Mittwoch 19. Juni 2013, 23:37

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Was uns nicht gefällt

Werner Faymann gefällt - wenn man Facebook zum Maß aller Dinge macht - gerade mal 5.500 Social Media-Freaks. Er rangiert mit seinem vieldiskutierten, heftig belächelten und sündteuren Online-Auftritt kilometerweit hinter echten heimischen Publikumslieblingen wie etwa dem Kabarettisten Michael Niavarani, der auf seiner Facebook-Seite bereits 175.000 Sympathiekundgebungen erhielt. Für den Kanzler scheinen selbst die 106.000 „Gefällt mir“ für HC Strache so gut wie unerreichbar zu sein, sogar Hansi Hinterseer übertrifft ihn locker um das Dreifache. Ein schwacher Trost mag allerdings sein, dass Vizekanzler Michael Spindelegger beispielsweise erst auf 390 deklarierte Online-Fans verweisen kann.

Google-Bildschirm durch eine Brille
Google-Bildschirm durch eine Brille
Bild: CC-BY 2.5
Faymann befindet sich jedoch - das wird ihn wohl noch mehr trösten - in bester Gesellschaft. Denn mit wenigen Ausnahmen - die auffälligste ist Nicolas Sarkozy mit nahezu 500.000 Mal Beifall - spielen Europas Politiker in der Social Media-Szene lediglich untergeordnete Rollen. Im Gegensatz zur deutschen Kanzlerin Angela Merkel, dem Briten-Premier David Cameron oder zum bulgarischen Regierungschef Boyko Borisov, der kürzlich sogar zum beliebtesten Fußballer seines Landes gewählt wurde, treten die meisten Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten in den sozialen Netzwerken kaum in Erscheinung. Die Faymann-Kollegen etwa in Schweden, Tschechien, den Niederlanden oder Finnland bringen es sogar auf noch weniger Online-Anhänger als der österreichische Kanzler. Der neue griechische Premier Lucas Papademos hält derzeit bei 155, sein Pendant in Lettland, Valdis Dombrovskis, hat gar erst 33 geschafft (siehe Tabelle).

Noch miserabler schneiden die EU-Kommissare ab, vermutlich auf Grund ihres bescheidenen europaweiten Bekanntheitsgrads: Hinter der bulgarischen Spitzenreiterin Kristalina Georgieva, die als Kommissarin für humanitäre Hilfe tätig ist und nahezu 15.000 Facebooker hinter sich versammelt hat, kommt lange nichts - und lediglich der Franzose Michel Barnier (Binnenmarkt) bzw. die Holländerin Neelie Kroes (Digitale Agenda) dürfen sich zumindest des Zuspruchs von mehr als 4.000 Onlinern sicher sein. Die meisten EU-Granden schaffen so wie der Austro-Kommissar Johannes Hahn lediglich ein paar hundert, und EU-Präsident José Manuel Barroso zählt mit derzeit 54 Votings zu den Schlusslichtern. Absolute Facebook-Muffel müssen wohl auch neun weitere Brüsseler Spitzen-politiker sein, weil sie bislang erst weniger als hundert Mal einschlägige Aufmunterung erfahren haben.

Mit Banalitäten kann man nicht punkten

Ohne Facebook näher treten zu wollen, so drängt sich doch die Frage auf, ob Regierungschefs oder EU-Kommissare unbedingt beim neuen Massenvolkssport mitmachen müssen - oder eben nicht? Die Antwort ist - auch wenn niemand bestreiten wird, dass soziale Netzwerke seit Barack Obamas Wahlkampf durchaus eine Rolle spielen - ganz simpel: NEIN. Denn obzwar auch Europas Polit-Newcomer, darunter die jüngsten Wahlsieger in Dänemark, Portugal und Belgien, stärker einschlägig vernetzt sind als die meisten etablierten Regierungschefs, gibt es an einem Faktum nichts zu rütteln: Politiker haben online mit Sicherheit noch weniger zu bieten, was ihre Klientel interessieren könnte, als im realen politischen Alltagsgeschäft.

Wenn etwa dem gleich neun MitarbeiterInnen zählenden Online-Team von Werner Faymann nichts Besseres einfällt, als den ÖSV-Adlern zu „den sensationellen Leistungen bei der Vierschanzen-tournee“ zu gratulieren, was übrigens 194 Web-Surfern gefallen hat, so ist das als reine Zeitverschwendung zu betrachten. Und dass der Bundeskanzler via Facebook mitteilen lässt, dass er nicht mehr am Arlberg eingeschneit, sondern bereits zurück in Wien ist, darf genau so wenig als weltbewegende Sensation eingestuft werden, die alle ÖsterreicherInnen unbedingt sofort erfahren müssten.

Die führenden Politiker haben (oder hätten?) ausreichend andere Gelegenheiten, sich und ihre Ideen, Programme etc. zu präsentieren und dabei eine beachtliche Breitenwirkung zu erzielen. Die Summe ihrer Aktivitäten - wobei naturgemäß auch Schein-Aktivitäten inkludiert sind - findet schließlich auf mehrfache Weise Niederschlag. Zum Beispiel in der medialen Resonanz, die sie erzielen. So etwa ist über Werner Faymann laut APA-/Defacto-Datenbank im vergangenen Jahr 16.000 Mal in den Medien berichtet worden. In der „ZiB 1“ war seine Stimme fast eine halbe Stunde zu hören, in der „ZiB 2“ durfte er nahezu 43 Minuten reden, und in der „ZiB 24“ kam er gemäß den Sekundenzählern der Firma Mediawatch auch noch 507 Sekunden lang zu Wort. Falls er bei diesen Gelegenheiten nicht irgendwelche Botschaften rüber zu bringen verstand, die beim TV-Publikum für Aufmerksamkeit gesorgt haben, werden ihm wohl die 5.500 Adoranten auf Facebook auch nicht entscheidend weiter helfen.

