Sonntag 19. Mai 2013, 09:04

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Wann kommt der Tag der EU?

Österreichs Nationalfeiertag war auch heuer wieder eine feine Sache:  Ein Tag zum Ausschlafen, der wahlweise die Teilnahme an einem der österreichweit veranstalteten zahlreichen Wandertouren und manch anderen Zeitvertreib  möglich machte. 800.000 Menschen marschierten am Wiener  Heldenplatz  auf, um die alljährliche Leistungsschau  des Bundesheeres nicht zu versäumen, und massenhaft strömten die BürgerInnen Richtung Ballhausplatz, um Heinz Fischer und/oder Werner Faymann beim Tag der Offenen Tür einmal hautnah erleben zu können. Auch im Parlament konnten sich Schaulustige ein Bild davon machen, in welchem baufällig gewordenen Ambiente ihre Repräsentanten die Arbeit verrichten.

Bundeskanzler Werner Faymann empfing im Rahmen des Nationalfeiertages Besucherinnen und Besucher im Bundeskanzleramt.
Bundeskanzler Werner Faymann empfing im Rahmen des Nationalfeiertages Besucherinnen und Besucher im Bundeskanzleramt.
Bild: Andy Wenzel/BKA
Der arbeitsfreie Tag, der - was übrigens die wenigsten wissen dürften - einem Ereignis vor 57 Jahren zu danken ist, hat zwar der  heimischen Wirtschaft wieder einen nicht unerheblichen Schaden zugefügt, trotzdem erfreut er sich ungebrochener Beliebtheit. Rot-weiß-rote Tageszeitungen und Magazine widmeten dem historischen Anlass - dem Beschluss des Neutralitätsgesetzes am 26. Oktober 1955 - ganz staatstragend seitenlange Berichte. Zum einen trieften diese vor Patriotismus („Österreichs an die Spitze!“), zugleich enthielten sie zahllose Vorschläge und Ideen, wie die Republik alles in allem künftig noch viel besser werden könnte. Kurzum: Der Nationalfeiertag brachte auch heuer eine durchaus festliche Note in den bürgerlichen Alltag - auch wenn er schon längst nicht mehr wirklich zeitgemäß ist.

Das ist in anderen Ländern freilich nicht anders: Die EU-Mitgliedsstaaten zelebrieren durch die Bank mit totaler Arbeitsniederlegung, aber zumindest voller Stolz und breiter Genugtuung historische Ereignisse, die sie vielfach als Teil ihrer Identität zu betrachten pflegen: So etwa erinnern sich die Magyaren, die nicht weniger als drei Nationalfeiertage benötigen, nicht nur an die Staatsgründung vor mehr als tausend Jahren, sondern auch an die März-Revolution 1848 sowie an den Volksaufstand 1956. Für die Franzosen wiederum ist der 14. Juli 1789, an dem es zum Sturm auf die Bastille gekommen war, immer noch ein zentraler Bestandteil ihres stolzen Nationalbewusstseins. Die baltischen Staaten schließlich gedenken unisono der vor fast hundert Jahren erlangten Unabhängigkeit vom russischen Zarenreich. Bisweilen lässt sich freilich an der Qualität des Anlasses diverser Gedenktage intensiv zweifeln: Ob der Todestag ihres Nationaldichters Luís de Camões vor 433 Jahren für die Portugiesen immer noch von derart beträchtlicher Relevanz ist, dass sie sich gleich einen Nationalfeiertag gönnen, ist eben so fragwürdig wie das Faktum, dass Niederländer und Luxemburger einen nationalen Feiertag benötigen, um traditionsbewusst die Geburtstage ihrer Herrscher zu feiern - wiewohl die schon längst nicht mehr auf den 30. April bzw. 23. Juni fallen. Nicht zuletzt mutet es durchaus seltsam an, dass Spanien nach wie vor jedes Jahr die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus 1492 feiert - vielleicht  wäre das für die Vereinigten Staaten ein passenderer Grund.

