„Wie es euch gefällt“
Die Financial Times wusste vor kurzem unter der Überschrift „Die plötzliche Kehrtwende des IWF“ über den Wirtschaftsausblick 10/2012[1] zu berichten. Im Ergebnis hätte sich der IWF von der bisherigen Berechnung der fiskalischen Folgen von Austeritätspolitik ohne Rücksicht auf die Binnennachfrage verabschiedet. Mehr noch: Die Kehrtwende werde von niemand anders vertreten als vom französischen Chefökonomen des IWF, Blanchard, und müsse als ein Schuldeingeständnis der bisherigen Politik angesehen werden. Dies alles lässt aufhorchen.

Bild: International Monetary Fund
In der Tat fällt das ökonometrische Puzzle von Herrn Blanchard nicht vom Himmel. Er gibt ganz unumwunden zu, dass dies der im Gang befindlichen fiskalischen Konsolidierung geschuldet sei. Die dabei beobachtete, nachlassende ökonomische Aktivität habe ganz natürlich die Frage aufgeworfen, ob bisher die konjunkturellen Kosten fiskalischer Konsolidierung unterschätzt worden seien.
Politik des IWF ging von der Fehlannahme aus
Der zugrunde liegende Stichprobenraum umfasst 28 Volkswirtschaften. Die Beobachtungen gehen zurück bis auf die große Rezession in den Dreißigerjahren. Im ausgewerteten Bericht wird deutlich, dass die Wachstumsprognose, mit der die fiskalische Konsolidierung einherging, meistens unrichtig ausgefallen ist. Anders gesagt: Die Auswirkungen der fiskalischen Konsolidierung auf das Wachstum waren sehr viel negativer als angenommen. Während in bisherigen Analysen davon ausgegangen wurde, dass der fiskalpolitische Multiplikator 0,5 betrug, müsse nunmehr davon ausgegangen werden, dass er zwischen 0,9 und 1,7 liegen wird. Dies bedeutet im Klartext, dass die bisherige Politik des IWF von der Fehlannahme ausging, dass fiskalpolitische Reformschritte in unzureichendem Maße die damit einhergehenden Konjunktureinbrüche – sprich: Wachstumschancen - quantifizierten. Man kann sich ausrechnen, welche gravierenden Folgen das hat, wenn ein Land in einem Jahr 2% seiner Ausgaben spart. Es hätte dann bei den neu verwandten Multiplikatoren zwischen 1,8% und 2,4% Rezession des BIP.
Sicher wird nun eine Debatte darüber einsetzen, ob vor dem Hintergrund der „neuen“ Erkenntnisse von Blanchard die gesamte Austeritätspolitik zur Disposition gestellt werden soll. Dies ist angesichts der Alternativlosigkeit derselben fragwürdig. Indessen sollte über die Methodenkontinuität des IWF intensiv und kritisch nachgedacht werden. Was da in einem Kasten von Herrn Blanchard und seinen Kollegen verkündet wird, ist die Änderung einiger Schräubchen in den bisher verwendeten ökonometrischen Modellen. Blanchard und seine Kollegen setzen sich dem Verdacht aus, ihre Modelle nach der Realität auszurichten und nicht nach einwandfreien, konstant vorgenommenen Erkenntnissen. Entweder gibt man sich mit dem, was der IWF verkündet, so zufrieden wie mit einer Seligsprechung des Oberhaupts der katholischen Kirche, oder man wendet jene Methoden an, die der Wissenschaft geschuldet sind. Hiernach müsste eine breite wissenschaftliche Debatte, gerade unter quantitativ ausgerichteten Ökonomen, stattfinden, die zur „Ent-Diskretionierung“ von höchst fragwürdigen ökonometrischen Modellen führen könnte. Dann wäre Platz, der Ökonomie ihre eigentliche Rolle zurück zu geben, als eine permanente, ernst zu nehmende und unbestechliche Waffe gegen die Willkür öffentlicher Ausgabenpolitik.
Mit den neuen Erkenntnissen des IWF mag man sich anlegen oder anfreunden. In der Sache ändern sie nichts an der Notwendigkeit der Austeritätspolitik, sondern geben Anlass, über die Mephisto-Rolle des Monsieur Blanchard als Chefökonom des IWF nachzudenken.
[1] International Monetary Fund, World Economic Outlook October 2012. Coping with High Debt and Sluggish Growth.


















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