dies aber nicht in der heute so beliebten Form eines Selbsterfahrungstrips und wollte auch keine „Splish-Splash“-Vergnügungsreise mit Gleichgesinnten antreten, sondern legte sich dafür ein ganz besonderes Konzept zurecht, das ihn zu einem „idealen Europäer“ machen sollte.

Dementsprechend trat er vor zwei Jahren als 24-jähriger eine ganz spezielle Reise durch 33 Länder Europas – neben den damaligen 27 EU-Mitgliedstaaten waren das auch  noch die drei EWR-Staaten Liechtenstein, Norwegen und Island, sowie die Schweiz, Monaco und zuletzt das der EU am 1. Juli 2013 beigetretene Kroatien – an, von der er am 12. Juli 2013 nach über zwei Jahren zurückgekehrt ist. Was war aber das Besondere an dieser Reise?

Was ist das „Euro-Jobs-Project“ eigentlich?

Das Besondere an dieser Reise bestand darin, dass Lachner nicht nur Land und Leute – wofür er sich ausschließlich bei ausgewählten Gastfamilien einquartierte – sondern auch deren Berufswelt näher kennenlernen wollte. Dafür entwickelte er ein einzigartiges Projekt, nämlich in den von ihm bereisten 33 Ländern auch je eine berufliche „Schnupperlehre“ in der Dauer von einer Woche zu absolvieren. Das Kernprojekt sollte also 33 Wochen, dh über 8 Monate, dauern. Mit administrativem Vor- und Nachlauf wurden letztlich aber über zwei Jahre daraus.

Dadurch, dass Lachner jede Woche einen anderen Beruf in einem anderen Land ausüben wollte, kam er mit 33 verschiedenen Berufen näher in Kontakt und lernte deren spezielle Anforderungen kennen. Ganz bewusst wählte Lachner dabei Berufe ohne Bezug zu seiner bisherigen berufliche Erfahrung als Raumfahrtsingenieur aus. Das einzelne Volontariat sollte im jeweiligen Land in der Ausübung einer traditionellen beruflichen Tätigkeit bestehen, wie zB in Irland Guinness zapfen, in Litauen Bernsteinschmuck herstellen und in der Schweiz Alphörner bauen.

Die logistischen, vor allem aber die sprachlichen Herausforderungen der Organisation dieses „Job-Hopping“ waren beachtlich und konnten nur durch ein eingespieltes Team bewältigt werden. Unter den vielen sonstigen Helfern erwähnt Jan Lachner auf seiner Webseite[6]) zwei Kommilitoninnen als Hauptstützen, nämlich Sandrine als logistisches „Mädchen für alles“ und Melanie als Übersetzerin ins Deutsche.[7])

Die Vorteile aus der Unionsbürgerschaft und dem Binnenmarkt

Die Durchführung des „Euro-Jobs – Projects“ hatte aber auch noch eine andere Stoßrichtung, nämlich die, nachzuweisen, dass die Marktfreiheiten des Binnenmarktes, vor allem aber die in Artikel 20 Absatz 2 lit. a) AEUV als sogenannte „fünfte Marktfreiheit“ verankerten Mobilitäts- und Aufenthaltsrechte eines Unionsbürgers, entscheidend zur Verwirklichung dieses Projekts beigetragen haben. In den Worten von Jan Lachner klingt das so: „Ohne EU-weite Arbeitserlaubnis wäre das Projekt nicht möglich gewesen (…) Ich springe über Grenzen, so wie ich die Straße überquere. Außerdem versuche ich mit meinem Projekt, anderen Menschen die europäische Idee vorzuleben“.[8])

Die typischen beruflichen Tätigkeiten in 33 Ländern

Die unglaubliche Vielfalt der von Jan Lachner in den von ihm bereisten 33 Ländern konkret ausgeübten Berufe verblüfft und zeigt einmal mehr, wie differenziert sich auch traditionelle Arbeitsmärkte entwickelt haben. So arbeitete Lachner in seiner ersten Arbeitswoche im November 2011 in Marsaxlokk/Malta als Fischer, danach in Limassol/Zypern als Mitarbeiter eines Fremdenverkehrsamtes, in Sevilla/Spanien als Flamencolehrer, in Dublin/Irland als Barmann in einem Pub, in Luxemburg als Immobilienmakler, in Kriens/Schweiz als Alphornbauer, in Schaan/Liechtenstein als Bäcker und Konditor, in Ptuj/Slowenien als Helfer in der Ausrichtung der Kampagne für die Europastadt Maribor 2012, in Nafplio/Griechenland als Archäologe, in Sofia/Bulgarien als Personalvermittler, in Wien/Österreich als Mitarbeiter in einem Marketing-Team, in Chodovar Plana/Tschechien als Bierbrauer, in Bratislava/Slowakei als Business Development Assistant, in Budapest/Ungarn als Angestellter in eine Thermalbad, in Buzias (Timisoara)/Rumänien als Landwirt, in Zagreb/Kroatien als Vorleser in einem Gymnasium, in Gniewino/Polen als Hotelangestellter, in Straßburg/Frankreich als Assistent eines Abgeordneten zum Europäischen Parlament, in Kaunas/Litauen als Bernsteinschmuckhersteller, in Riga/Lettland als Freiwilliger in einer zivilgesellschaftlichen NGO, in Tallinn/Estland als Tierpfleger, in Rovaniemi/Finnland als Förster, in Delsbo/Schweden als Innendesigner, in Aalborg/Dänemark als Versuchsingenieur bei Windrädern, in Aalsmeer/Niederlande als Blumenlogistiker, in Süd-Island als Assistent eines Foto-Workshops, in Niedersachsen/Bundesrepublik Deutschland als Altenpfleger in einer Wohngemeinschaft, in Oslo/Norwegen als KfZ-Mechaniker, in Monaco als Commis de cuisine, in Brüssel/Belgien als Radiokommentator, in Great Yarmouth/Großbritannien als Angestellter in einem Aquarium und als Taucher, in Porto/Portugal als Qualitätstechniker und zuletzt im Juli 2013 in Pordenone/Italin als Restaurateur antiker Möbel.[9])

