Wo in Europa der Hammer fällt
Die boomende Nachfrage aus China und die Flucht in Sachwerte bescheren den Auktionshäusern Rekordumsätze. Mit zeitgenössischer Kunst sowie seltenen Uhren, Münzen und Briefmarken lassen sich gerade jetzt Top-Preise erzielen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben die meisten führenden Auktionshäuser ihren Sitz in Europa.

Bild: Thorben Wengert/pixelio.de
Zuschläge in solchen Sphären bleiben zwar die absolute Ausnahme, dennoch boomt die Branche. Nicht nur die großen internationalen Auktionshäuser verzeichneten im Euro-Krisenjahr 2011 neue Rekorde, das Geschäft brummte gleichermaßen bei den zahlreichen mittelständischen Spezialauktionshäusern. Ob Kunst, Uhren, Münzen oder Briefmarken – solvente Investoren holten sich verstärkt vermeintlich oder tatsächlich sichere Sachwerte ins Vermögensportfolio. Davon profitierten in erster Linie die führenden Auktionshäuser in Europa. Denn die meisten ersten Adressen der Branche sind auf dem „alten Kontinent“ zu finden.
Umsatzsprünge in London
Allein die Auktionshäuser in London erzielten im vergangenen Jahr ein Wachstum von mehr als 20 Prozent. Besonders gefragt war dabei zeitgenössische Kunst (Contemporary Art), die oft Rekordpreise einbringt. Der Grund lässt sich leicht nachvollziehen: Auf der einen Seite besteht eine hohe und weiter wachsende Nachfrage aus den Boomregionen in Asien, auf der anderen Seite gibt es wenige Objekte von populären Künstlern. So kann es dann passieren, dass Gerhard Richters Gemälde einer brennenden Kerze Ende 2011 für sage und schreibe zwölf Millionen Euro seinen Besitzer wechselte.
Das Londoner Auktionshaus Christie’s erzielte mit Objekten der zeitgenössischen Kunst 2011 einen Umsatz von 1,4 Milliarden US-Dollar - ein neues Allzeithoch. Insgesamt erwirtschaftete Christie’s einen Umsatz von 5,7 Milliarden US-Dollar und damit das zweitbeste Ergebnis der bisherigen Unternehmensgeschichte. Lediglich im Jahr 2008 unmittelbar vor Ausbruch der akuten Phase der Euro-Schuldenkrise liefen die Geschäfte noch besser.
Vom Run auf die zeitgenössische Kunst profitieren derweil auch die kleineren und mittleren Auktionshäuser. Van Ham in Deutschland zum Beispiel meldete für 2011 neue Hausrekorde. Allein die Doppelauktion „Moderne Kunst“ und „Zeitgenössische Kunst“ brachte ein Gesamtergebnis von 5,5 Millionen Euro ein. Das österreichische Dorotheum, nach eigenen Angaben das größte Auktionshaus in Kontinentaleuropa, konnte 2011 an die Erfolge des Vorjahres anknüpfen. Spitzenreiter bei den am höchsten zugeschlagenen Werten war Ilya Kabakovs Gemälde „Bei der Universität 1972“, das einem Telefonbieter im November 2011 fast 755.000 Euro wert war. Besonders hoher Nachfrage hätten sich ferner die Sparten Silber, Münzen sowie Armband- und Taschenuhren erfreut, heißt es im Dorotheum.
Millionen für seltene Zeitmesser
Das auf Luxusuhren spezialisierte Genfer Auktionshaus Antiquorum gibt sich zwar eher zurückhaltend, wenn es um konkrete Geschäftszahlen geht, doch die extrem starke Nachfrage aus China nach hochwertigen Nobeltickern zu fünf- oder gar sechsstelligen Preisen dürfte auch diesem Haus exzellente Zahlen beschert haben. Allein das Auktionshaus Christie’s setzte im vergangenen Jahren mit Uhren der Extraklasse fast 90 Millionen Euro um. Das beste Ergebnis brachte bei einer Versteigerung in Genf ein Zeitmesser der Marke Patek Philippe, für den erst bei drei Millionen Schweizer Franken, also knapp 2,5 Millionen Euro, der Hammer fiel. Vom Uhrenboom und der steigenden Nachfrage aus China profitieren ferner die mittelständischen Spezial-Auktionshäuser, wie Dr. Crott in Mannheim.
Noch vor nicht allzu langer Zeit als spießiges Hobby von wortkargen Sonderlingen belächelt, erleben auch Briefmarken ein Comeback. Vorausgesetzt, sie sind selten und teuer. Bei seiner Versteigerung von Briefmarken und Münzen setzte das Schweizer Auktionshaus Rapp im November vergangenen Jahres 12,6 Millionen Franken um, das entspricht etwa 10,5 Millionen Euro. Das Ergebnis lag damit deutlich über den Erwartungen. Auch eine zweite bei Philatelisten geschätzte Adresse hat seinen Sitz in Europa: das Auktionshaus Heinrich Köhler in Wiesbaden, das seinerzeit die umfassende Briefmarkensammlung von Simon Wiesenthal versteigerte.
China-Boom und Euro-Ängste sichern den Auktionshäusern eine Sonderkonjunktur. Mit Sachwerten lässt sich viel Geld verdienen. Allerdings: Es wird immer schwieriger, wirklich seltene Objekte in die Auktionskataloge zu bekommen. Wer wertvolle Stücke sein eigen nennt, trennt sich nicht ohne Not davon – zumal in unsicheren Zeiten. Die Auktionshäuser setzen daher nicht zuletzt auf die Erbengeneration, die mit der alten Nobeluhr oder mit der Briefmarkensammlung ihrer Eltern nicht allzu viel anzufangen weiß und ihre Schätze jetzt zu Top-Preisen versilbert.


















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