Wird Europas Gesellschaft tatsächlich gieriger?
Es scheint das Modewort der Zeit zu sein: G I E R. Alles, was man heute ablehnt, lehnt man ab, weil es „gierig“ ist. Banken, Konzerne und Finanzwirtschaft. Selbst der Papst fühlte sich bemüßigt, die Christen vor der Gier zu warnen.
Im kapitalismuskritischen Deutschland analysiert man da besonders gründlich. Die Klimaanlagen uralter ICE-Garnituren fallen aus. „Die Gier der Manager ist daran schuld, denn an Klimaanlagen sparte man, um den Börsengang der Bahn vorzubereiten!“ − so Politiker und Volksmund unisono.

Bild: mh09
Wenn sich Hamburg über den stärksten Bevölkerungsanstieg Deutschlands freut und wie im Lehrbuch die exorbitante Nachfrage nun die Mieten treibt, dann hat man bei Spiegel TV die einfache Antwort: „Die Gier der Kapitalisten ist daran schuld“ – Und natürlich die der Spekulanten. Und es wäre nicht Deutschland, wenn solcherart Entgleisungen als selbstverständlich hingenommen würden.
Fernsehsender wie das ZDF haben ihre eigenen Formate, die des Volkes Lust an fremder Gier bedienen. Auf „Wiso“(„Wirtschaft und Soziales“) kriegen Sparsame Tipps, wie man noch mehr sparen kann: Wie komme ich zu billigerem Strom? („Beim Wechsel auf die 14-Tagesfrist aufpassen!“) − Wie kann ich weiterhin billig mit dem Prepaid-Handy telefonieren? („Wenigstens ein Telefonat alle drei Monate. Noch besser: ein sms schicken – ist noch billiger!“) − Wie komme ich zu kostenloser Navigationssoftware? („Kostenlos“ – Das Sparerherz im Freudentaumel).
„Die Gier der Anderen“
Gleichzeitig schimpft man in derselben Sendung dann auf die „Gier der Anderen“. Verbraucherschützer empören sich bei „Wiso“ über Billigflieger „Ryanair“, wenn der zum vorgeblichen Schnäppchenpreis von 47,90 Euro noch weitere Nebengebühren verrechnet, um schließlich zu einem Bruttopreis von 257 Euro zu gelangen. Was man bei „Wiso“ aber nicht zu sagen wagt: Billigflieger müssen so unseriös agieren, weil die meisten ihrer Kunden es so wollen. Die wollen nun einmal auf billig. Nicht weil sie sich’s nicht leisten könnten, aber durch ihr eisernes Sparen ist heuer auch noch der vierte Urlaubsflug drin.
Den meisten Airlines wäre es viel lieber, sie könnten gleich den Preis von 257 Euro nennen. Die Erfahrung mit vielen Kunden aber hat gezeigt: Die Kunden warteten dann „ewig“, bis sie endlich buchten. Oder sie versuchten zu feilschen oder es über Umwege und Bekannte etwas billiger zu kriegen. Und in der „Wirtschafts-“Sendung konnte man dann Berichte über die Gier der großen Airlines und ihre hohen Preise sehen.
Sparerparadies: Deutschland, Frankreich
„Die Preiswahrnehmung des Kunden ist insbesondere in Deutschland der dominierende Faktor für die Kaufentscheidung“, im internationalen Vergleich gehören die Deutschen gemeinsam mit Franzosen und Holländern zu den sparsamsten Menschen weltweit (Preisstudie OC&C, Sample 60.000). Am großzügigsten sind Engländer und Amerikaner. Gehen in Amerika drei Pärchen essen, wird die Rechnung am Ende einfach durch drei geteilt. Für Deutsche oder Österreicher schier unvorstellbar.
Die kontinentaleuropäische Pfennigfuchserei ist für Menschen aus dem angelsächsischen Raum hingegen peinlich und ein gesellschaftliches No-Go. Das hat mit der unterschiedlichen Selbstsicht beider Kulturen zu tun. 70 bis 80 Prozent der Europäer wurden zu kleinen Leuten sozialisiert und fühlen sich auch so – auch wenn man die meisten nach objektiven Kriterien zum Mittelstand zählen würde. In Amerika zählen sich hingegen 70 bis 80 Prozent zur Mittelschicht – selbst wenn sie es objektiv nicht einmal sind. Es ist aber der Stolz, der Europäern fehlt und das lässt manchen Amerikaner verächtlich auf Europa blicken.
Die Gier der Gewerkschaften
Wenn die IG Metall 8 Prozent mehr Lohn fordert, setzt sie Unternehmer unter Druck, die 8 Prozent an Mehrkosten auch wieder herein zu verdienen. Da die Leute aber nicht gleichzeitig um 8 Prozent länger arbeiten wollen, wird die gedrückte Firma im nächsten Jahr schneller wachsen müssen. Und nur die Jüngsten, Stärksten und die Talentiertesten werden sich bei den hohen Löhnen dann noch rechnen. So zwingt die Gier der kleinen Leute das System zu immer schnellerem Wachstum.
Menschen beziehen den Vorwurf der Gier nie auf sich persönlich. Meistens aber schon auf den, der nur ein Eck’ mehr hat als man selbst. Das Rentnerpaar mit Euro 1.500 empfindet den Akademiker mit seinen 3.000 Euro brutto als gierig. Der Akademiker wiederum hält sich nicht für gierig. Dafür aber seinen Onkel, der eine Firma hat. Dieser wiederum hält den Zweigstellenleiter seiner Raiffeisenkasse für besonders gierig, dabei glaubt der selber das mit seinen 6.000 Euro monatlich aber wieder nicht.
