Weshalb die „Bullen“ die Schuldenkrise ignorieren
Den europäischen Aktien scheinen die Turbulenzen um Griechenland und andere Krisenstaaten im Süden des Euroraums wenig anhaben zu können. Seit Jahresbeginn legten viele Blue chips deutlich zu. Trotzdem sind die Titel aus Europa noch vergleichsweise günstig bewertet, außerdem profitieren Anleger von einer attraktiven Dividenden-Rendite.

Bild: eu-infothek
Sogar neue Hiobsbotschaften aus den hochverschuldeten Euro-Staaten führen allenfalls vorübergehend zu moderaten Kursabschlägen. Noch vor einem halben Jahr hätten solche Nachrichten einen Minicrash an den Börsen ausgelöst. Übertriebener Optimismus, Flucht in den Sachwert „Aktie“? Tatsächlich gibt es eine Reihe guter Gründe für die gute Stimmung an den wichtigsten europäischen Handelsplätzen.
Erstens profitieren die Investoren von einer recht attraktiven Dividendenrendite. Die führenden europäischen Aktiengesellschaften zahlen ihren Eigentümern im Schnitt eine Dividende von 3,8 Prozent. Wer hingegen in zehnjährige deutsche Bundesanleihen investiert, muss sich mit einer Verzinsung von weniger als der Hälfte zufrieden geben. Die Geldmarktzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) sind auf 1,0 Prozent gesunken. Mit sicheren Zinsanlagen lässt sich kein Geld mehr verdienen. Im Gegenteil, nach Abzug von Steuern und Inflation ergibt sich sogar ein Verlust.
Immer noch günstige Einstiegspreise
Zweitens sind die europäischen Blue chips trotz der deutlichen Kursgewinne seit Beginn des neuen Jahres immer noch vergleichsweise günstig – zumal, wenn man sie mit US-amerikanischen Spitzenwerten vergleicht. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis europäischer Blue chips liegt derzeit bei unter neun Prozent. Da ist von übertriebener Euphorie nicht viel zu spüren, eher von vorsichtigem Optimismus. Günstige Einstiegspreise sowie eine hohe Dividendenrendite sorgen dafür, dass die Risiken eines Investments in europäische Aktien überschaubar bleiben.
Drittens haben die Unternehmen aus früheren Krisen gelernt. Sie reduzierten ihre Verbindlichkeiten und bauten Liquidität auf. Somit sind sie nicht mehr oder nur noch in geringem Umfang auf Bankkredite angewiesen. Maschinen, Autos, Luxusgüter, Chemie und Pharmazie aus Europa sind zudem weltweit gefragt.
Viertens schließlich haben institutionelle Investoren europäische Aktien in den vergangenen Jahren nur mit spitzen Fingern angefasst. Die Schuldenkrise, die rasch zu einer Euro-Krise eskalierte, hielt viele davon ab, europäische Dividendenpapiere zu kaufen. Sie setzten stattdessen auf amerikanische Titel. Tatsächlich zeigte eine Umfrage unter internationalen Vermögensverwaltern im vergangenen Monat, dass Euro-Aktien noch stark untergewichtet, amerikanische Aktien aber übergewichtet waren. Obwohl die Untergewichtung europäischer Papiere in den vergangenen Wochen etwas reduziert wurde, fließt nach wie vor Investorengeld in den Euro-Raum. Nicht zuletzt tragen auch die erheblichen Liquiditätsspritzen der EZB zur freundlichen Stimmung an den europäischen Aktienbörsen bei.
Die Einkaufsliste der Investoren
Einmal mehr bestätigt sich die alte Empfehlung „Buy on bad news“. Wer die Schuldenkrise nutzte, um europäische Aktien zu kaufen, konnte sich mit etwas Glück so manches Schnäppchen ins Depot holen. Noch ist es nicht zu spät. Eine Insolvenz Griechenlands und der Ausbruch sozialer Unruhen in den hochverschuldeten Euro-Ländern könnte die Stimmung an den Börsen erneut eintrüben und gute Kaufgelegenheiten bieten.
Besonders interessant erscheinen Aktien von Unternehmen aus den Kernländern des Euro-Raums. Die südeuropäischen Märkte bieten hingegen eher spekulative Chancen. Was die Branchen angeht, so sind in erster Linie zyklische Konsumgüter, wie Automobil- und Luxusgüter-Aktien, interessant. Aber auch Logistikdienstleister wie die Deutsche Post sowie Chemie- und Pharmawerte stehen auf der Einkaufsliste institutioneller Anleger, darunter Bayer, Novartis, Roche, Unilever und Fresenius Medical Care. Sicherheitsorientierte Anleger sollten hingegen die Aktien von Fluggesellschaften und Banken zunächst noch meiden.
Wie auch immer: Die europäischen Unternehmen sind schon in wesentlich besserer Verfassung als die Staaten.













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