Wie nachhaltig ist Tourismus geworden?
Das bevorstehende Rio+ 20 veranlasst namhafte Experten, darüber nachzudenken. Manfred Pils (Naturfreunde Internationale) und Eugenio Yunis (Geschäftsführer des chilenischen Dachverbandes für Tourismusunternehmen FEDETUR) haben einige interessante Überlegungen zu diesem Thema angestellt.

Bild: no/flickr.com
Reisen: Kulturhunger ohne Grenzen
Was Anfang des letzten Jahrhunderts noch einigen wenigen Reichen und Auserwählten vorbehalten war, hat sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem Massenphänomen entwickelt. Städtereisen, Badeurlaub im Süden und Abenteuerurlaub boomen, Reisen scheint das beliebteste Hobby vieler Menschen zu sein. Reisen bildet, es gilt als Statussymbol für Wohlstand und beliebtes Instrument der Selbstverwirklichung. Und so darf es nicht verwundern, dass der Tourismus als hoch gepriesener Motor für die Wirtschaft gilt. Speziell für die nur wenig entwickelten Länder wird er als wirkungsvolles Instrument im Kampf gegen die Armut gesehen.
Eine Billion Touristen unterwegs
Diese Zahl verdeutlicht die Dimensionen der globalen Reisebewegungen. Die Statistik erfasst dabei die Ankunft der Reisenden, „Arrivals“ liefern Fakten. Diese sind gleich Kennzahlen für Wirtschaft und Politik gleichermaßen als Kriterium für Erfolg oder Misserfolg zu sehen, es geht um Wachstum und Jobs. Die Nachhaltigkeit bleibt auf der Strecke. Viele Touristen bedeuten viele Einnahmen, nicht mehr und nicht weniger. Immerhin sind global gesehen rund 6-7% der Arbeitsplätze direkt oder indirekt mit dem Tourismus verbunden. Die Zuwachsrate der registrierten Ankünfte beträgt für den Zeitraum 1995-2020 kalkulierte 4% pro Jahr. Das bedeutet Wachstum und Arbeitsplätze, zugleich aber eine enorme Belastung für Umwelt und Natur. Das Ökosystem wird dabei bis an die Grenze strapaziert.
Reisen aus Sicht der C02-Emissionen
Schätzungen zufolge gehen rund fünf Prozent der globalen CO2-Emissionen auf den Tourismus zurück. Das beinhaltet die Bereiche Transport ebenso wie Beherbergung und die Aktivitäten vor Ort, man will ja was erleben. Rund 40 Prozent dieser Emissionen gehen auf den Flugverkehr zurück, der private Verkehr ist mit über 30 Prozent daran beteiligt. Während sich die Aktivitäten vor Ort ebenso wie sonstige im Zusammenhang mit Transport stehenden Bewegungen nur marginal bemerkbar machen, entfallen auf die Beherbergung rund ein Fünftel der verursachten Emissionen. Trotz immenser technischer Fortschritte und soziokulturellen Massnahmen sind die prognostizierten Zuwachsraten beängstigend. Gegensteuern ist angesagt, Nachhaltigkeit das Gebot der Stunde.
Nachhaltigkeit als Entwicklungsprozess
Absolute Nachhaltigkeit im Tourismus ist ein Ding der Unmöglichkeit, in diesem Punkt sind sich alle einig. Basierend auf einem langjährigen Denk- und Entwicklungsprozess hat sich die Einstellung der Betroffenen langsam in Richtung Nachhaltigkeit ausgerichtet. Es ist ein branchenübergreifendes Problem, wobei das Überwinden der Entfernungen als Kernproblematik gilt. Das führt zu der Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit überwiegend auf lokaler Ebene praktikabel ist, überregional wird diese Herausforderung bereits als problematisch eingeschätzt, unabhängig von den laufenden technischen Fortschritten im Kampf gegen schädliche Emissionen.
Wo sind die langfristigen Pläne?
