Wenn Marxisten irren: Die Prämisse vom Nullsummenspiel
Seit Marx hallen die Klagelieder traurig durch Europa: „Die Armen werden ärmer!“, „Die Reichen dafür immer reicher“, „Die Mittelschichten schrumpfen!“, „Die Kluft wird größer!“ und „Der Wohlstand ist ungerecht verteilt!“ Und tendenziell wird alles schlechter, unfairer und vor allem ungerechter. Auch wenn Zahlen (wie die des EU-Armutsberichtes oder der OECD) das Gegenteil bekunden. Der Grund: Europas Denken im Nullsummenspiel.

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Unser Land verzehrt sich in einer lähmenden Armutsdebatte, kaum etwas beherrscht den Alltag so wie die (geschürte) Angst vor dem sozialen Abstieg. Über 175.000 Deutsche wollten 2009 in diesem Klima nicht mehr leben und verließen ihre Heimat - so viele wie schon seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr. In ihren „kapitalistischen“ Zielländern Amerika, Kanada, Schweiz oder Australien müssen sie zwar mehr und länger arbeiten, doch genießt man das Leben dafür ohne Dauerstimmungstief. Welche negative Kraft verleidet es den Europäern, sich im Wohlstand wohl zu fühlen?
Es ist das unselige Prinzip des „Nullsummenspiels“. Tief wurzelt es in der christlich-jüdischen (Glaubens-) Geschichte. Es besagt: Die Summe aller Dinge auf der Welt ist immer Eins. Hat einer von irgendetwas mehr, muss im Gegenzug dafür ein anderer wohl etwas weniger haben.
Doch das Gegenteil ist wahr: Findet sich in einem Ort ein talentierter Mensch, der seine Chancen nutzt und neue Güter produziert, dann benötigt er dazu Mitarbeiter – Jobs entstehen „aus dem Nichts heraus“. Rohstoffe bekommen plötzlich einen Wert und Lieferanten plötzlich Aufträge. Im Umfang der neu verkauften Güter druckt der Staat nun Banknoten und bringt sie in Umlauf. Früher geschah dies über Staatsaufträge, heute über die Kreditschöpfung der Banken. Eine Gesellschaft besitzt nun mehr an Gütern und auch mehr an Geld. Wohlstand durchdringt den Ort. Viele Menschen werden reicher, kein einziger hingegen ärmer. Und die Summe allen Vermögens ist nun 3.
Wenn der „Kuchen größer wird“
Auf einem kargen Wüstenstreifen am östlichen Mittelmeer liegt die kulturelle Wiege des Abendlandes. Über eine ungeheuer lange Zeit glich diese Wiege allerdings viel eher einem Hungerturm. Tatsächlich waren die 2.000 Jahre bis Christi Geburt und die 1.500 Jahre danach eine Zeitstrecke ohne (nennenswertes) Wirtschaftswachstum, ohne Entdeckungen und (fast) ohne jeden Fortschritt. Sich wirtschaftlich zu verbessern war für die Mehrheit der Bevölkerung stets undenkbar. Und nach Tausenden Jahren der Stagnation und Depression hatte es eine Gesellschaft verinnerlicht, dass man nur reicher werden konnte, wenn man jemand anderem etwas dafür vorher weggenommen hatte, wenn man es stahl oder jemanden betrog.
Da die Erträge pro Hektar über Tausende Jahre hinweg stagnierten, konnte der Bauer seinen Gewinn nur dadurch mehren, wenn er eine Furche vom Nachbar-Acker auf die eigene Seite pflügte. Kapitalmärkte für Großprojekte gab es nicht und waren auch nicht nötig. Man produzierte ohnedies nur in kleinen ineffizienten Handwerksfirmen, und alles bloß von Hand. Da auch Handel und Handwerk nicht wachsen konnten, wurde auch der Kaufmann nur dann reicher, wenn er seine Kunden oder Lieferanten übervorteilte. Selbst Fürsten hatten in dieser wachstumsfreien Zeit keine andere Möglichkeit, als es sich vom Nachbarn zu nehmen. Diese unmenschliche und brutale Zeit hat die zwei modernen Gesellschaften und Religionen dieser Zeit tief geprägt -Judentum und Christentum. „Eher käme ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel“, mahnte schon Jesus Christus ein. Vor 2.000 Jahren einleuchtend: Da es kein Wachstum gab, musste der Reiche sein Geld ja jemand anderem gestohlen haben. Und so einen wollte man nicht in einer netten Gemeinschaft wie der im Himmel haben.
„Hurra! Wir wachsen!“
Die Industrialisierung bedeutete aber die größte Zäsur der Menschheitsgeschichte. Nach Jahrtausenden, in denen man sich in der Landwirtschaft mit 600 oder 700 kg Getreide je Hektar zufrieden geben musste, verdoppelten sich die Erträge ab dem Jahre 1800 plötzlich sprunghaft auf 1.500 kg. In den 1940iger Jahren erntete man in Österreich schon knapp 2.000 kg Weizen pro Hektar, heute sind es 8.000! In Holland und in Norddeutschland sogar 10.000! Das ist ein Kilogramm pro m2! Oder das 20fache was man zu Christi Geburt noch erntete. Eine Produktionssteigerung von 1.900 Prozent, oder von fast 4 Prozent jährlich seit dem Jahre 1800.

