Sonntag 26. Mai 2013, 08:41

Europapolitik

Zu viel Gelassenheit vor Griechenland-Exit?

Während die realwirtschaftliche Bedeutung Griechenlands einen „geordneten“ Ausstieg aus der Eurozone als unproblematisch erscheinen lässt, ist zu befürchten, das schon dessen Ankündigung Europa ins Chaos stürzen lässt.

„Geordneter“ Ausstieg Griechenlands dürfte unmöglich sein
„Geordneter“ Ausstieg Griechenlands dürfte unmöglich sein
Bild: günther gumhold/pixelio.de
Erich Streissler, der Doyen der österreichischen Volkswirtschaftslehre, würde Griechenland keine Träne nachweinen, sollte es tatsächlich aus der Eurozone ausscheiden. So drängt sich für ihn die Frage auf, ob denn Griechenland im ökonomischen Sinn überhaupt noch ein Staat ist: „Mit dem Ausbruch der Krise haben sofort alle Griechen, die das konnten, ihr Vermögen ins Ausland verlagert und gleichzeitig überlegen alle überlebensfähigen Griechen auszuwandern. In Griechenland bleiben dann nur die große Beamtenschaft, ein bisschen Fremdenverkehr und Schifffahrt, und das ist schon alles. Ob da überhaupt noch ein überlebensfähiger Wirtschaftszusammenhang gegeben ist, ist unklar. Selbst wenn jetzt alle Staatsschulden zur Gänze gestrichen werden, würde Griechenland in Hinsicht auf Budget und Leistungsbilanz weiter Dauerdefizite vorweisen“. Gegenüber der EU-Infothek verweist er darauf, dass es „nur auf ein weiteres Hinausschieben von Problemen hinausläuft, die später umso stärker zurückkommen werden“, wenn man Griechenland weiter Geld gibt, und betont dessen realwirtschaftliche Bedeutungslosigkeit für Österreich und die gesamte Eurozone.

Nationale Notfallpläne für den Fall eines Austritts

Tatsächlich drängt sich die Frage auf, wie ein Land mit gerade einmal zwei Prozent der Wirtschaftsleistung der Eurozone die europäische Politik nun schon seit Jahren vor sich herzutreiben und das „Projekt Europa“ an den Rande des Scheiterns zu bringen vermag. Noch wird zwar alles dementiert, aber wie Reuters am Mittwoch meldete, forderte eine Arbeitsgruppe aus Vertretern aller 17 Euro-Länder, die die Treffen der Finanzminister vorbereitet, die Regierungen bereits auf, nationale Notfallpläne für den Fall eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone auszuarbeiten, während die Europäische Zentralbank (EZB) einem Zeitungsbericht zufolge bereits eigens einen Krisenstab eingerichtet habe.

„Geordneter“ Ausstieg Griechenlands dürfte unmöglich sein

Wenn nun aber schon offiziell über einen „geordneten“ Ausstieg Griechenlands nachgedacht wird, drängt sich angesichts der heutigen Finanzmärkte die Frage auf, ob und wie die „Ordnung“ in diesem Fall denn überhaupt aufrechterhalten werden könne. Denn diese hängt letztendlich vom Verhalten einer unübersehbaren Zahl an Akteuren ab, deren Interessen wohl mit überwältigender Mehrheit darin liegen, die eigenen Aktiva zu schützen. Ein Vorgeschmack, womit im Fall der Fälle gerechnet werden müsste, ergab sich ja bereits nach der Griechischen Parlamentswahl. Wie an dieser Stelle letzte Woche angemerkt, wurde daraufhin der Run auf die Griechischen Banken, der zuvor noch weitgehend auf den Interbankenmarkt und die vermögenden Griechen beschränkt war, zum Massenphänomen, dem die Griechische Notenbank nur noch unter maximaler Ausnutzung aller legalen Spielräume begegnen kann.