Facebook ist kein Wundermittel

Überraschend mag sein, dass Angela Merkel und ihr französischer Schatten Nicolas Sarkozy im vergangenen Jahr häufiger in den 275 von der APA/Defacto-Datenbank erfassten Medien erwähnt wurden als Österreichs Kanzler - nämlich gleich 53.000 bzw. 20.000 Mal. Mit journalistischer Willkür hat das letztlich kaum etwas zu tun, dafür aber mit dem politischen Stellenwert der genannten Personen. Auch der Internet-Gigant Google verrät über die Präsenz - und damit die Wertigkeit - von führenden Politikern einiges: Auf www.google.com taucht etwa Sarkozy gleich 57 Millionen Mal auf, die deutsche Kanzlerin folgt mit 42,7 Millionen Erwähnungen, der britische Premier David Cameron ist mit 33 Millionen Nummer drei.

Das Google-Ranking, in dem US-Präsident Barack Obama mit 272 Millionen Zitierungen unangefochten an der Spitze liegt, beschert den Österreichern jedenfalls eine herbe Enttäuschung: Kanzler Faymann belegt unter den EU-Regierungschefs nämlich lediglich Rang 25. Mit lediglich 806.000 Google-“Treffern“ kann er bloß seine Kollegen aus Zypern und Bulgarien, Demetris Christofias und Boyko Borisov, auf die allerletzten Plätze verweisen. Ähnlich schwach schneidet der rot-weiß-rote EU-Kommissar Johannes Hahn dabei ab: Er ist auf Google lediglich 470.000 Mal zu finden und rangiert damit auf Platz 20 unter den 27 Kommissionsmitgliedern. Erstaunlich, wie stiefmütterlich Hahn selbst in der Berichterstattung der österreichischen Medien behandelt wird: Im Vorjahr wurde er nämlich nur 1.600 Mal wahr genommen - Barroso hingegen 6.800 Mal, der Deutsche Günther Oettinger 4.500 Mal, während es Catherine Ashton und der Finne Olli Rehn auf rund 4.000 Berichte brachten.

Die Moral von der Geschicht? Österreichs Politiker haben einen gewaltigen Aufholbedarf, um im Lande bzw. auch international mehr Echo zu schaffen. Sie haben gegen eine immer noch zunehmende Politikverdrossenheit der BürgerInnen anzukämpfen, denen es zusehends auf die Nerven geht, dass zwar viel palavert wird, aber letztlich wenig geschieht. Faymann & Co. haben daher leider noch nicht annähernd das geschafft, was etwa vielen unserer Kulturschaffenden oder Sportskanonen gelungen ist - durch ihre Leistungen europaweit Anerkennung zu gewinnen. Genau deshalb kommen etwa der 22jährige Slalomstar Marcel Hirscher und der gleichaltrige Skispringer Gregor Skispringer auf Facebook bereits besser oder zumindest genau so gut an wie der 51jährige Bundeskanzler. Nur: Was bei populären Sportidolen ein perfektes Instrument der Selbstvermarktungs-Strategie sein mag, ist bei Politikern alles andere als ein Wundermittel. Facebook wird Faymann mit Sicherheit nicht zum Star machen - aber das hätte der Kanzler auch früher wissen können...

***

Die folgende Tabelle zeigen, wie stark die Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten und die Brüsseler Spitzenpolitiker auf Google präsent sind, wie häufig sie im letzten Jahr in den heimischen Medien genannt wurden und wie viele Fans sie auf Facebook haben:

Die Regierungschefs

Platz   Google Medienpräsenz Facebook-Likes
1. Nicolas Sarkozy (F) 57.700.000 20.413  494.462
2. Angela Merkel (D) 42.700.000 53.316
 123.673
3. David Cameron (GB) 33.000.000
8.745  153.072
4. Mariano Rajoy (E) 14.000.000 1.183  4.962
5. Donald Tusk (PL) 9.440.000 1.981  6.171
6. Emil Boc (RO) 7.240.000 181  914
7. Fredrik Reinfeldt (S) 6.140.000 286  4.134
8. Mario Monti (I) 5.410.000 3.592  6.916
9. Pedro Passos Coelho (P) 4.230.000 813  74.203
10. Jean-Claude Juncker (L) 2.800.000 5.236  3.853
11. Andrius Kubilius (LT) 2.780.000 96  845
12. Petr Nečas (CZ) 2.770.000 701 5.271
13. Andrus Ansip (Est) 2.650.000 329  286
14. Borut Pahor (SLO) 2.640.000 1.555  4.891
15. Elio Di Rupo (B) 2.420.000 787 41.285
16. Helle Thorning-Schmidt (DK) 2.010.000 554 137.774
17. Valdis Dombrovskis (LV) 1.970.000 281 33
18. Victor Orban (H) 1.700.000 2.806 120.798
19. Mark Rutte (NL) 1.660.000 576 2.267
20. Lucas Papademos (GR) 1.460.000 1.288 155
21. Enda Kenny (IRL) 1.350.000 997 6.017
22. Jyrki Katainen (FIN) 1.280.000 791 3.924
23. Iveta Radičová (SK) 1.060.000 984 24.524
24. Lawrence Gonzi (M) 1.000.000 84 2.110
25. WERNER FAYMANN (A) 806.000 5.454 5.454
26. Demetris Christofias (CY) 737.000 148 3.318
27. Boyko Borisov (BG) 431.000 329 186.883

 

Quellen: Google, APA/Defacto-Datenbank (Zeitraum 01.01. - 31.12.2011)

sowie Facebook (Stand: 09.01.2012)

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