Mitte August 2009 erzählte man im ZDF die Geschichte eines arbeitslos gewordenen Investmentbankers von einem kleineren Bankinstitut. Selbst der Banker entkam dem medialen Druck zum Schimpfen gegen Banker nicht und musste für die Reporter einen gierigen Sündenbock aus seinem Hute ziehen. Er entschied sich für die gierigen Großbanken. Die wären in der Vergangenheit einfach zu gierig gewesen. Am Ende des Beitrages konnte man noch erfahren, dass gerade eine solche ihm einen neuen Job gegeben hatte.
Gier und Projektion
In der Psychoanalyse nach Sigmund Freud versteht man unter Projektion den Abwehrmechanismus, bei dem eigene, unerträgliche Gefühle und Wünsche einem anderen Menschen oder Gegenstand zugeschrieben werden. Dies kann bis zu paranoiden Zuständen führen, in denen man an einer verzerrten Wahrnehmung seiner Umgebung leidet. Die Folgen reichen über ängstliches oder aggressives Misstrauen bis hin zur Überzeugung von der Verschwörung anderer gegen einen selbst.
In Salzburg befragte man deutsche Tanktouristen jüngst, wer denn Schuld an den hohen Spritpreisen hätte. Die Antworten kamen prompt und waren auch so erwartet worden: „gierige Konzerne wollten sich die Taschen vollstecken!“ So reden die, die – von Gier und Geiz getrieben − kilometerweit nach Österreich fahren, nur um sich dort den Benzintank billig aufzufüllen. Dass 2/3 des Spritpreises im Riesenloch des Wohlfahrtsstaats verschwinden und dem Konzern vom Liter Sprit nur ca. Euro 0,03 als Gewinn vor Steuern bleiben, interessiert die Sparbewussten nicht. Weder Journalist noch Tanktourist. Man „selber“ ist doch nicht gierig! Und schon gar nicht geizig – höchstens preisbewusst. „Gierig“ sind doch immer nur „die anderen“.
Natürlich spielen auch die Medien nur allzu gerne auf dem Sündenbock-Klavier. Um die gewünschte Antwort zu bekommen, hatte man den befragten Tanktouristen zu Beginn des Interviews gesagt, dass (freilich ungenannte) „Experten“ die Spritpreise als zu hoch erachtet hätten. Na, welche Antwort haben Sie sich erwartet?
Mitteleuropäer sind bei Produktmanagern weltweit gefürchtet. Für deren Geiz. Manche nennen „Geiz“ deshalb auch „die Gier der kleinen Leute“. Da deren Gesellschaften aber eben diese Eigenschaften als widerwärtig definieren, zwingen sie ihre Bürger, diese ihre „eigene“ Eigenschaft bei anderen zu entdecken. Und dort zu stigmatisieren. So entstehen Sündenböcke. Und auf diese kann man jetzt schimpfen, ohne sich für seine „eigene Gier“ andauernd schämen zu müssen.
Ein beliebter Sündenbock sind Spekulanten. Solche, die den armen Menschen in der Dritten Welt nur so wenig für deren Produkte zahlen wollen. Das hat natürlich nichts damit zu tun, dass die kleinen Leute für die Produkte heimischer Firmen nur so wenig bezahlen wollen. Selber spart man beim Einkauf um jeden Preis, aber die anderen, die Spekulanten, die sollen bei ihren (Rohstoff-) Einkäufen in Übersee dann plötzlich großzügig sein? Mit welchem Geld? Dem, das sie von den knausrigen kleinen Leuten hierzulande nicht bekommen haben?
Die Gier und Wir
Im Wesentlichen ist’s seit Jahrhunderten der immer gleiche „Kampf“ der Europäer gegen ihre eig’ne Gier. Schon Kinder wissen: „Was man sagt, das ist man selber!“, und so schimpfen unsere Landsleute heute so wütend auf die „Gier der anderen“ − und sind es meistens selber.
Europa ist der Mutterkontinent der Projektion. Die Wurzeln liegen in den Mythen unserer abendländischen Kultur, im so genannten „Nullsummenspiel“: Was – oder wer − heute wächst, hat dies auf Kosten anderer getan. Wenn eine Kultur Ehrgeiz, Engagement und Wachstumswillen aber so stark unterdrücken muss, um ja nicht als „gierig“ oder „(ehr)geizig“ dazustehen, bleibt der Seele nur mehr das psychopathologische Ventil der Projektion.
Früher nannte man Menschen, die sich selbstständig machen wollten, tüchtig. Heute nennt man sie − politisch korrekt − „gierig“. Bei Reichen ist man im Land der kaiserlichen Ur-Ur-Untertanen nur dann großzügiger, wenn sie ihr Vermögen einst erbten und es nicht durch Ehrgeiz selber schufen. Oder wenn sie für das (Öster-) Reich Fußball spielen oder auch schön singen können. Damit schaffen sie zwar nur ausnahmsweise neue Jobs, doch niemand neidet ihnen ihre Millionen. Es ist dem Durchschnittsbürger heute klar, dass er nicht so gut singen kann wie Reinhard Fendrich oder so toll Fußball spielt wie Beckenbauer. Wenn aber Herbert Stepic von Raiffeisen International in 10 Jahren einen Konzern mit 68.000 (!) neuen Arbeitsplätzen aufbaut, ist das selbstverständlich. Der linke Mainstream rechnet kunstvoll vor, wie unverschämt hoch die Gage von Topmanager Stepic im
Vergleich zu einem rumänischen Schalterbeamten wäre. Sie tun das nicht bei Reinhard Fendrich oder Franz Beckenbauer. Denn im Mainstream ist nur einer wie der Herbert Stepic heute „gierig“. Die beiden andren sind es nicht.
Es ist dies das Sittenbild einer bigotten Gesellschaft, deren materielle Zukunft noch fraglicher ist als ihre moralische.


















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