„If Greece even considers making an exit of the Euro, markets, international trading companies and bank depositors will all anticipate the consequences. This anticipation of exit would likely result in economic disorder. The anticipation, and not the act of leaving, will in all probability lead to a cessation of international trade in the conventional sense, the inability of the government to raise any finance in the markets, and bank runs.“ (UBS)

Würde nun aber tatsächlich ein „geordneter“ Austritt offiziell angekündigt oder auch nur in Erwägung gezogen, dann würden, wie die Schweizer Großbank in einer aktuellen Analyse feststellt, „Märkte, internationale Handelshäuser und Sparer allesamt die Konsequenzen antizipieren, was wahrscheinlich zu ökonomischem Chaos führen würde“. Die Folgen wären dann so gravierend, dass die Autoren der Studie überzeugt sind, dass ein Austritt letztendlich doch noch vermieden werde. Allerdings orten die Experten bei vielen politischen Entscheidungsträgern ein bedrohliches Maß an Gelassenheit und viel zu viel Vertrauen in die europäischen „Firewalls“, welche die UBS indes als absolut unzureichend qualifiziert. Denn es sei klar, dass ein hohes Ansteckungsrisiko für andere Länder bestehe, und dieses Risiko lege nahe, „dass rationale Entscheidungsträger es unterlassen werden, mit diesen Wahrscheinlichkeiten zu spielen“.

Große Unbekannte internationale Großbanken

Denn hier kommt nun die große Unbekannte ins Spiel, die in den internationalen Großbanken und ihren Vernetzungen liegt und schon vor dem letzten Schuldenschnitt Griechenlands für einige Aufregung gesorgt hatte. So war bis zuletzt nicht klar gewesen, welche Folgen die Ausübung der CDS genannten Kreditsicherungen tatsächlich haben würden. Aber während sich diese Ängste zwar als unbegründet herausstellten, hatten viele Marktteilnehmer die Gefahr gesehen, dass eine Kettenreaktion aus geplatzten Hedges dafür sorgen könnte, dass wichtige Marktteilnehmer ihren Verpflichtungen nicht würden nachkommen können. So lange dann nicht klar gewesen wäre, welche Großbank tatsächlich unmittelbar in Problemen steckt und wer von diesen dann mitgerissen wird, wäre zu befürchten, dass sich alle Marktteilnehmer sicherheitshalber in Warteposition begeben und alle Risikogeschäfte einstellen, wozu dann aber sämtliche Kreditgeschäfte zählen würden. Die Folge wäre dass das Finanzsystem dann auf ähnlicher Weise einfriert, wie nach der Lehman-Pleite im Jahr 2008.

CDS-Null-Ereignis sorgt für Gelassenheit

Tatsächlich wurden die Griechenland-CDS dann zwar schlagend, nur stellte sich das an den Märkten als absolutes Null-Ereignis heraus - was dann aber offenbar erheblich dazu beitrug, dass etliche Politiker wie Analysten nun davon ausgehen, dass „die Märkte“ mittlerweile genug Zeit gehabt hätten, sich auf einen Austritt vorzubereiten. Derlei war allerdings auch vor der Lehman-Pleite angenommen worden, etwa vom damaligen US-Finanzminister Henry Paulson, der es als langjähriger Chef der führenden Investmentbank Goldman Sachs eigentlich hätte besser wissen sollen. Aber wie sich damals rasch zeigte, traten plötzlich an völlig unerwarteter Stelle Probleme auf, die tagelang nicht zu beherrschen waren und dann nur mit enormen Mengen an Zentralbankgeld und Steuermitteln überwunden werden konnten. 2008 hatten zwar auch die EZB und die europäischen Regierungen rasch und kräftig eingegriffen, nur hatte es sich damals noch nicht um eine Staatsschuldenkrise gehandelt, während der Spielraum der schwächeren Eurozonestaaten dahingehend heute gegen Null gehen dürfte.

Sollte aber – womit die UBS-Experten im Austrittsfall mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ rechnen - ein Run auf weitere Eurozonestaaten oder gar ein allgemeiner Run gegen den Euro einsetzen, werden die legalen Möglichkeiten der EZB rasch ausgeschöpft sein und dann stellt sich die Frage, ob die europäische Politik schnell genug imstande sein wird, den rechtlichen Rahmen so weit zu erweitern, dass die EZB – wie nach der Lehman-Pleite die Fed - die Krise mit dem unlimitierten Einsatz der (elektronischen) Notenpresse zuschütten kann.

 


 




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