Fazit

Jan Lachner hat sich mit diesem Berufs-Marathon in seinem „Euro-Jobs-Project“ Europa tatsächlich „erarbeitet“. Die dabei gewonnenen Einsichten in die unterschiedlichsten Sozialstrukturen und Arbeitsmarktgegebenheiten in beinahe allen Ländern Europas sind für einen so jungen Menschen völlig einzigartig. Wenngleich dieses Experiment nicht so schnell wiederholt werden wird, soll es doch zumindest der Jugend von heute aufzeigen, dass es sich lohnt – in Bezug auf Ausbildung und Berufschancen – über den Tellerrand des eigenen Heimatstaates hinauszublicken und die wahre Dimension des europäischen Binnenmarktes in der EU und im ähnlich gelagerten EWR mit deren Mobilitätschancen zu erkennen und  auszunützen.

Eine solche Einsicht würde aber auch dazu beitragen, die undifferenzierte Skepsis der heutigen Jugend in Europafragen zumindest einigermaßen zu neutralisieren. Falls es nicht gelingen sollte, die heutige Jugend von der wirtschaftlichen Sinnhaftigkeit eines großen und vereinheitlichten gemeinsamen europäischen Marktes zu überzeugen, ist das Projekt Europa à la longue ohnehin als gescheitert anzusehen. Europa als politisches Konzept zur Friedenssicherung wiederum konnte der Jugend bisher nicht in seiner grundlegenden Dimension vermittelt werden – aus welchen Gründen auch immer. Wenn also zum einen die wirtschaftlichen Vorteile der freien Mobilität am europäischen Arbeitsmarkt von der Jugend nicht erkannt und zum anderen die politischen Zugewinne durch die EU den Jugendlichen durch die verantwortlichen Politiker nicht mehr vermittelt werden können, ist es um „Europa“ schlecht bestellt. Die hämischen Kommentare von jungen Europäern über die Verleihung des „Friedensnobelpreises“ 2012 an die EU[10]), die in einer Anzahl von einschlägigen blogs zu finden waren, legen beredtes Zeugnis dafür ab und sollten den Verantwortlichen eigentlich zu denken geben.



[1]) Für den gegenwärtigen Umfang der Rechte aus der Unionsbürgerschaft vgl. Artikel 20 Absatz 2 AEUV.

[2]) Vgl. dazu Hummer, W. 2013: „Europäisches Jahr der Bürgerinnen und Bürger“ (Teil 1), EU-Infothek vom 29. Jänner 2013.

[3]) Vgl. dazu Hummer, W. 2013: „Europäisches Jahr der Bürgerinnen und Bürger“ (Teil 2), EU-Infothek vom 5. Februar 2013.

[4]) COM(2013) 350, vom 29. Mai 2013, S. 18.

[5]) Vgl. dazu die Entschließung über den strukturierten Dialog mit jungen Menschen über die Jugendbeschäftigung vom 19. Mai 2011; Amtsblatt 2011, C 164, S. 3.

[6]) www.eurojobsproject.com

[7]) Wer bin ich? Jan Lachner – Le fondateur; http://193.240.22.83/?page_id=67&lang=de

[8]) 33 Jobs in 33 Ländern – Jan Lachner hat sich Europa „erarbeitet“, gepostet am 5. August 2013; http://www.eiz-niedersachsen.de/33-jobs-in-33-landern-jan-lachner-hat-sich-europa er…

[9]) Euro-Jobs-Project. Die Berufe; http://193.240.22.83/?page_id=75&lang=de

[10]) Vgl. dazu Hummer, W. Verdient die EU den Friedensnobelpreis?, EU-Infothek vom 23. Oktober 2012.

 

Über HUMMER, em. o. Univ.-Prof. DDDr. Waldemar

HUMMER, em. o. Univ.-Prof. DDDr. Waldemar
EU-Infothek-Kolumne „Europarecht“ em. o. Univ.-Prof. DDDr. Waldemar Hummer promovierte 1964 zum Dr. der Rechte; Habilitation 1977; 1967-1974 Abschluss zweier weiterer Studien, Rechtsberater der Argentinischen Botschaft in Wien. 1984 bis zur Emeritierung 2010 Lehrstuhlinhaber, Ordentlicher Universitätsprofessor für Völkerrecht und Europarecht an der Universität Innsbruck. 2005ff Leiter des Forschungsschwerpunktes „Europäische Integration" an der Universität Innsbruck. Zahlreiche Buchpublikationen, zuletzt: Politikwissenschaft in Österreich unter besonderer Berücksichtigung der Europapolitik. Institutionelle und materielle Rahmenbedingungen. Innsbruck, StudienVerlag, 2015.

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