Der 9. Mai ist ein Flop

Die Sinnhaftigkeit  der meisten  Nationalfeiertage, die  in der Regel einen   Exkurs in die tiefe Vergangenheit darstellen (siehe Tabelle), ist jedenfalls mehr als fraglich: Abgesehen vom Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober), der einem Großevent der Zeitgeschichte gewidmet ist, gibt es für die Bürgerinnen und Bürger nur in Slowenien, wo alljährlich die Unabhängigkeit von Jugoslawien 1991 thematisiert wird, und der Slowakei, der die  Abspaltung von der Tschechoslowakei 1993 ein nationales Fest jährlich Wert ist, einen aktuellen, auch durchaus emotionalen Bezug. In den meisten EU-Staaten geht es hingegen um antiquierte Themen wie das Ende einer Annexion (Schweden 1523), die erste Verfassung (Polen 1791) oder eine längst vergessene Revolution (Griechenland 1821), was heutzutage niemanden mehr zu berühren vermag. Deshalb wäre es mit Sicherheit von Vorteil, wenn sich Nationalfeiertage künftig nicht so sehr um die Vergangenheit ranken würden, sondern mehr mit der Gegenwart zu tun hätten.

Als geeigneter Aufhänger böte sich naturgemäß die Europäische Union an. Sie hat zwar bereits 1985 auf einem EU-Gipfel in Mailand beschlossen, einen „Europatag“ einzuführen, um damit an eine visionäre Rede des französischen Außenministers Robert Schuman über ein geeintes Europa im Jahr 1950 zu erinnern. Der 9. Mai, ein für die Gründung der EU historisches Datum, blieb allerdings bislang europaweit weitgehend unbeachtet. Auch wenn sich das Europäische Parlament an diesem Tag in Straßburg und Brüssel stets mit diversen Veranstaltungen in Szene setzt - heuer gab es sogar ein Quiz, ein Schachturnier sowie eine prominente DJane auf Großbritannien - , ist dieser EU-Show lediglich ein ähnlich schwache Außenwirkung beschieden wie einer Reihe anderer Gedenktage, die auf geradezu inflationäre Weise aus dem Boden gestampft wurden, darunter der Tag der Gehörlosen, der Kopfschmerztag oder der Welttag des Stotterns.

Aber wenn es offenbar eine Legitimation für einen Tag der Fische, den Tag des Schlafes, den Welttag der Poesie  oder einen Tag der Allergien zu geben scheint, die von diversen Institutionen erfunden wurden, sollte wohl auch ein Tag der Europäischen Union seine Berechtigung haben. Das müsste ja nicht gleich ein zusätzlicher Nationalfeiertag in den 27 Mitgliedsstaaten sein, auch kein arbeitsfreier Tag auf Kosten des Bruttoinlandsprodukts, aber es sollte jedenfalls weitaus mehr als eine der üblichen Alibiaktionen sein. Die EU könnte sich beispielsweise an einem Sonntag, etwa dem ersten im Mai, mit einer groß angelegten, professionellen PR-Kampagne ins Zentrum des öffentlichen Interesses rücken.

Das würde die Chance bieten, einen längst fälligen Kontrapunkt zum täglichen medialen Krisengejammer zu setzen, wenn etwa ausführlich und europaweit die Vorteile erläutert werden, die die europäische Integration trotz aller - teilweise auch berechtigter - Kritik mit sich bringt. Auf diese Weise könnte in das Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger, allen voran der EU-Skeptiker, einsickern, dass die Union weitaus mehr ist als eine bürokratische, machtgierige Institution in Brüssel, die primär durch ihre Unfähigkeit auffällt, mit wirksamen Maßnahmen die Krise zu bekämpfen. Dass sie nämlich jedem einzelnen Mitgliedsstaat die riesige Chance eröffnet, in gemeinsamer Formation stärker zu werden und die Zukunft im Wettstreit mit Polit- und Wirtschaftsgiganten wie USA, China oder Indien besser zu bewältigen. Es muss letztlich auch darum gehen, dass sich die 500 Millionen Menschen dieses Staatenbundes nicht bevorzugt als Deutsche, Franzosen, Briten, Österreicher oder Griechen sehen, sondern als Europäer.


 




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