E. Yunis arbeitet seit den 80er Jahren am Schnittpunkt zwischen Tourismuspolitik und Entwicklungszusammenarbeit. In seinen Augen fehlt es in Europa an Planung und Struktur. Entwicklungsländer sind aufgrund ihrer Flexibilität im Vorteil, so der Experte. Im südamerikanischen Raum scheint es mit der Nachhaltigkeit ganz gut zu klappen, die Liste der guten Beispiele reicht von Argentinien über Bolivien bis zu Peru. Das Stichwort dabei lautet langsames, überlegtes Wachstum. Hierzulande scheitert es, so seine Worte, an passenden Rahmenbedingungen. In diesem Zusammenhang kommt die Empfehlung von 5 bis 10- Jahresplänen. Information und Aufklärung müssten forciert werden. Die Problematik liegt im Massentourismus, da dieser nur bedingt steuerbar ist. Qualitätstourismus wäre eine Option, doch das wiederum klingt ganz nach Kostenfrage. Nichtsdestotrotz, den Ausführungen ist reichlich Optimismus zu entnehmen, mangels geeigneter Rahmenbedingungen bleibt der Schwarze Peter der Politik hängen.
Greenwashing: Sanfter Tourismus
Im Laufe der letzten Jahre hat sich der Trend zum sanften Tourismus bemerkbar gemacht. Dieser ist jedoch sehr zielgruppenspezifisch zu bewerten. Prestigereisen stehen nach wie vor dem Ökotrend entgegen, das breite Umdenken hat noch nicht begonnen. Es sind jedoch vielfach gute Ansätze erkennbar. So gibt es global gesehen mittlerweile über 200 Systeme, mit welchen Nachhaltigkeit gelebt und beworben wird. Was fehlt, sind tragfähige Gesamtkonzepte. In diesem Punkt herrscht Einigkeit unter den Experten. Hiking clever, Natur erleben und ähnliche Programme bilden einen guter Anfang, wenn auch nur auf regionaler Ebene. Die großen Probleme sind es, die gelöst werden müssen, auch wenn namhafte Hotels und Tourismusveranstalter teils sehr ambitionierte Massnahmen treffen.
Emissionszertifikate keine Lösung
M. Pils drängt auf konsequentes Umdenken. Es ist Sache des Marketings, wie Regionen verkauft werden. Eine Verallgemeinerung ist prinzipiell nicht möglich, da regionale und nationale Voraussetzungen einfach zu unterschiedlich sind. Die aktuelle Wirtschaftskrise hemmt spürbar die nachhaltige Entwicklung im Tourismus, für den Endkunden ist es eine Kostenfrage. Mit dem Emissionshandel ist dabei kein Rennen zu machen, einmal mehr gibt es dafür harsche Kritik aus der Sicht eines Experten. Es geht um die Summe der Massnahmen und Indikatoren, die zusammen spielen. Das betrifft Energieeffizienz ebenso wie Ressourcen, die geschont werden müssen. Abfallbewirtschaftung ist ein weiteres Kriterium, Nachhaltigkeit bedeutet Kostenersparnis. Doch das ist wohl kaum die Sache der Touristen, die ihre eigenen Vorstellungen von Urlaub haben.
Rio +20: Was kommt danach?
Die Kosten dafür sorgen einhellig für reichlich Unmut, der Zeitpunkt für das Gipfeltreffen ist denkbar ungünstig, die Wirtschaftskrise schlägt durch. Das führt zu durchwegs sehr geringen Erwartungen. Die Erkenntnis, dass Tourismus an Nachhaltigkeitskriterien geknüpft werden muss lässt wenig Hoffnung auf durchdachte Konzepte aufkommen, Qualitätstourismus wäre eine Option. Rio +20 sollte als Rückblick genutzt werden, als Punkt zum Innehalten: Wie steht es um Benchmarks? Auch wenn der globalen Entwicklung ein hoher Stellenwert eingeräumt wird, die soziale Gerechtigkeit sollte in den Mittelpunkt der Überlegungen gerückt werden.
Da stellt sich eine Frage: Wenn wir Rio +20 mit so wenig Ambition und Zuversicht begegnen, was wird dann mit Rio +30??? Etwas mehr Optimismus wäre wirklich angebracht.


















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