Dienstag 30. Mai 2017, 07:25

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Wo war die Kirche in der Diskussion über die Zukunft Europas?

Am Sonntag war es der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan der wieder einmal fest ausholte und diesmal die Kirche in Europa attackierte. In Zusammenhang mit einem Besuch der EU-Kommission bei Papst Franziskus anlässlich des 60sten Geburtstages der Union, sprach Erdogan wörtlich von einer "Kreuzritter-Allianz".

Europa gilt immer noch als das „christliche Abendland“.
Europa gilt immer noch als das „christliche Abendland“.
Bild: © EU-Infothek

Eine geharnischte Reaktion gab es dazu nicht. Weder von der EU noch seitens der Kirchen. Eigentlich unverständlich. Man muss sich dazu nur die Mühe nehmen und den genauen Text vornehmen. "Versteht Ihr, warum sie die Türkei seit 54 Jahren nicht in die EU aufnehmen?", fragte Erdogan am Sonntag bei einer Wahlkampfveranstaltung in der Ankara. "Ich sage es laut und deutlich: Das ist durchweg eine Kreuzritter-Allianz." Und er zog dann so richtig über die Audienz beim Papst her: "Schaut, in Italien, im Vatikan, saßen lammfromm alle Anführer der EU-Mitgliedsstaaten und hörten dem Papst zu. Seit Beginn der Beitrittsverhandlungen der EU haben sie uns die ganze Zeit nur belogen".

Gewisse Entfremdung zwischen Politik und Kirche

Der Eindruck, dass die Kirchen selbst viel zu selten ein klares Wort sprechen, sich vieles bloß gefallen lassen, ist nicht von der Hand zu weisen. Der scheidende niederösterreichische Landeshauptmann hatte erst vor kurzem in einem Gespräch dazu sehr klare Worte gefunden: „In den letzten Jahren ist es zwischen Kirche und Politik zu einer gewissen Entfremdung gekommen. Gerade auch christdemokratische Politiker haben sich hin und wieder über die Grundsatztreue und das Verhalten der christlichen Kirchen gewundert. Weil sie manchmal eine Diskussion über grundsätzliche Fragen in der Öffentlichkeit vermissen ließen. Auch eine Glaubensgemeinschaft muss aber ihre Grundsatzpositionen klar und pointiert in der Öffentlichkeit darstellen.“

Das Schweigen der Kirchenfürsten zum EU-Geburtstag

Europa gilt noch immer als das „christliche Abendland“. Das Thema Europa spielt aber bei den Kirchen, in den Predigten und den öffentlichen Erklärungen eine eher untergeordnete Rolle. Das zeigen auch die letzten beiden Wochen. Wäre nicht die EU-Kommission am 25. März, dem 60sten Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge, zu einer Audienz beim Hl. Vater geladen gewesen, so wären die europäischen Kirchen zu diesem Jubiläum überhaupt nicht präsent gewesen. So findet sich bei der Katholischen Nachrichtenagentur „Kathpress“ keine Erklärung eines Kirchenführers. Weder von Kardinal Christoph Schönborn noch vom Europabischof – ja auch so etwas gibt es - Ägidius Zsifkovics.

Europa ein Orientierungspunkt für Humanität

Erst mit einer Woche Verspätung trat in Brüssel die Europäische Bischofskonferenz, sie nennte sich COMECE, um auch EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker einen Besuch abzustatten. Es waren vor allem schöne Worte, die man bei dieser Gelegenheit vortrug: "Mehr denn je glauben wir an das europäische Projekt und sind überzeugt, dass ein gemeinschaftlicher Weg, der auf gemeinsamen Werten beruht, der beste Weg ist", lautete eine der Botschaften. Europa würde zudem auch eine besondere Rolle zukommen, nämlich dazu beitragen, dass Frieden in einer Welt gestiftet werde, in der dies auch heute nicht selbstverständlich sei. Besonderes Augenmerk müsse "den sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen der Globalisierung“ gewidmet werden, um der sozialen Ungleichheit in seinen Grenzen, begegnen. Mit Blick auf die Flüchtlingskrise sowie den Umgang mit den Asylsuchenden und Migranten, forderten die Kirchenvertreter, dass Europa auch wieder ein Orientierungspunkt für Humanität wird.

Ruf nach einer starken Stimme Europas in der Außenpolitik

Deutlichere Worte fand da schon der Münchner Kardinal, Reinhard Marx, die es verdienen würden, auch gehört und entsprechend publiziert zu werden. Er brachte nämlich die tatsächliche Problematik auf den Punkt: "In 20, 30 oder 50 Jahren wird man auch fragen: Wo war die Kirche in den Auseinandersetzungen über die Zukunft Europas?"

Während sich in Österreich Kirchenmänner gerne in den „Seitenblicken“ zeigen lassen, gibt es auch andere Kleriker, die durchaus bereit sind, eine Gardinenpredigt zu halten. So wie dies Luxemburgs Erzbischof Jean-Claude Hollerich dieser Tage tat. Für ihn ist "eine schlechte Union immer noch besser als keine Union". Ein Wahlsieg Marine Le Pens in Frankreich wäre aus seiner Sicht eine Katastrophe. Denn "das würde an den Grundfesten Europas rütteln". Und übrigens auch US-Präsident Donald Trump bekam bei dieser Gelegenheit sein Fett ab. Um schlussendlich das zu verlangen, was sicher ein Manko der EU derzeit darstellt, nämlich eine starke europäische Stimme in der Außenpolitik, die sich vermehrt gegen die Fluchtgründe engagiere und sich in Kriegsgebieten wie dem Irak und Syrien für Gerechtigkeit und Frieden einsetze. Mit solchen Ansagen könnte sich auch die Kirche in Europa wieder mehr Gehör verschaffen.




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