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Doch die 1.900 Prozent Wachstum aus der Landwirtschaft sind nichts im Vergleich zum Wachstum, das industrielle Produktionsverfahren ausgelöst haben. Adam Smith berichtete von englischen Stecknadel-Handwerkern, die 20 Stecknadeln pro Kopf und Tage produzieren konnten. Im Arbeitsprozess machte damals jeder alles. Alleine durch die Einführung der Arbeitsteilung – von nun an schnitt der eine den ganzen Tag nur mehr den Draht, der andere spitzte Stücke an, etc. - waren es bald 4.800 Nadeln täglich. Ein Wohlfahrtsanstieg um 23.900 Prozent.
Und das ist alles nichts gegen den industriellen Einsatz von Maschinen: Eine Stecknadel-Anlage produziert heute 100.000 Nadeln – täglich! Gegenüber dem 18. Jahrhundert ein Produktionsplus von einer halben Million (= 499.900 %) Prozent. Oder, über einen Zeitraum von 250 Jahre verteilt, ein Plus von jährlich 5,4 %. Stecknadeln sind heute fast gratis, die Arbeiter an der Maschine führen heute ein Leben in Sicherheit und Wohlstand, wie es die Fabrikbesitzer von anno dazumal sich nicht einmal erträumen konnten – Stichwort: Lebenserwartung, Technik, Freizeit. Und niemandem wurde etwas weggenommen….
Hilfe, wir alle werden reicher!
In den Wohngemeinschaften der 80iger und 90iger Jahre musste man noch Buch führen, wie lange ein jeder wohin telefoniert hatte, so teuer war das damals noch. Ein Mobiltelefon kostete 4.000 Euro, mein erster Laptop von Toshiba hatte den glücklichen Ersterwerber 1995 über 10.000 Euro gekostet. An den Autobahnauffahrten standen Kolonnen von Autostoppern, so teuer war das damals.
Heute ist Telefonieren beinahe gratis, Mobiltelefon oder Laptop kostenlos beziehungsweise in den Gesprächsgebühren eingerechnet. Autostopper gibt`s nicht mehr – mit 17 haben viele schon ihr erstes Auto.
Technisch sind für Otto Normalverbraucher heute Sachen möglich, die den Schöpfern von „Raumschiff Enterprise“ zu gewagt gewesen wären. Das erste Fax-Gerät in der Stadt Salzburg wurde in den 1980igern von der Salzburger Volkszeitung angekauft, der stolze Preis: 400.000 Schilling. Das entspricht heute einer Kaufkraft von ungefähr 80.000 Euro. Heute ist ein Faxgerät kostenfrei beim Computer-Drucker mit dabei. Der kann dann so nebenbei auch noch scannen und kopieren. Und das für 69 Euro. Faxen (und kopieren) ist heute also um 166.600 Prozent günstiger als noch vor 40 Jahren. Ein Wohlstandsgewinn von jährlich 4.100 Prozent. Dabei hat weder die Firma Canon ihre Rohstofflieferanten übers Ohr gehauen noch der Elektrofachmarkt seine Kunden -ein vitaler Kapitalismus hat den technologischen Fortschritt einfach nur weiter angeheizt.
Man merke: Alle wurden reicher und trotzdem wurde niemandem etwas weggenommen. Die meisten Güter des täglichen Lebens werden jährlich um einige Prozent besser – in Relation zum Geldeinsatz damit also billiger.
„Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich!“
In weniger als 300 Jahren hat sich unser Leben komplett auf den Kopf gestellt. In den Köpfen vieler Menschen leben wir aber immer noch wie zu Zeiten Jesu. Doch gilt die Prämisse vom Nullsummenspiel heute maximal noch für ein konkretes Geschäft. Ansonsten ist jeder Grund für Europas ewige Angst vor der ewigen Armut in der Wohlstandslawine von 300 Jahren Dauerwachstum längst ertrunken.
Der Kapitalismus hat die biologisch perfekten Wachstumsbedingungen für uns Menschen geschaffen: Jährlich leben wir noch länger, werden unsere Kinder immer noch größer und schwerer. Die Geschlechtsreife unserer Kinder rückt immer noch weiter nach vor. Und trotzdem sehen viele Kontinentaleuropäer vor allem Armut, Depression und Niedergang. Denn mangels Wirtschaftsbildung lebt Europas Mainstream noch immer in der antiken Welt des Nullsummenspiels und es warnte schon der Kommunist Bert Brecht: „Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich!“ Will heißen: Der, der mehr hat als ein anderer, hat nicht etwa mehr gearbeitet, sondern hat es ihm gestohlen.
Am meisten Geld haben klarerweise die Banken, und so sind diese in den Augen vieler (kaufmännisch Ungebildeter) natürlich gleich die größten Diebe. Knapp gefolgt von Unternehmern, den Reichen generell und dann auch noch der Mittelschicht. Dass das Geld der Banken diesen gar nicht erst gehört, stört Ungebildete nicht. Unsere Gesellschaft konnte Menschen auf den Mond schicken, aber sie ist unfähig, ihren Bürgern die einfachsten Zusammenhänge ihrer Wirtschaft zu erklären.


















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