Mittwoch 22. Mai 2013, 15:00

Binnenmarkt & Wettbewerb


Weshalb Nobelticker der Krise trotzen

Es gibt Branchen, in denen sind die Europäer ungeschlagene Weltmeister. Mitunter handelt es sich um wenig beachtete Nischen, die aber dennoch ein milliardenschweres Potenzial aufweisen. Anfang März beginnt in Basel mit der „Baselworld“ die weltgrößte Messe für Uhren und Schmuck – und bereits im Vorfeld scheint festzustehen, dass neue Rekorde erzielt werden dürften. Denn der Markt für Luxusuhren boomt trotz Schuldenkrise und drohender konjunktureller Abschwächung. Die führenden Marken kommen allesamt aus Europa, vor allem aus der Schweiz und Deutschland.

Weshalb Nobelticker der Krise trotzen
Weshalb Nobelticker der Krise trotzen
Bild: baselworld
Mancher hat eben seinen ganz eigenen Krisenindikator: Der Chef eines kleinen deutschen  Uhrenherstellers und regelmäßige Besucher der „Baselworld“ weiß: „Wenn Sie in der Nähe der Messehallen einen Parkplatz bekommen, dann sieht es wirklich düster aus für die Branche“. Im Jahr 2009, im Zeichen der Finanz- und Bankenkrise, bekam er einen Parkplatz. In diesem Jahr empfiehlt es sich wohl eher, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen, denn lange lief es nicht mehr so gut für die Uhrenbranche wie derzeit. Das Jahr 2011 markiert einen neuen Rekord. Es war – vor allem dank der stark gestiegenen Nachfrage aus China – das vermutlich beste Uhrenjahr aller Zeiten. Und 2012 verlief bisher ebenfalls nach Maß. Der Genfer Uhrensalon SIHH hätte für die Hersteller erfolgreicher kaum sein können. Und auch die Inhorgenta Mitte Februar in München gab Anlass zur Zufriedenheit. Ein Optimismus, der sich auf der „Baselworld“ noch einmal verstärken könnte.

Preise steigen ins Unermessliche

Um es salopp zu formulieren: Uhren sind „in“, ganz unabhängig davon, ob sie als teure Wertanlage oder als günstiges Lifestyle-Produkt die Verbraucher überzeugen. Nach einer Statistik des Marktforschungsunternehmens GfK wurden in Deutschland im vergangenen Jahr elf Prozent mehr Uhren verkauft als 2010. Allein in den Wochen vor Weihnachten – zwischen Oktober und Dezember – stieg der Umsatz um 18 Prozent.

Damit ist die Behauptung widerlegt, nur die sehr teuren Spitzenmodelle der renommierten Manufakturen in der Schweiz und im sächsischen Glashütte profitierten vom aktuellen Uhrenboom. Tatsächlich verweisen Uhrenliebhaber und –sammler mit eher durchschnittlichem Budget auf die Kehrseite der hohen Nachfrage nach Spitzenprodukten der Haute Horlogerie: Die Preise für Zeitmesser bekannter Marken steigen ins Unermessliche.

Doch weder hohe Preise noch der starke Schweizer Franken schrecken die Kunden in China offenkundig ab. Wie der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie (FH) jetzt mitteilte, stiegen allein im Zeitraum von Januar bis September 2011 die Absätze in der Volksrepublik China gegenüber der Vergleichsperiode des Vorjahres um 48 Prozent, in Hong Kong immerhin um 29 Prozent. Diese beiden Märkte vereinigen fast 30 Prozent der Exporte der Schweizer Uhrenindustrie auf sich. Nach dem jüngsten Huan China Wealth Report stehen Luxusuhren ganz oben auf der Wunschliste chinesischer Millionäre. Gefragt vor allem: Nobelticker aus der Schweiz, deren Preise in den vergangenen Jahren denn auch exorbitant gestiegen sind.

Die zunehmende Ausrichtung mancher Luxus-Manufakturen auf den chinesischen Markt stellt eine sehr gute Chance für Hersteller im mittleren Preissegment dar, darunter viele mittelständische Betriebe in Deutschland. Selbst passionierte Uhrenliebhaber sind nämlich nicht bereit, für einen neuen Zeitmesser den Gegenwert eines Mittelklassewagens zu investieren.

Japan und die Quarzrevolution

Der Erfolg der europäischen Marken ist umso erstaunlicher, als die Branche in den 1980er Jahren kaum noch eine Chance zu haben schien. Damals eroberten japanische Hersteller mit preiswerten Quarzuhren die Weltmärkte. Im Jahr 1981 wurden in Japan fast 108 Millionen Zeitmesser produziert – in der Schweiz gut ein Drittel weniger. Seit 1986 sind Uhrenhersteller aus Nippon auch auf der „Baselworld“ vertreten. Die Schweizer Uhrenindustrie geriet in eine existenzbedrohende Krise. Erst die Renaissance der mechanischen Zeitmesser ließ die Eidgenossen wieder zu ihren alten Stärken zurückkehren.

Die Chinesen kaufen derweil nicht nur Uhren, sondern mitunter sogar deren Produzenten. Unlängst erwarb das chinesische Unternehmen Hon Kwow Lung die traditionsreiche Schweizer Marke Eterna.


 




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